Heilig Abend im Mülheim, Theater an der Ruhr

Verhör mit christlichen Allegorien

Die unteren Parkett-Reihen im Theater an der Ruhr wurden abgebaut, die oberen sind gesperrt. Stattdessen sitzt man in zwei, maximal drei Reihen um Adriana Kocijans Raumbühne herum und ist dem beklemmenden Geschehen jederzeit nahe. Zunächst einmal bleibt es stockdunkel. Dagmar Geppert nähert sich von links, Peter Kapusta von rechts – langsam, man könnte es auch feierlich nennen. Wir hören die Chöre aus Luigi Cherubinis „Requiem in C-Moll“, das dieser im Gedenken an ein blutiges Geschehen schrieb: Es erinnert an die Hinrichtung von Ludwig XVI.. Geppert zieht sich um, und bevor Kapusta mit den alten Kleidungsstücken abgeht, reicht er ihr eine große Sanduhr, die sie auf einem stelen-artigen Tisch platziert. Das Verhör beginnt.

Kapusta ist „ein stummer Gehilfe“, den die Regisseurin Simone Thoma zu Daniel Kehlmanns Zwei-Personen-Stück hinzuerfunden hat. Er wird noch häufig als Umzugsgehilfe benötigt, denn Geppert wird ihre Kleidung des Öfteren wechseln – so stumm wie er bleibt, strahlt er, nobel und gut gekleidet, auch etwas Geheimnisvolles aus. Ist er der Diener, ist er potentieller Folterknecht, gehört er zu den Mächtigen? Eigentlich wirkt er eher nach Upper Class, so wie die Figur von Dagmar Geppert. - Geppert verkörpert Judith, eine intelligente, politisch der extremen Linken zugeneigte Philosophie-Professorin. Vor sechsundzwanzig Minuten wurde sie mit ihrem Ex-Mann gewaltsam aus dem Taxi gezerrt. Sie und ihr Ex-Mann werden verdächtigt, einen Bombenanschlag zu planen. Es ist 22.30 h, und um 24.00 h soll die Bombe hochgehen. Heute, am Heiligabend. Die Sanduhr rieselt.

Passend zum Feiertag, an dem Kehlmanns sich ein wenig zu sehr nach Versuchsanordnung anfühlendes Stück spielt, hat Thoma das Verhör in eine Kapelle verlegt. Als das anfängliche Dunkel sich lichtet, sehen wir Kirchenbänke – und wir sehen den Verhörspezialisten Thomas, gespielt von Steffen Reuber. Das Verhör wird – von wenigen Ausnahmen abgesehen - leise und unemotional gespielt. Es wird nicht viel passieren in den kommenden neunzig Minuten, und doch erleben wir eine Aufführung, die atmosphärisch dicht und spannend ist. Denn das Stück spricht Fragen an, die von brennender Aktualität sind – und Fragen, die über Jahrtausende die Menschheit beschäftigten. Wie weit darf man gehen, um lebensbedrohliche Verbrechen zu verhindern? Und andererseits: Wie militant darf man vorgehen, um die Ungerechtigkeit in der Welt zu bekämpfen. Wie weit sind Ungerechtigkeiten bei der Verteilung von Wohlstand, Bildung und anderen Errungenschaften dieser Welt zu akzeptieren? Wie sehr überlagert das in westlichen Demokratien politisch immer virulenter gewordene Interesse an Sicherheit und Schutz der eigenen Bevölkerung die Anstrengungen zur Linderung von Armut in der Welt, zur Bekämpfung der neokolonialistischen Ausbeutung von Drittwelt-Staaten etc.? „Unter unserer Glasglocke herrscht Menschlichkeit. Draußen herrscht Chaos“, wird Judith einmal sagen. 

Judith hat ihre Habilitation über Frantz Fanon und dessen Konzept der revolutionären antikolonialen Gewalt geschrieben. Das macht sie in den Augen des Staatsschutzes ebenso verdächtig wie ihre aggressiven Gedankenspiele zum Terrorismus, von denen offenbleibt, ob es sich dabei um theoretische Gedankenspiele für die Student(inn)en ihres Seminars handelte oder um praktische Überlegungen zum Widerstand gegen den Staat. Doch fanatisch kommt die Judith von Daniel Kehlmann und Dagmar Geppert nicht rüber – vielleicht ist das eine Schwäche von Stück und Inszenierung, vielleicht aber auch eine Stärke. Diese Judith gehört eindeutig der reflektierten Oberschicht an; Sprache und Kleidung sind erlesen, und sie lässt sich kaum provozieren. Erinnern wir uns: Bei Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin, die ebenfalls der gepflegten oberen Mittelklasse entstammten, veränderten sich mit ihrer Radikalisierung auch die Sprache und der Grad an verbaler Aggressivität. Einen Bombenanschlag traut man Judith nicht zu. Aber gerade ihre gewählte Sprache vermag sie auch als Waffe einzusetzen: „Ich bin eine Professorin, ich kann ins Fernsehen gehen, ich spreche in sehr langen Sätzen“, hält sie ihrem Peiniger vor, als der ihr subtil Folter androht. Folter wendet man nur bei Ausländern an, „die braune Haut haben.“ 

In einer frühen Szene erscheint Judith sogar als Mutter Maria mit Kopftuch und Kinderwagen. Solch christliche Motive verstärken den ohnehin vorhandenen Impuls des Zuschauers, sich in dem Konflikt zwischen Staatsschützer und Professorin auf die Seite Judiths zu schlagen – obwohl am Ende offenbleiben wird, ob die Bombe hochgeht oder nicht. Solch christliche Motive wendet Simone Thoma auch bei der Figur des Staatsschützers an, doch sie wirken stets unsympathisch: Steffen Reuber springt einmal nackt ins Taufbecken; bei Wein und Brot – wie ein Abendmahl wird das gemeinsame Essen von Judith und Thomas inszeniert – trinkt der Mann der Macht aus dem Messbecher. Reuber spielt virtuos auf der gesamten Klaviatur des professionellen Verhör-Spezialisten. Natürlich hat der Staat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, ein System und seine Bürger zu schützen, doch Reuber hat keine Chance, für diesen Gedanken Sympathie zu wecken. Schon bei der präventiven Telefonüberwachung geraten hierzulande Politiker von der FDP bis zur Links-Partei in Aufregung. Geschickte Fragen wirken – selbstverständlich – stets wie Fallen, intime Fragen sowie eine Beinahe-Vergewaltigung bei der Leibesvisitation empören den Zuschauer. Und selbstverständlich halten wir die Androhung oder gar Ausübung von Folter für ein Verbrechen – und vergessen dabei, wie viele von uns Sympathien für den Frankfurter Polizeivizepräsidenten Wolfgang Daschner hatten, als dieser dem Entführer des elfjährigen Jakob von Metzler Gewalt androhen ließ, um das Leben des Jungen zu retten. Obwohl auch Reuber äußerlich ruhig und abgeklärt spielt und das Dilemma des Staates mehrfach überzeugend zum Ausdruck bringt („Die Wahrheit ist, dass wir vollkommen machtlos sind gegen Leute, die bereit sind zu sterben“), herrscht also keine Waffengleichheit zwischen den beiden Protagonisten des Stücks. Erkennbar war Kehlmann der zweite Aspekt des verhandelten Konflikts, die (seines Erachtens verfehlte) Priorisierung von Staatsschutz gegenüber globaler Gerechtigkeit, wichtiger als die Frage nach der Zulässigkeit umstrittener Methoden präventiver Verbrechensbekämpfung.  

Vieles also geht einem durch den Kopf, wenn man das Stück liest und die Aufführung betrachtet. Man erinnert sich sogar an reale Verbrechen und Anschläge – Metzler, Amri, die RAF, Che Guevara. Dennoch bleibt, was den Text von Daniel Kehlmann angeht, ein zwiespältiges Gefühl zurück. Insbesondere im zweiten Teil bekommt er häufig den Charakter einer Disputation, die mehr exemplarischen Charakter hat als dass sie lebendige Figuren erfindet. Simone Thoma aber, ihre hervorragenden Schauspieler, die grandiose Klang-Installation von Franz-Josef Dumcius und das perfekte Licht-Design von Jochen Jahncke helfen dem Text auf die Beine. Der Abend ist dicht, intensiv und regt zum Nachdenken an. Am Ende ist die Sanduhr schon mehrfach umgedreht worden. Die Bombe ist noch nicht explodiert, doch wir sehen betroffen noch viele andere Fragen offen …