Die Tage, die ich mit Gott verbrachte im Schauspielhaus Düsseldorf

Ein einsamer Gott, der nicht an sich glaubt

Die Rückwand der Kleinen Bühne bildet eine riesige Luftaufnahme einer nächtlich erleuchteten Großstadt – vermutlich München, denn da soll sich das Unglaubliche ereignet haben, von dem wir gleich hören werden und von dem der Erzähler behauptet, dass „es nicht erfunden“, sondern „wirklich geschehen“ sei.

Dann taucht er schon auf, der „Mann“ ohne Namen, ganz einfach Mann wird er genannt. Gut gelaunt, in schickem hellgrauen Geschäftsanzug und eleganten beigen Wildlederschuhen setzt er sich auf die Parkbank auf der sonst leeren Bühne, stellt ein Reiseköfferchen neben sich ab und beginnt zu plaudern.

Seine „seltsame Geschichte“, von der er uns berichten will, beginnt mit einer nächtlichen Zugfahrt und der Beobachtung seines eigenen Spiegelbildes im dunklen Fenster der Eisenbahn. „Ich sah zum Fenster hinaus… Nein, das ist nicht richtig! Ich sah nicht zum Fenster hinaus, denn ich sah im Fenster nur mich selbst.“ Doch dieses Bild, das ihn aus dem Dunklen anschaut, irritiert und verwirrt ihn, denn „irgendwann vergisst man, wer man ist, der hier oder der da drüben.“ Doch dann „fuhr einer von uns beiden dem anderen davon.“

Und diese Verunsicherung gegenüber der eigenen Identität und allem, was ihm in der Folge an Realem und Surrealem passieren wird, durchzieht die anrührende, versponnene Erzählung von Axel Hacke, die der Regisseur Malte C. Lachmann mit den beiden grandiosen Schauspielern Wolfgang Reinbacher (Gott) und Moritz Führmann (Mann) faszinierend auf die Bühne bringt.

Führmann wechselt dabei vom betroffenen Erzähler nahtlos in die Dialogszenen. Doch vorerst ist er noch allein auf der Bühne, die er mit seiner unglaublichen spielerischen Präsenz mühelos zu füllen weiß. Er berichtet vom Büroalltag – und siehe da, das Büro ist im Köfferchen versteckt – und vom verstorbenen Vater, dem er so gar nicht nacheifern will und deshalb nach dessen Tod die ererbte Familienstanduhr nicht mehr aufzog: hoppla, auch die steckt im Köfferchen.

Doch dann, als er wieder auf die Parkbank zurückkehrt, setzt sich neben ihn ein geheimnisvoller Fremder in unscheinbarem grauen Mantel und zwei ungleichen Socken unter der zu kurz geratenen Cordhose. Scheinbar ein einfacher Alter, der ihn da schmunzelnd und neugierig beobachtet, der jedoch - wie wir bald erfahren werden – unversehens Goldregen vom Himmel strömen und steinerne Löwen durch brennende Ringe springen lassen kann. Und gleich bei der ersten Begegnung rettet er unserem Mann durch einen plötzlichen Stoß von der Parkbank ganz sinnfällig das Leben, als eine Weltkugel niedersaust. Eine kuriose Szene, in der ganz konkret ein Plastik-Globus aus dem Bühnenhimmel stürzt und auf der leeren Parkbank zerschellt. Bei den folgenden Begegnungen plaudern die beiden Männer über Gott und die Welt, über Regen und Schnee, über Gut und Böse, über Zeit und Unendlichkeit. Unserem Mann wird dabei bald bewusst, dass sein Besucher nicht „von dieser Welt“ sein kann. Und so geht er aufs Ganze und fragt ihn unumwunden: „ Um es mal offen auszusprechen: Verstehe ich die Angelegenheit hier nun eigentlich richtig, dass Sie, also wie soll ich das nennen? dass Sie also der Erschaffer der Welt sind?“ Und die Antwort ist eindeutig: „Na ja. Um es kurz zu machen: ja“. Es liegt etwas Melancholisches über diesem Trost und Nähe suchenden Gott, dem es im Himmel zu einsam wurde und der trotz aller Macht und Weisheit nach München kam, um von den Menschen zu lernen. Und was immer der Erden- Mann zu kritisieren, zu bemängeln oder zu fragen hat, Gott gibt ihm Antwort. Sei es das Versprechen, „darüber nachzudenken“, oder die Erklärung, dass er als „Künstler“ und nicht als „Ingenieur“ „schöpfe“. Dabei greift er zur Vorführung verworfener Schöpfungs-Alternativen auf, die er in Schubladen speichert. Die zieht er jetzt humorig zur Demonstration aus einer Hauswand, in die das Bühnenbild im Handumdrehen verwandelt wurde (einfallsreich und witzig: Ramona Rauchbach). Eindringliche Musikeinspielungen und große Videos – realen wie surrealen Inhalts - sowie putzige Papierschmetterlinge und andere Kuriositäten unterstützen dabei seine Visionen von anderen möglichen und unmöglichen Welten. Banal oder tiefsinnig, phantastisch oder naturnah können diese ausfallen, immer aber wirkt Reinbacher in seiner Rolle hochmotiviert und anrührend versponnen. Dabei geht es Gott nicht darum, den Mann zum Glauben zu bringen, denn „ich glaube ja nicht einmal an mich selbst“, sondern darum, gemeinsam den Lebenssinn aufzuspüren, Freiheiten richtig einzuschätzen und Gegebenes zu genießen – auch mit Champagner und einem Fässchen Bier. Mancher Zufall und Zweifel bleiben allerdings unerklärt. „Das kannst du doch nicht verstehen“, weist Gott mehrfach - schmunzelnd wie nachdenklich - die Grenzen menschlichen Verstehens auf. Doch andererseits gibt er reuig zu, dass er das Eine oder Andere „so nicht hätte machen sollen“. Bei diesem Bekenntnis spricht er ins Publikum, wo der gewitzte Mann – den Führmann in jeder Phase brillant gibt – inzwischen mitten unter den Zuschauern sitzt.

Am Ende wird Vaters Uhr wieder in Gang gesetzt. Das Leben geht weiter. So oder so. Das Publikum applaudierte begeistert für die bravouröse Darstellung eines heiter wie nachdenklichen Gedankenexperimentes.