Die Schneekönigin im Schauspielhaus Düsseldorf

Auf der Suche nach einer verlorenen Kinderfreundschaft

Auf der schwarzen Bühne nichts als drei mächtige drehbarer Pfeiler, nur an einer Seite mit knautschiger Silberfolie bezogen, sonst gleichfalls tiefschwarz. Eine „Kindergruppe“, nach ihrer Kleidung zu urteilen aus einer vergangenen Zeit, taucht auf und umspielt die Pfeiler, bis einer ruft: “Also fangen wir an! Wenn wir am Ende der Geschichte sind, wissen wir mehr als jetzt, “ und da bricht er ab, obwohl dieser Satz bei Andersen gleich mitten ins Zauberland führt, wenn es weiter heißt „ denn es war ein böser Zauberer, einer der allerärgsten, es war der Teufel.“ Und dann wird von dem teuflischen Zauberspiegel berichtet, der Gutes in Böses und Schönes in Hässliches verkehrt. Doch Kristo Sagor lässt diese erste Geschichte aus und beginnt gleich mit der zweiten: der Idylle eines heimeligen Kinderlebens, der Kinderfreundschaft zwischen Kay (Bernhard Schmidt-Hackenberg) und Gerda (Maria Perlick), die der Großmutter beim Geschichtenerzählen lauschen und dann abwechselnd weiterplaudern vom Sommer mit den Rosen im Blumenkasten und dem frostigen Winter mit den Eisblumen am Fenster, in die sie sich ein Guckloch schmelzen.

Doch dann verschwindet Kay ganz plötzlich, wir erfahren, dass ihn ein Splitter des Zauberspiegels traf, der sein Herz erkalten ließ und ihn in rasender Schlittenfahrt zur Schneekönigin in ihren Eispalast trieb.

Bei Andersen sind es sieben ineinander verwobene Geschichten, die er zu einem vielschichtigen Kunstmärchen zusammenfasst. Sagor konzentriert seine Inszenierung ganz auf die Freundschaft der beiden Kinder und vor allem auf die abenteuerliche Suche des Mädchens nach dem entschwundenen Freund. Dabei gelingt es den acht Schauspieler*innen des Jungen Schauspielhauses virtuos, mit minimalen Requisiten und einem äußerst sparsamen Bühnenbild, die Phantasie der Zuschauer anzuregen und alle mitzunehmen auf ihre Märchenreise. Es genügt ein Kopftuch, um eine Großmutter, ein schwarzer Fransenumhang, um eine Krähe und eine Ledertasche über dem Kopf, um ein Rentier herbeizuzaubern. Und wenn die Tauben gurren, dann ducken sich diese Verwandlungskünstler ganz einfach schnarrend übereinander. Nur an wenigen Stellen, wird der Text aufwendig bebildert, so steht das üppige Blumengärtchen der Guten Hexe, die Gerda zu verzaubern sucht, um sie bei sich zu behalten, als farbenprächtige Guckkastenbühne auf der tristen Großbühne und auch das prunkvolle Schlafgemach einer Prinzessin ist über eine goldene Leiter tatsächlich zu erreichen, während ihr Gewand nur auf Pappe aufgemalt und vorgehalten ist. Zudem wird sie von einem jungen Mann gespielt, da braucht‘s dann doch einige Vorstellungskraft. Wunderschön kostümiert ist allerdings die Schneekönigin (Anna Beets) im weiß-silbrig-glitzernden Kleid und einem vereisten Strahlenkranz um den Kopf. Man glaubt ihr den vereisenden Kuss, der – wenn er zu intensiv wird –sein Opfer tötet.

Aber das ist auch schon alles, was wir an Bebilderung der eiskalten Herrlichkeit des Eispalastes erleben, in dem diese überaus schöne, kalte Eiskönigin herrscht und in dem nun ja auch Kay „still, steif und kalt“ lebt, während der Zuschauer durch die bunte Welt des Mädchens geführt wird. Weder im Text – der übrigens ganz im Erzählstil bleibt, auch die Gespräche nicht in Dialoge umwandelt – noch im Bild wird eine Spur gelegt zum Verständnis dieser kalten Welt des herzlosen Verstandes. Leider verzichtet Sagor auch auf die vergeblichen Versuche des Jungen, aus Buchstaben das Wort EWIGKEIT zusammenzufügen, was für ihn die Befreiung bedeutet hätte. Zweifellos eine wichtige und anschauliche Brücke zum Verständnis dieses vielschichtigen Märchens. So kommt die Erlösung durch die Tränen des Mädchens am Ende relativ überraschend. Und wenn es zum Schluss heißt, sie „bemerkten, dass sie erwachsene Menschen geworden waren“, dann sehen wir die beiden –inzwischen wieder im elterlichen Zuhause - kein bisschen „verwandelt“: Gerda steht da mit ihrer Pippi-Langstrumpf-Frisur und dem roten Hängerchen wie am Anfang der Geschichte. Eine Entwicklung müssen wir glauben.

Und fragen wir nach dem „Mehrwissen“, das uns zu Beginn versprochen wurde, dann sahen wir eine glänzend erzählte Abenteuerreise, die ein heranwachsendes Mädchen aus Liebe zu einem Freund durchlebt. Das ist ja auch schon etwas, wenn auch nur ein Teil des Märchens von der Schneekönigin.