Winterreise im Schauspielhaus Düsseldorf

Mit zerrissenen Schuhen durchs Exil

Auf dem Halbrund einer riesigen Leinwand erscheinen fremde Schriftzeichen, dann in vertrauten Schriftzügen das Motto des Abends: Winterreise. Exotische Gesänge und weißes Dämmerlicht erfüllen den Raum, dann legt sich ein dicker weißer Nebel über alles. Nacheinander erscheinen Gestalten in dicken Winteranoraks mit Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Sie stellen ihre schweren Koffer ab und fragen nach Niels. Warten auf Niels: „vor den Bäumen“ sollten sie sich einfinden. Vor welchen? Sind sie zur falschen Zeit am falschen Ort?

Endlich kommt Niels (Niels Bormann), der Deutsche. Man beklagt sich. „Wir wissen nichts von dir“. Niels schlägt vor, eine gemeinsame Reise zu unternehmen, deutsche Städte zu besuchen. Jetzt sofort. Mitten im Winter: eine Winterreise. Sieben junge Menschen aus Syrien, Palästina und Saudi Arabien, alle jetzt in Berlin lebend, besteigen den fiktiven Bus.

Das ist das sensationelle an dieser „Reisegruppe“: sie alle gehören zum Exil-Ensemble des Gorki Theaters, sie sind nach Deutschland geflohene Schauspieler, sie gehen ihrer Profession nach und spielen dabei einen Teil ihres eigenen Lebens, erzählen ihre eigenen Geschichten und nennen sich beim wirklichen Namen. Doch das ist nur ein Teil des Theaterabends, bei dem die israelische Regisseurin Yael Ronen (Hausregisseurin am Gorki) Dokumentar- und Expertentheater mit fiktiven Szenen, Tanz und Satire verflicht. Dabei wird alles zusammengebunden und zur Winterreise durch die virtuosen Videoeinspielungen von Phillip Hohenwarter mit den bestechenden Grafiken und Wimmelbildern von Esra Rotthoff. Dazu ein berührender Soundtrack von Yaniv Fridel und Ofer Shabi.

Bevor die Reise auf der Bühne losgeht, schlüpft Niels in die Rolle des Busfahrers und erteilt mit Kommandostimme Anweisungen: „Verboten ist!“ „Das habt ihr nicht bezahlt“. Und Pünktlichkeit wird verlangt: wer zu spät kommt, bleibt zurück. Da haben wir ihn doch gleich: den typischen Deutschen, der nur Verbote, Geld und Pünktlichkeit kennt.

Die Videos rasen vorbei, aber nur schwache Schemen sind zu sehen: weiß, alles nur weiß, man sieht gar nichts, so die Klagen. Die Monotonie wird unterbrochen von monologischen Einschüben zum Schicksal der Einzelnen, Krieg, Flucht. Nicht jedoch als Gespräch im Bus, sondern an uns im Saal gerichtet. Dann erreichen sie Dresden, ausgerechnet an einem Montagabend: Pegida zieht am Hotel vorüber. Man schleicht sich durch die Hintertür ins Haus und schaut aus dem Fenster. Pech gehabt! Keine Hauptstadt der Romantik, nur dumme Parolen. „Sachsen bleibt deutsch!“ wird als „Sex bleibt deutsch!“ gelesen. Überhaupt der Sex. Irgendwann stehen alle gemeinsam am Bühnenrand und verlesen vom Handy eine angebliche Sex-App über deutsche Sex-Gewohnheiten: alle onanieren ständig. Das finden die Vortragenden lustig, dazu einige verlegene Lacher im Zuschauerraum. Auch die ungemein charmante Maryam Abu Khaled weiß zwischen Schreckensberichten der anderen und satirischen bis schockierenden Begegnungen mit den Deutschen immer wieder von ihrem Versuch zu berichten, einen deutschen Liebhaber zu finden, der aber leider nur für eine „offene Beziehung“ zu haben ist. Dann erreichen sie Weimar und besuchen Buchenwald. Bilder des ehemaligen KZs werden eingeblendet. „I don’t want to see that!“ ruft Kenda, und fordert vergeblich, die „Hauptstadt der Klassik“, nicht die des Grauens zu sehen. Beeindruckend erspielt und bebildert dann die Nachtfahrt nach München - alle geplagt von Alpträumen, die Buchenwald hinterließ. Doch dann die Bayern: Männer mit Lederhosen und dickbusige Frauen, dazu ein leeres Stadion. Betreten verboten! Auch Zürich und Düsseldorf finden nicht wirklich statt. Eindrucksvoll dagegen der Einschub des Brecht-Gedichtes aus dem Jahr 1937 „Über die Bezeichnung Emigranten“: der mit zerrissenen Schuhen über die Grenzen geht… auf Deutsch gesprochen, während der größte Teil des Abends auf Englisch spielt. Schwierig wird es, wenn Hussein seine Geschichte allzu flott auf Arabisch erzählt, dann reicht die Zeit nicht für Übertitel, Bilder und Sprecher. Schade.

Am Ende bemerkt Niels – hinreißend dümmlich -, dass er wohl die falschen Orte und Themen aussuchte. „Realität mag ich einfach nicht“, versucht er sich zu erklären.

Aber da stimmt etwas nicht: das Stück erzählt ja von ganz viel Realität, von der Realität des Schreckens in den Herkunftsländern, von den Schrecken deutscher Vergangenheit und Gegenwart. Nur fragt man sich, wie diese Wirklichkeit zusammengeht mit der drastischen Satire und den allzu landläufigen Klischees über das Exil-Land. Es gelingt nicht, die unterschiedlichen Stränge zusammenzuführen und auch die Reisenden finden so gar nicht zueinander. Wenn die Begegnung mit Deutschland sich auf Verbote, Geld, auf zu trockenes Klopapier und Sauerkraut sowie immer wieder auf Polyamorie beschränkt, dann reicht es trotz allen Humors nicht für einen Theaterabend. Zumal die Erwartungen an Yael Ronen nach „common ground“ sehr hoch geschraubt sind.

Aber dennoch ist es eine Freude, dieses Exil-Ensemble zu erleben. Es ist die erste gemeinsame Arbeit, hoffen wir auf weitere! Das Publikum dankte mit herzlichem Applaus.