Liebeslügen oder Treue ist auch keine Lösung im Horizont Theater Köln

Frauenkomödie mit dunklen Untertönen

Das Titelfoto auf dem Programmblatt ist reichlich schlüpfrig: eine Frauenhand packt von hinten zwischen die Beine eines Mannes. In Liebeslügen kann es also nur um Sex und Co. gehen. Die Autorin Ildikó von Kürthy lässt ihr erstes Bühnenstück tatsächlich mit der einschlägigen Tratschrunde dreier Damen anheben, beste Freundinnen seit Ewigkeiten. Man erzählt sich alles, selbst Intimstes, ohne dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Vor allem Nathalie ist ein Objekt sexueller Ausschweifung; gerade hat sie einen Steuerberater zur Hand. Aber langsam sehnt sich die nicht mehr ganz junge Frau nach etwas Dauerhaftem, Solidem. Die beiden anderen sind in Wort und Tat auch nicht ganz ohne, halten sich aber doch etwas mehr im Zaum, verfechten teilweise sogar veraltete (?) moralische Prinzipien wie die Treue. So nennt Julia anscheinend glücklich Mann und Kind ihr eigen, aber die Familienidylle bewegt sich doch stark im Leerlauf. Birgit wiederum, hier und da mit einer Liaison beschäftigt, wünscht sich ein Kind, kann aber keines bekommen. So legen sich immer stärkere Schatten auf das allgemeine Lustleben.

Der erste Plausch über „die“ Männer, welche primär als Witzfiguren gesehen werden, verläuft als ziemlich zotige Talkrunde, und dem Zuschauer schwant solcherart zunächst nichts Gutes für den Abend, auch wenn die von deftigem Wortwitz durchzogenen, stets wortbrillianten Dialoge immer wieder zum Lachen reizen. Dann aber wird es zunehmend ernst, man diskutiert über moralische Fragen wie Liebesfreiheit und Ehetreue. Wo ist Wahrheit angesagt, wo Lüge erlaubt, welches Glück gilt mehr, das eigene oder das eines anderen, welches durch Seitensprünge möglicherweis zerstört wird? Ein „Höhepunkt“ unter den mehr und mehr raumgreifenden Stories ist Birgits Affäre mit dem Mann von Julia, welche eine Schwangerschaft zur Folge hat. Eigentlich ein Glück für Birgit. Wird sie aber die Wahrheitsunterdrückung gegenüber ihrer Freundin auf Dauer aushalten? Was so heiter-frivol mit einem Bar-Treff begonnen hatte, gewinnt mehr und mehr besinnliche, mitunter fast tragische Konturen. Und der Schluss bleibt letztlich offen.

Ildiko von Kürthy ist eine erstaunliche Autorin, der ein wirklich großes Kunststück gelingt. Obwohl das Vokabular ihrer Protagonistinnen stark unter die Gürtellinie zielt, wirkt der Text nie banal oder gar abstoßend, bleibt durch virile Komödiantik vielmehr immer auf Niveau. Andererseits geht der Autorin auch bei tränennahen Dialogen der Wortwitz nicht aus. Über Ildiko von Kürthy verlautet auf dem Programmzettel fahrlässigerweise kein einziges Wort. Nachhilfeunterricht also bei Wikipedia (im Folgenden gerafft). Ildiko von Kürthy (* 20. Januar 1968 in Aachen) ist eine deutsche, aber ungarischstämmige Schriftstellerin und Journalistin, war unter anderem tätig bei der Frauenzeitschrift „Brigitte“. 1999 veröffentlichte sie mit dem Roman Mondscheintarif ihr erstes Buch, das 2001 unter der Regie von Ralf Huettner für das Kino verfilmt wurde. Die Heldinnen ihrer humoristischen Romane sind moderne junge Frauen, die mit Witz und Selbstironie ihre eigenen Schwächen schildern und über die Malheurs im Umgang mit Männern räsonieren. Im März 2016 hatte ihr erstes Theaterstück Liebeslügen oder Treue ist auch keine Lösung Premiere am Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg.

In dem von Jan Pawlowski entworfenen Bar-Ambiente verzichtet die Inszenierung von Christa Nachs auf leerlaufende Aktionen, die ganze erste gefühlte Viertelstunde ist ein reines Tischgespräch, welches primär von der Qualität der Darstellerinnen lebt: Sandra Deutscher (Julia), Verena Leenders (Birgit) und Silke von Voigt (Nathalie). Hier und da der Abgang einer Darstellerin, danach themenvertiefendes Zweiergespräch; einmal ein Zigarettenplausch im Dunkeln. Letztlich nicht viel an inszenatorischen Zutaten, und doch wirkt die eindreiviertelstündige Aufführung stets lebendig, freilich auch wegen des unablässig funkelnden Textes. Dieses Stück wäre auch etwas für das Kölner Komödienhaus „Theater am Dom“ gewesen.