Occident Express im Köln, Schauspiel

„Ich atme. Das ist die letzte Anstrengung.“

Natürlich soll der Titel von Stefano Massinis jüngstem Stück den Gedanken an den legendären Orient Express evozieren. Das war der Luxuszug, der von Paris über Budapest und Sofia nach Konstantinopel (also ins heutige Istanbul) führte. Besondere Berühmtheit erlangte er durch Agatha Christies Kriminalroman „Mord im Orient Express“ aus dem Jahre 1934 – und der wiederum lebt in den Köpfen der Freunde britischer Kriminalgeschichten vor allem durch Sidney Lumets vierzig Jahre jüngere Verfilmung mit Albert Finney in der Rolle des Meisterdetektivs Hercule Poirot fort. Wien, Budapest, Sofia, Istanbul: Das ist – in umgekehrter Richtung – die heutige Balkan-Route, die Fluchtroute von Hunderttausenden von Menschen, die vor Kriegswirren und Unruhen, politischer Verfolgung oder wirtschaftlicher Not ihrer Heimat in Syrien oder im Irak, in Afghanistan und Pakistan den Rücken kehren. Die Menschen auf dieser Route erleben das krasse Gegenstück zu Hercule Poirots Luxus-Reise.

 „Haifa, du bist zur Sesshaftigkeit geboren“, hatte Haifas Schwester einst zu der heute 60jährigen alten Frau gesagt. Haifa spricht diesen Satz gegen Ende des Stückes ein zweites Mal, als sie nach langer und gefährlicher Odyssee fast am Ende ihrer Reise, aber auch am Ende ihrer Kräfte angelangt ist. Der Satz, richtig ausgestellt, trifft ins Herz, und er trifft wohl das Empfinden der Mehrzahl aller auch hierzulande immer weniger willkommenen Flüchtlinge: Wer verlässt schon freiwillig und ohne Sicherheiten seine Heimat? Haifa bleibt keine Wahl: Bei einem Massaker in Haifas irakischem Heimatdorf wird fast ihre gesamte Familie durch den IS-Terror getötet. Das Dorf ist zerstört, und so macht die alte Frau sich widerwillig mit ihrer Enkelin Nassim auf nach Stockholm, wo es noch Familienangehörige gibt. Jede Station wird am Schauspiel Köln in Moritz Sostmanns Deutscher Erstaufführung auf einer großen Bahnhofs-Anzeigetafel angezeigt, als gebe es den alten Orient-Express noch. Doch das Erreichen jeder Station ist ein Kampf, und nirgendwo sind die Flüchtenden willkommen. Es gilt, sich zu verstecken, es gilt, Bestechungsgelder aufzutreiben, Schlepper zu bezahlen, extreme körperliche Strapazen auf sich zu nehmen, Schamgrenzen zu überwinden, kriminelle Handlungen zu unterstützen und die strengen Vorschriften der islamischen Religion zu vernachlässigen. Die Grenzen, die die Flüchtenden zu überwinden haben, sind nicht nur streng gesicherte Landesgrenzen: Auf einer Tankstelle weht die schwarze Fahne des IS; in Südostanatolien müssen die Flüchtenden nackt durch eine alte Pipeline robben, Schlepper aus Bulgarien zwingen sie zum Drogenschmuggel, und gegen Ende werden die Flüchtenden im Schweinelaster, versteckt inmitten der „unreinen“ Tiere, nach Polen gekarrt. Politische Überzeugungen, moralische Hemmungen, staatliche und religiöse Gesetze - sie alle dürfen keine Rolle spielen, damit die Flucht gelingt. Und Haifa, die alte Frau mit ihren spärlichen Kräften und wunden Füßen, muss über sich hinauswachsen, damit sie nicht zurückgelassen wird.  

Wäre das Geschehen nicht so furchtbar realitätsnah, könnte man sagen: Krimi und Abenteuer verbergen sich hinter jeder Szene. Aber Hektik und Hochspannung sind Stefano Massinis Sache nicht. Wie schon bei seinem Vorgängerstück Lehman Brothers, das das Schauspiel Köln vor zwei Jahren in der Regie des Intendanten Stefan Bachmann herausbrachte, entwickelt er seine Geschichte langsam und chronologisch, in der Erzählweise geradezu konventionell. Sostmann versucht, sie mit filmischen Mitteln umzusetzen – mit erzählerischen Perspektivwechseln und Schnitt-Techniken. Wie in allen seinen Kölner Inszenierungen setzt Sostmann Puppen als Akteure ein, und Hagen Tilp hat wieder ganz wunderbare Exemplare davon gebaut. Der magere Hirte Gheffiah, dessen gesamte Schafherde getötet wurde und der bereits die ersten Flucht-Stationen nicht überleben wird, der berechnende kurdische Geldwechsler, der mafiöse bulgarische Drogen- und Menschenschmuggler, die zarte, aber durchaus eigenwillige Enkelin Nassim – sie alle sind Meisterwerke der Puppenbaukunst. Zwar glaubt man manchmal die Angst in den Augen der künstlichen Figuren zu sehen, doch gelingt das Zusammenspiel zwischen Puppen und Menschen in dem weitgehend monologischen Stück nur bedingt. Man ertappt sich dabei, meist auf die Puppenführerinnen zu schauen, von denen Magda Lena Schlott die meiste Routine und das meiste Einfühlungsvermögen zu haben scheint. Zu der Perfektion einer Illusionsmaschine, wie wir sie in Sostmanns bislang stärkster Kölner Inszenierung, Lars Norèns 3.31.93  erlebten, gelangen Regisseur und Schauspieler diesmal nicht. Viele Passagen werden ausschließlich von den Schauspielerinnen und Puppenführerinnen gesprochen, ohne dass die Puppen im Vordergrund stehen; häufig ist es nur die alte Haifa, die durch eine Puppe auf der Bühne vertreten wird. Die einzelne Puppe unter mehreren Menschen soll, wie Sostmann in einem Interview mit dem Magazin „choices“ verriet, die Verlorenheit der Flüchtenden versinnbildlichen – nicht immer scheint dies gelungen.

Einfühlung und Illusion scheinen allerdings auch keine Kriterien zu sein, die Sostmann bei seiner Inszenierung interessiert haben. Eher war er wohl darum bemüht, jegliche Anmutung von Betroffenheits-Kitsch zu vermeiden. Sostmann inszeniert bilderarm und sachlich, mit Ausnahme von wenigen Spielszenen streng konzentriert auf die Schilderung des ohnehin erschreckenden Geschehens. Einzelne Szenen wie die Flucht der sechs bis auf die Unterwäsche entkleideten Frauen durch den Öl-Tunnel oder der kaum zu gewinnende, mit ganz einfachen Videobildern versinnbildlichte Wettlauf gegen einen rettenden Zug, ragen in ihrer Dramatik dennoch heraus, und es ist durchaus ein berührender Akt der Selbstvergewisserung, wenn Haifa anschließend mit fester Stimme sagt: „Ich heiße Haifa, und ich bin auf dem Zug.“

Übrigens: Sostmann besetzt sein Menschen-Ensemble ausschließlich mit Frauen und folgt damit konsequent seinen Hauptfiguren, der Großmutter und ihrer Enkelin. Dabei ist das Geschehen von radikaler Härte und Maskulinität. Auch die Stimmen der Schauspielerinnen wecken selten Empathie. Die allerdings stellt sich von ganz allein ein, wenn man konzentriert den lyrischen Passagen des Texts folgt: „Ich habe gelernt, dass das das Nicht-Sehen oft die Rettung ist“, heißt es im Stück. „Wir leben im Nebel, und das ist ein Glück. Wenn sich die Augen öffnen, … geschieht das aus dem Wunsch heraus, sich wehzutun. Weil man dann, nur dann alles sieht …“ Wenn man sich die Gefahren vor Augen führt, denen Haifa ausgesetzt ist, wenn man ihren Schilderungen folgt von wunden Füßen, die sie ignorieren und vor den Schleppern verstecken muss, damit sie nicht zurückgelassen wird, von unmenschlichen Anstrengungen, von erniedrigenden Prozeduren, dann ist der Weg zur Empathie nicht mehr weit. Fast angekommen am Ziel ihrer Reise, sagt Haifa: „Ich atme. Wir atmen. Ich denke, das ist die letzte Anstrengung.“ - Wir wissen, die Herausforderungen in einem fremden Land, in dem viele Menschen den Flüchtigen vorurteilsbehaftet oder angstbesetzt gegenüberstehen, sind noch lange nicht zu Ende.