Alles, was ich nicht erinnere im Köln, Schauspiel

Erinnerung an einen lebendigen Toten

War es Zufall oder eine bewusste „Kölsche Lösung"? Schließlich ist es nicht alltäglich, am 11. im 11. eine ernsthafte Schauspiel-Premiere ernsthaft anzusetzen. Zumal eine Uraufführung. Alles, was ich nicht erinnere, so der Titel des Abends, mag noch auf den Zustand vieler Jecken am Morgen nach dem rheinischen Karnevalsauftakt zutreffen. Denn Erinnerungslücken dürfte es zuhauf geben.

Kaum öffnet sich in der „Außenspielstätte“ des Kölner Schauspiels der nicht vorhandene Vorhang vor der theatralischen „Erinnerungslücke“, sehen wir eine orientalisch anmutende Farbenpracht. Eine knallrote Schräge, die sich in einem Spiegel verdoppelt, zudem vier Figuren, die sich uns mit ihrer entzückend bunten Rückenansicht präsentieren. Von Rosé über Rot bis zu Violett sind alle grellen Farben vertreten. Nur Samuel, der, wie sich bereits in der ersten Szene erweist, erst vor kurzem tot an einem Baum gelandet ist, zeigt sich ganz in Weiß. Auch das ein Blick in exotische Ferne. Oder auch nur Zufall? Entspricht Weiß doch im Fernen Ostens unserem Schwarz. Was heißt, dass der Tote Trauer „trägt“. Zwischen ihm und den bunten Figuren, die sich dem lebendigen Toten nähern, sich an ihn erinnern, wobei das Bild des Toten „lebendig“ wird, liegt ein riesiges Herz. Venen und Arterien sind ausgeprägt sichtbar. Doch die Verbindungen zu einem Körper sind gekappt. Die Vorhöfe dieses Herzens und die Kammern enden im Nichts. Es ist tot. Umso überraschter sind alle, als es später für kurze Zeit zu schlagen beginnt. Nun ja, am 11. im 11. ist in Köln alles möglich, auch das scheinbar Unmögliche.

Es dauert einige Zeit, ehe sich erschließt, was die Bühnenbearbeitung des gleichnamigen Romans des Schweden Jonas Hassen Khemiri durch Julia Fischer und die Regisseurin der Uraufführung, Charlotte Sprenger, auszeichnet. Die Story des in Stockholm geborenen Sohnes eines Tunesiers und einer Schwedin, der in seiner Heimat Schweden als einer der führenden und wichtigsten Literaten gilt, ist so verwirrend wie einfach. Es sind Erinnerungen an vergangene Wirklichkeiten. Ein imaginärer Autor, dem die rund um Samuel (Max Bretschneider) schwirrenden Personen Hinweise für einen Roman geben, sammelt Erinnerungen an den Toten. Szenen aus dessen Leben, Treffen mit Freunden und vor allem die Liebesbeziehung des offensichtlich leicht gestörten jungen Mannes zu Laide (Sophia Burtscher) werden in Bildern und Szenen rekonstruiert.

Je länger Stück und Abend dauern, desto widersprüchlicher werden die Erinnerungsfetzen. Samuels größte Angst ist es, vergessen zu werden - und selbst zu vergessen. Was bleibt, was verschwindet? Eine Frage, die Samuel zerreißt - bis zum Tod bei einem selbst gewollten Autounfall. Ein Baum ist sein Schicksal, steht an seinem biologischen Ende.

„Er ist doch gestorben, oder?", sind die ersten Worte des Abends. Dabei steht der „Tote" lebendig vor ihnen, lächelt wie verzückt. „Erst Sechsundzwanzig war er". Dass alle ihm „ein paar Mal" begegnet sind, prägt ein Bild von Samuel, das mit der Zeit in Unbestimmtheit zerfließt. Dem sympathischen jungen Mann werden charakterliche Schwächen nachgesagt. Zumal Laide, die ihn zu lieben begonnen hat, ihm zuletzt nicht mehr über den Weg traut. Führten sie einst „lange Gespräche", wächst nun der Zweifel. Auch Freund Vandad (Johannes Benecke) geht auf Distanz. Doch das Leben der Lebenden geht weiter. In chorischen Szenen werden sie zu Philosophen, intonieren „Leben heißt sterben, lieben heißt leben lernen". In diesen Kontext passt Samuels Wille, mit dem Auto an einem Baum zu enden: Er tut es, wie er selbst betont, um zu „fühlen". Endlich, so könnte man meinen. Doch ob es nun ein Unfall oder Selbstmord war - die Überlebenden sind sich nicht sicher.

Charlotte Sprengers Inszenierung hat Mühe, die vielschichtigen Ebenen von Erinnerungen und Fiktion deutlich herauszuarbeiten. Ein bunter Abend ist es gleichwohl, an dem das Quintett, das in neun Rollen schlüpft - außer den bereits Genannten noch Ines Marie Westernströer als Mutter und Panther, zudem Elisa Schlott als Großmutter und Schwester Laides, Nihad und Hamza - große Verdienste hat. Denn ob als Individuum oder gemeinsam in chorischem Sprechgesang, mit Musiker Jonas Landerschier gelingt ein unterhaltsamer Abend mit einer Menge Witz - und einigen nachdenkenswerten Momenten.

P. S.: Nach Ende des bunten Theater-Treibens waren Kölns Straßen noch immer voller Jecken. Lautstärke und Ausgelassenheit lassen vermuten, dass die meisten am Morgen danach ähnliche Erinnerungslücken hatten wie Samuel und seine Freunde auf der Bühne.