Die Orestie im Schauspielhaus Düsseldorf

Ein Versuch, die Götter vom Himmel zu holen

„Am Anfang gehen wir zu den Anfängen“, lautet das Motto der Saisoneröffnung des Düsseldorfer Schauspielhauses. Es führt uns zurück ins Jahr 458 vor Christus zur einzigen vollständig erhaltenen antiken griechischen Tragödie, der Orestie des Aischylos. Das dreiteilige Drama, dessen Darbietung in der Antike über Tage währen konnte - und auch bei der legendären Aufführung des Peter Stein in der Berliner Schaubühne im Jahr 1980 noch neun Stunden dauerte - ist jetzt in Düsseldorf auf zwei Stunden verdichtet. Doch nicht nur der Text, auch der Mythos wird drastisch beschnitten: der Regisseur Simon Solberg (Jahrgang 1979) schafft die Götterwelt ab und ersetzt sie durch menschliche Entscheidungen. So ist es nicht Athene, die hier das Weltgeschehen revolutionär verändert, sondern Erkenntnis und Einsicht des Menschen selbst. Und um sicher zu gehen, dass wir seine Utopie verstehen, ergänzt er den Text durch einen Epilog, der etwas pathetisch einen Zukunftstraum entwirft - vielleicht in Analogie zu den kleinen Satyrspielen, die den Trilogien einst als Scherzo angefügt wurden, und das für die Orestie verloren gegangen ist.

Das erste Bühnenbild, eine hochaufgestufte dunkle Landschaft - möglicherweise ein Sinnbild des dramatischen Stufenbaus des zu berichtenden Epos‘ vom Schicksal der Atriden - versetzt uns aber nicht wirklich zurück in eine Theaterwelt vor 2500 Jahren, denn in riesigen Lettern stehen da die Namen der deutschen Bundesländer: Hessen, Mecklenburg-Vorpommern …, ein für mich schwer nachvollziehbarer Aktualisierungs- und Identifikationsversuch der sonst so überzeugend stimmigen Bühnengestaltung (Ansgar Prüwer-LeMieux).

Wie aus dem Nichts tauchen sieben unauffällig grau gekleidete Figuren auf, verteilen sich in wunderbarer Choreographie während der gesamten Inszenierung über die Bühne, übernehmen wechselnde Rollen als Chor, mal ratend und mahnend, mal berichtend oder klagend, mal Wächter, mal emotional beteiligte Bürger der Stadt: eine geniale Regie-Idee, bravourös umgesetzt von Studierenden der Essener Folkwang-Hochschule im Fach Gesang. Wunderbar verständlich sowohl die gesprochenen Texte als auch der immer wiederkehrende Sprechgesang - eine kluge Erinnerung daran, dass der Ursprung des griechischen Theaters das Singspiel war.

Aus dem Schnürboden fährt ein Goldenes Kalb herab, wird vom Chor zu monotonen Orgelklängen mit gleichförmigem Singsang und dann mit dem Ruf „Helena“ begrüßt. Darauf ein Trommelwirbel. Irgendwo in „Hessen“ läuft ein altmodischer Fernseher und berichtet den lauernden Wächtern vom Geschehen.

„Die böse Tat erzeugt weitere Untat, und weitere Untat, und weitere Untat die böse Tat…“ ertönt es und fasst damit zusammen, was die Grundlage antiken Rechtsverständnisses bildete, nämlich das Prinzip der individuellen Rache: die zerstörerische Spirale von Mord, Rache und wiederum Mord. In den beiden ersten Teilen der Orestie stellt Aischylos die verheerende Wirkung des mythischen Fluchs dar, der auf dem Haus Atreus lastet. Es ist die Geschichte des Agamemnon, König von Mykene, der für sein Kriegsglück im Trojanischen Krieg seine Tochter Iphigenie den Göttern opferte. Nach seiner Rückkehr werden er und seine Konkubine Kassandra von seiner Frau Klytaimnestra und deren Geliebten Aigisthos erschlagen. Daraufhin erhält der Sohn Orest von Apoll den göttlichen Auftrag, den Vater zu rächen und wird so –angetrieben von seiner Schwester Elektra - zum Muttermörder. Doch das Gesetz der Blutrache fordert sein nächstes Opfer und so treiben die Rachegeister, die Erinnyen, Orest in den Wahnsinn und aus dem Land, nach Athen unter den Schutz der Göttin Athene.

Hier nun geschieht bei Aischylos das revolutionär Neue: Nicht die Götter richten über Orest, sondern eine Art Bürger-Gericht aus Richtern und Geschworenen. Es kommt nach der Verhandlung zur Stimmengleichheit. Und das bedeutet Freispruch. Der Familien-Fluch ist durchbrochen. Das Gesetz der göttlichen Blutrache und Sühne weicht dem menschlichen Recht, das heißt einer geordneten Rechtsprechung. Die Demokratie ist geboren (allerdings mit Hilfe Athenes, der Göttin der Vernunft). Die Rachegeister Erinnyen werden zu Eumeniden, „Den Menschen Wohlgesinnten“. Diese Wandlung setzt die Bereitschaft zu verzeihen und zu vergeben voraus, völlig neue Wertvorstellungen, die eine menschliche Gerichtsbarkeit einfordert. Soweit Aischylos.

Solberg geht eigenwillig mit dem Vorgefundenen um. In starken Bildern berichtet er vom Kern der Geschichte: Klytaimnestra (Minna Wündrich) erscheint hoch oben auf dem Bühnenberg mit geflochtenem Haarkranz in antikisiertem weißen Gewand - das im Laufe des Dramas mit eimerweise rotem und schwarzem Theaterblut eingefärbt werden wird - und wechselt grandios von der pathetisch klagenden, kraftvoll rachefordernden Mutterfigur zu einem höchst alltäglichen keifenden Eheweib. Bestärkt und illustriert werden sollen ihre Vorwürfe wohl durch eine Episode am Rande: die tote Iphigenie erscheint kahlgeschoren in weißem Totenhemdchen neben einem jüdischen Grabstein - eine Assoziation am Rande des Erträglichen.

Neben Wündrich spielt Thomas Wittmann seinen Agamemnon - im Stück der siegreich heimkehrende Held - als kraftlosen Biedermann in beigem Cordanzug mit Knickerbockern und Schlips-und-Kragen. Nur zögerlich nähert er sich seinem Zuhause und während er von oben von seinem Weib zum Shostakovich-Motiv aus „The Suicide (Tri Lilie)“ beschimpft wird, beginnt er den Aufstieg mit dem Satz: „Da du mich deinem Willen unterworfen hast/schreite ich jetzt auf Purpur in mein Haus“. Doch nicht über einen Roten Teppich, sondern über Menschenleiber muss er steigen. Wie Leichname versperren ihm die Körper der Chorsänger den Zutritt: ein erschreckendes, bestürzendes Bild.

Mit Trommelwirbel und lautem Dröhnen endet der zweite Teil, die Bühne dreht sich und ein geheimnisvolles, kaum erleuchtetes Gestänge schafft eine Grabeskammer-Atmosphäre.

Orest (Jonas Friedrich Loenhardi) erscheint mit einem riesigen Drachenkopf, eine alberne Maskerade, aber auch ohne dieses Ungetüm wirkt die Figur irgendwie kraftlos, fast mickrig. Unglaubwürdig, dass sich seinetwegen die Götterwelt zur revolutionären Neuordnung, zum Verzicht ihrer Allmacht entschließt. Der Oberkörper des toten Vaters erscheint im blutverschmierten Unterhemd und fleht: „Erbarme dich des Vaters!“ „Blut um Blut! Verderben um Verderben! Rache um Rache!“, dröhnt es zur Bestätigung antiken Rechtsverständnisses zur Melodie des Dies Irae über die Bühne. Orest gehorcht. Magnifikat –Orgeltöne –Glockengeläut.

Im nächsten Teil liegen die besudelten „Toten“ im Vordergrund aufgebahrt und Orest, der Muttermörder, irrt von Erinnyen - den Vergeltung einfordernden Rachegöttinnen getrieben - durch das dunkle Gestänge. Meisterlich die Lichtführung insbesondere während dieses Teils!

Und dann steigt Solberg aus dem antiken Mythos aus. Mit einem Schrei tritt eine Elektra (Lieke Hoppe) auf, aber das ist nicht die Elektra der Atriden-Tetralogie. „Haltet ein!“ ruft sie und schildert ihr grausames Schicksal in diesem blut-besudelten Haus: „Der Vater nahm die Schwester mir“, die Mutter den Vater, der Bruder die Mutter. Aber da stimmt schon etwas nicht: der Bruder wurde angetrieben von seiner Schwester Elektra. Solberg legt ihr Worte der Athene und deren Entscheidungen in den Mund, ohne eine Begründung für diese neuerliche Machtfülle zu liefern. Elektra gehört zu einem Blut-Haus, woher sollte ihr die Herrschaft über die Götterwelt, das Recht, göttliches Recht zu brechen, zukommen?

Dazu braucht der Mythos Athene: Sie ist die Nicht-Blut-Geborene, die dem Haupte des Göttervaters Zeus entstieg, seine Gestalt gewordene Weisheit: die reine Vernunft. Und es ist bei Aischylos die Vernunft, die die Unmenschlichkeit einer göttlichen Blutrache durch vernünftige, geordnete Rechtsprechung ersetzt; und der es gelingt, die Erinnyen zu Eumeniden zu bekehren. Die letztendlich eine neue, menschliche Ordnung schafft.

Man kann diese archaischen, mythischen Bilder durch heutige, weltliche ersetzen, doch sollten sie stimmen. Solberg gelingt es nicht, den Himmel vernünftig zu entvölkern. Und wenn er in der erfundenen Schlussszene Kassandra naiv-optimistisch verkünden lässt: „Der Tag wird kommen…“, spürt man den Lehrmeister - und ist verstimmt.

Dennoch schafft er insgesamt einen intensiven Theaterabend, der zum Nachdenken anregt und den das Publikum mit viel Applaus würdigte.