Wir sind Schmidt im Moers, Schlosstheater

Müller, Meyer, Schulze, …

… Schmidt. Genau: ein deutscher Durchschnittsname. „Müller“ wäre der häufigere gewesen. „Meier“ dagegen (oder Meyer, Maier, Mayer, Obermaier, Hintermeier, Grönemeyer, Pfizenmaier …) geht nicht – wegen des Meyer-Lochs. Der Name kommt nämlich in Mitteldeutschland kaum vor, weil die Meier (also die Pächter oder Verwalter eines landwirtschaftlichen Gutshofes) dort Hoffmann oder Hofmann hießen.

Da haben wir also wieder was gelernt. Punkt für Susanne Zaun und ihre Moerser Dramaturgie. Die müssen heute auch mit unspektakulären Punktgewinnen zufrieden sein, denn allzu viele Chancen bieten ihnen die Schmidts nicht. Sagen wir es so: Sie rennen so einfallslos gegen offene Scheunentore an, dass der Schiedsrichter zum erlösenden Ende nicht auf „Spiel, Satz und Sieg“ erkennen kann. Schmidts stellen die deutsche Durchschnittsfamilie leider mit unterdurchschnittlichem Esprit dar. Was allerdings weniger an dem meistunterschätzten Ensemble der NRW-Theaterszene als an der allzu dünnen Vorlage liegt.

Es war wohl das Studium von Schul(buch)-Texten für „Deutsch als Zweitsprache“, das die Regisseurin und Autorin Susanne Zaun auf die Idee zu ihrem Stück gebracht hat. Das klischeesatte und stereotype Deutschland-Bild, das dort vermittelt wird, fand sie erstens ziemlich hanebüchen und zweitens ziemlich lustig. Zweifellos eignet es sich für eine Satire. Aber die Moerser Schmidts sind halt eine Durchschnittsfamilie, und die hat keinen satirischen Biss. Magdalene Artelt, Frank Wickermann, Lena Entezami und Matthias Heße als die vier Schmidts sowie Patrick Dollas als „Nummer 5“ kommen als sympathische, aber höchst biedere Familie daher, und der Terrier Herr Müller-Lüdenscheid sowie die Hauskatze Cleopatra treten nur als imaginäre Adressaten eines in jeder Szene neu angerührten Fressnapfes auf.

Jeden Morgen steht Vater Christian (Frank Wickermann) als erster auf und kocht Kaffee. Er holt die „Rheinische Post“ aus dem Briefkasten und wirft die Kaffeetasse um. Gütig lächelnd wischt Mutter Sandra (Magdalene Artelt) die Soße wieder auf; Wickermann lächelt ebenso gütig und hebt die Füße hoch. Das Lächeln von Sohn Paul (Matthias Heße) ist dagegen leicht grenzdebil, wenn er den nicht vorhandenen Haustieren den Brei anrührt. Tochter Hannah, die den häufigsten Mädchennamen der letzten Jahrzehnte trägt, ist auch dabei, während man gemeinsam frühstückt. Das einzige, was man von ihr erfährt, ist, dass sie aus Protest gegen die biedere Jack-Wolfskin-Kultur im Alter von sechzehn Jahren zur cooleren Fjällräven-Jacke desertiert. Ach ja: Als Letzter taucht regelmäßig Nachbar Dollas aus dem Untergrund empor und entbietet der netten Familie einen Guten Morgen.      

Das Ganze wiederholt sich einmal, zweimal, fünfmal. Langsam zu Beginn, später ein wenig beschleunigt, aber immer banal. Es gibt ein wenig statistisches Datenmaterial – zum Meyer-Loch, zum deutschen Familien-Durchschnittseinkommen, zum durchschnittlichen Inhalt des Bücherregals (2 Bände Harry Potter, „Der Name der Rose“, „Darm mit Charme“ – sag‘ ich ja: die Familie ist bieder, aber sympathisch). Jeder der ansonsten gleich ablaufenden Auftritte steht unter einem andern Thema aus dem Lehrbuch für Deutsch als Zweitsprache: Frühstück, Kleidung, Wetter, typische Nebensätze. Die Diktion hat, nun ja, das Niveau eines Lehrbuchs für „Deutsch für Anfänger“. Mit Ausnahmen: Es kann vorkommen, dass die Nachkommen mit ihrem Einkommen nicht auskommen, so dass sie erst verkommen und dann umkommen. Aber wenn die Schauspieler von der Bühne runterschauen, können sie zuschauen, wie die Zuschauer beim Zuschauen ausschauen, als würden sie sich umschauen nach Vorschauen zu Unterhaltungsschauen, die lustiger zum Anschauen sind.

Die permanente Wiederholung bei gleichzeitigem Einschmuggeln minimaler Veränderungen könnte einen absurden Humor oder eine subversive Kraft entwickeln. Tut sie aber nicht. Für Satire und Kabarett ist das alles nicht bösartig und für die Comedy nicht lustig genug. Dollas ruft einmal mit näherungsweise rechtsradikaler Attitüde: „Zackzack!“ – und dann lässt man sich über das gute deutsche Bier aus. Man könnte an Stammtischpopulismus und AfD denken, aber wie gesagt: Es bleibt brav, konventionell und erschreckend eindimensional – so wie das Deutschland-Bild in den zitierten Lehrbüchern. Irgendwann sehen wir einmal die Familie von hinten in dem querformatigen Fenster, aus dem heraus die Darsteller ihre Auftritte beginnen. Die stereotyp in jeder Szene wiederholten Sätze werden nun ganz dumpf gesprochen, als würden sie aus einer Zombie-Vergangenheit hervorgeholt. Sind wir in unserer spießigen Durchschmidtlichkeit alle Zombies?

Ach, auch dieser Gedanke wird nicht weiterverfolgt. Stattdessen tritt man ein wenig in Dirndl und Lederhose auf, ergänzt das Oberammergau-Lied („ob er aber über Oberammergau …“) um ein paar witzige, aber unfassbar harmlose Strophen, und in den letzten Minuten deutet man vorsichtig so etwas wie augenzwinkernde Kritik an den Stereotypen an. Der Ein- und Auszug der ganzen Bagage zum Frühstück wird noch ein letztes Mal durchexerziert – diesmal mit veränderten Rollen. Die Tochter liest Zeitung, der Sohn wischt auf, Vater serviert den Kaffee. Der Emanzipationsversuch, so es denn einer sein sollte, endet damit, dass alle stumm Löcher in die Luft starren. Als Kritiker, der das Schlosstheater Moers für seine meist anspruchsvollen, oft anarchischen Inszenierungen liebt, ist man ratlos. Die Moerser, die stets durch ihre Ecken und Kanten überzeugen, sind tatsächlich auf einmal Schmidt geworden!   


 

 

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