Das kalte Herz im Schauspielhaus Düsseldorf

Vom Glück, kein Geld zu haben

Aus dem dunklen Bühnenraum klingen Vogelgezwitscher und Kuckucksrufe. Aber nein: da ruft kein Kuckuck, sondern eine Kuckucksuhr! Dann wird es hell und zu leiser Volksmusik zeigt ein riesiges Plakat alles, was man so mit der Schwarzwald-Folklore verbindet: Volkstänzer im Trachtenkostüm, üppige Schinken, Kirschwasser und die entsprechende Torte dazu und eben die weltberühmte Wanduhr. Und davor, fast über die gesamte Spielfläche verteilt, glitzern und blinken unzählige Kupfermünzen.

Zwei temperamentvolle Kinder in Trachtenkostümen stürzen auf die Bühne, begrüßen gutgelaunt das Publikum und stellen sich als Moderatoren des Abends vor: Philine, 13 Jahre und Pablo, 12 Jahre. Zweifellos machen sie das zum ersten Mal, denn wir sind ja in einer Vorstellung der Düsseldorfer Bürgerbühne, einem Projekt von Bürgern mit Bürgern, doch wirken diese beiden Jungmoderatoren so selbstbewusst und souverän, als täten sie nichts anderes . Sie beginnen mit einer Mitmachaktion: Das Geld auf der Bühne ist echt. Alles Ein-Cent-Münzen. Wie viele sind es? „Eine Million“, rufen gleich mehrere aus dem Publikum. Richtig. Und wieviel Euro sind sie wert? Zehntausend. Und wie schwer? Das müssen die beiden verraten: 2,3 Tonnen.

Nach diesem kleinen Quiz erscheinen acht Darsteller auf der Bühne, fünf Frauen, drei Männer, Bürger der Stadt mit höchst unterschiedlichen Biographien, alle ohne Bühnenerfahrung. Nach zwölf Wochen gemeinsamer Probenzeit haben sie sich zusammengefunden, um aus ihrem eigenen Leben Assoziationen zu dem Märchen Das kalte Herz von Wilhelm Hauff zu einem „Spiel des Lebens“ zu bündeln und zu präsentieren. Doch bevor sie ihre Geschichten erzählen - in denen sie sich auf die Suche nach dem Peter Munk in ihrem eigenen Leben machen - bieten sie uns das Märchen in Kurzform: da bleiben nur die Fakten, Sprache, gedanklicher Hintergrund, Atmosphäre des literarischen Werkes gehen verloren. Letztlich bleiben Geldgier und das Verlangen nach gesellschaftlicher Anerkennung als Plot. Das Schicksal des Peter Munk reduziert sich auf die Reise vom Kohlenmunkpeter zum Millionär und zurück.

Es folgen die vielfach berührenden Geschichten der acht Bürger*innen, teils im Dialog erspielt, teils durch Verfremdungen unterbrochen oder auch im Block zusammengefasst. Manches wird nur angetippt oder skizziert, manches ausgebreitet. Texte des Märchens tauchen dabei nur selten und dann ausdrücklich als Zitat auf. Parallelen zu den Figuren und Motiven der literarischen Vorlage sind oft schwer erkennbar, auch das Verlangen nach Geld und Anerkennung ist durchaus nicht immer der Antrieb. Die Magie der Zaubermächte im Märchen mit ihren Bedrohungs- und Verführungs-Szenarien, klingt in den wiederkehrenden, stereotypen Versprechungen und Übertreibungen eines Bankers nur zaghaft an. Dennoch: es gelingt den Protagonisten mit ihren erzählten Biographien - vom Stadtnomaden bis zur Multimillionärin, von der Putzfrauen-Tochter bis zur Weltenbummlerin - ein Panorama aus heutigen Aufstiegen und Abstürzen zusammenzufügen und sowohl sprachlich als auch spielerisch überzeugend und unterhaltsam darzustellen. Die Bürgerbühne unter Christof Seeger-Zurmühlen schafft mit dieser einfallsreich inszenierten Aufführung ein Stück postdramatischen Theaters, in dem nicht wie häufig beim Rimini-Protokoll Experten oder Spezialisten zu Wort kommen, sondern Menschen des Alltags auf eindrucksvolle Weise sich selbst darstellen .

Das Publikum – ein völlig anderes als das übliche Premierenpublikum, zweifellos ein erfreulicher Zugewinn dieser Theaterarbeit – applaudierte begeistert.