Peer Gynt im Köln, Schauspiel

Sturz aus der Welt der Lügenmärchen

Die halbe Welt wird er umwandern. Peer Gynt, ein rastlos Getriebener, ein naher Geistesverwandter Fausts. Ein charmanter Lügner, flieht er in Tagträume und phantasiert sich in die Rolle eines Kaisers der Welt. Marokko ist die erste Flucht-Station des zuvor in den nordischen Bergen lebenden armen und verachteten Bauernsohns. Seiner Mutter Aase sagt er Lebwohl, zeugt ein Kind mit Ingrid, der Frau eines anderen, und verlässt schließlich selbst seine Geliebte Solveig. Er folgt der selbstsüchtigen Sehnsucht der Trolle: „Sei dir selbst genug!“ Die Wüste durchquert er, lässt sich in ihr als Prophet feiern, wird in einem Irrenhaus zum Kaiser gekrönt, ehe ihn am Ende ein Schiffbruch und die Angst vor dem Tod zur Besinnung bringen. In den Armen seiner einst so schamlos verlassenen Solveig findet er zu sich selbst.

In Henrik Ibsens Peer Gynt, vor genau 150 Jahren zu Papier gebracht und erst neun Jahre später in Oslo uraufgeführt, wimmelt es vor Figuren aus der Welt norwegischer Trolle. Sie, Lügen und Selbstbetrug begleiten Peers Lebenslauf vom jugendlichen Welten-Stürmer bis ins erlösende Greisenalter. „Peer, das lügst du!“, sind die ersten Worte der Mutter Aase, ehe das Stück überhaupt richtig begonnen hat. „Nein, es ist wahr“, hält Peer dagegen. Zwischen diesen beiden Polen pendelt das Stück grandios hin und her. Stefan Bachmann, Köln Schauspielchef und Intendant, startete mit Ibsens außergewöhnlich schillerndem „dramatischen Gedicht“ nun erfolgreich in die neue Spielzeit.

Die Welt des norwegischen Lügenbarons ist im Depot 1 des Kölner Schauspiels eine sich drehende, steil aufsteigende runde Scheibe, die sich auf einer Art Kreisel bewegt und dabei immer wieder neue Ein- und Ansichten bietet. Ein durchgängig überzeugendes Symbol-Bild für Peers Weltenwanderung. Bunt ist diese Welt, selbst im neblig hohen Norden. Bunt die Hosen, knallfarben die Jacketts, vielfarbig Westen und Pullover. Ein Wunderwerk der Strickkunst, vom Kostüm-Duo Jana Findeklee und Joki Tewes kreiert. „Kostüme“ , die das Klischee vom Norweger-Pullover ironisch auf den Arm nehmen.

Bunt ist schon zu Beginn auch Peers Phantasie. Und damit auch der Ton des Stücks und seiner Inszenierung angeschlagen. Mutter Aase (Marek Harloff) muss sich einmal mehr anhören, in welcher Märchenwelt ihr Peer lebt. Auf einem Bock ist er durch Felsschluchten und Fjorde geflogen. Die Menschen in seinem Umfeld sind ebenfalls kaum von dieser Welt. Die Groteske lässt grüßen, wenn sie zu leise im Hintergrund aufspielender Tanzmusik auf der Stelle tänzeln, Marionetten gleich. Skurril ist diese Welt, alles andere als real.

Ganz und gar nicht von dieser Welt sind Norwegens Trolle. Robust und direkt geht es bei ihnen zu. Dass bei ihnen Peer ungeschoren davonkommt, nachdem er die Tochter des Chefs aller Trolle geradezu tierisch bestiegen hat, ist gleichwohl wenig wahrscheinlich. Papa und seine Artgenossen, ihrer Stellung entsprechend mit riesigen Geschlechtsteilen ausgestattet, pflanzen dem Sexualprotz aus dem wahren Leben den Grundsatz ein: „Sei dir selbst genug!“ Brav wird Aases Sohn diesem Motto trolliger Selbstsucht lange folgen.

Zu Kapital hat es Peer wenig später gebracht. Sklavenhandel hat ihn zum reichen Mann gemacht. „Nigger“ hat er verkauft, und aus dem Bauernsohn ist ein wahrer Kapitalist geworden, dem Moral ein Fremdwort ist. Sonnenbrille, überhebliches Gehabe, ein lautverstärkendes Mikro versetzen ihn ins Zentrum der Weltscheibe. Auf ihrer kreisenden Schräge wird er umringt von Bewunderern. Ehre, Würde und Moral sind ihm nichts, Gewinn alles. Als Prophet lässt er sich feiern und „schwimmt“, wie er weiß, damit „auf dem großen Strom der Zeit“. Doch der „gute Hahn“, als den er sich outet, ist sein Verderben: Ausgepeitscht wird er von seinen Anhängern in der Wüste. Halb nackt und von Blutstriemen übersät, landet er in einem Kairoer Irrenhaus. Hier endlich wird sein Ziel, Kaiser der Welt zu werden, erfüllt – von Geisteskranken.

Damit ist er aber auch dem Ende seiner Reise „außen herum“ nahe. Und je näher er seinem Ziel kommt, das auch sein Fluchtort war, desto ruhiger, ja müder wird Peer, fast bis zum Schweigen. Die Weltscheibe im Hintergrund ist verschwunden, wenn Solveig den reumütigen Heimkehrer in die Arme nehmen kann, ihn in ihren Schoß legt und dem nun völlig Erschöpften liebevoll zuflüstert: „Lass mich wachen über dich“.

Bachmanns Inszenierung ist ein gelungener Parforce-Ritt durch Ibsens Welten. Mit Jörg Ratjen als Gynt-Darsteller, der einfach bravourös die Szene beherrscht, wenn es ihn durch die Weiten seiner Phantasie treibt. Wie zudem die „glorreichen Sieben“, die dabei in drei Dutzend Rollen schlüpfen, neben ihm brillieren, ist ebenfalls aller Ehren wert. Verblüffend, wie selbst Bachmanns (gleichwohl nicht ganz nachvollziehbare) Entscheidung aufgeht, alle Rollen durch Männer darstellen zu lassen.

Nach drei pausenlosen Stunden, die nach den anfänglich grotesk-skurrilen, ja grellen Szenen zuletzt in feiner Heimkehrer-Innerlichkeit enden, gab’s kein Halten mehr: Großer Applaus. Völlig zu recht.