Übrigens …

Shit Island im Orangerie Thater im Volksgarten

Der Bagger tanzt nicht mehr

„Nauru ist ein Platz in der Welt, von dem du noch nie gehört hast, bis du zum ersten Mal davon hörst. Dann hörst du nur noch davon“, heißt es einmal in der jüngsten Produktion des freien Kölner Theaterkollektivs Futur3. Da der Autor dieser Zeilen alles, was er weiß, aus dem Theater weiß, ließ sich mit zwei Clicks bei theater:pur nachschlagen, wann genau ich selbst zum ersten Mal von Nauru gehört habe: am 20. Januar 2012 nämlich, als in der Uraufführung von Philipp Löhles gesellschaftskritischer Familien-Farce Der Wind macht das Fähnchen am Theater Bonn der Vater sich zum „König von Nauru“ träumte. Seit diesem Tag verfolgt mich die traumatische Geschichte dieses Staates - bis hin zu dem abseitigen Gedanken, selbst einmal hinzufahren, um nachzuschauen, ob in dem Südseeparadies wirklich alles so grauenvoll ist wie man hört. So wie es die zwei Schweizer Touristinnen gemacht haben, die die Insel im Jahre 1983 besuchten. Es ist göttlich, welch komödiantische Funken Irene Eichenberger und Lucia Schelling im Kölner Orangerie-Theater aus dieser Szene schlagen - und es ist bitteres, weil in jeder Einzelheit wahres Kabarett. Es ist nur eine von zahlreichen, in ihren Theatermitteln sehr unterschiedlichen Episoden, in denen Regisseur André Erlen und seine Künstler in zwei unterhaltsamen Stunden die traurige Geschichte von Nauru erzählen. Nauru, heute ein selbständiger Staat mit ca. 10 000 Einwohnern irgendwo in der Nähe des Äquators, weit weg von jedem anderen bewohnten Flecken dieser Erde, hat wie kein zweites Land von den Segnungen der Kolonialpolitik profitiert. Und es wurde wie kein zweites Land von den Kolonialherren betrogen, ausgebeutet und fallen gelassen.

Doch bevor wir davon erfahren, gilt es, die kleine Südseeinsel zu entdecken. Im Dunkel unseres Unwissens sitzen wir im Kreis um einen altarähnlichen Tisch herum, der mit Kerzen und Blumen geschmückt ist, und lauschen den Melodien unserer Südseeträume. Schön schräg singt Jörg Ritzenhoff von den Menschen aus Tahiti, und aus den Lautsprechern ertönt das Rauschen des Meeres. Der Text der Aufführung besteht ausschließlich aus dokumentarischem Material. Wir hören Berichte über die Forschungsreisen von James Cook nach Palau, das wie Nauru in der Kolonialzeit ein Teil von Deutsch-Neuguinea wurde. Tagebucheintragungen eines Malers und Künstlers verorten wir bei Paul Gauguin; deutsche Kolonialherren berichten zackig soldatisch von der erfolgreichen Befriedung und Zivilisierung der Eingeborenen, die leider zahlreiche Opfer unter den tapferen Deutschen forderte (wir ahnen, dass die Opfer unter den Einheimischen weitaus größer waren). Ein wahrer Ritter der Kokosnuss war August Engelhardt, der auf Kabakon eine sektenhafte Philosophie entwickelte, in deren Zentrum die Sonnenanbetung und die Kokosnuss stand. Seine grotesken Utopien lassen uns staunen. Der Erzählduktus wechselt zwischen romantisch und ironisch-unheimlich; der Sound diverser Glöckchen und Tasteninstrumente, die von den Schauspielern und Musikern bedient werden, hilft unserer Vorstellungskraft auf die Sprünge, wenn Siedler, Kolonialherren und Außenseiter auf ihren Abenteuern über die Inseln stromern. Ein abstoßender Text eines deutschen Aufsehers über Nigger und ungewaschene Kanaken, offenbart aber auch die Einsamkeit und Langeweile, die die europäischen Siedler in dieser Welt erfasste: „Ich stehe am Strand und schaue aufs Meer hinaus … und es ist so heiß!“ - Aufmerksame Zuschauer registrieren, wie filigran die Inszenierung des Regisseurs André Erlen gearbeitet ist: „Es ist so heiß“ - so hatte es schon in den ersten Sätzen geheißen. Was zu Beginn dem schönen Südseetraum entsprach, ist zur Qual geworden.

Doch fort mit der Qual: Wir ziehen jetzt um nach „Pleasant Island“: Nauru. Und das heißt: in den Nachbarraum, in dem wir in einem veritablen Theater-Raum von der Liebenswürdigkeit und den schönen Gestalten der Nauruer erfahren. Wer ein wenig Vorwissen hat, weiß: In Nauru wohnen heute die fettleibigsten Menschen der Welt. Doch erst einmal werden die Ur-Nauruer vermessen; ihre Lebensweise wird erforscht, und die Entdecker vermelden erstaunt, dass es keinerlei Feindseligkeit und keinerlei Hierarchie zwischen den einzelnen Sippen gibt. Und damit wohl auch kein Misstrauen - vielleicht ist es diese jahrtausendealte Erfahrung, die die Nauruer zu erkennen hinderte, wie die Kolonialherren sie ausbeuteten. Sehr hübsch gelingt der Inszenierung die Visualisierung der einstigen Forschungsergebnisse auf einer Videowand, die von einem am Overhead-Projektor an der Seite der Bühne sitzenden Künstler bemalt wird. Was eine langatmige Einführung in die Ethnologie hätte werden können, gerät zu einer kurzweiligen informativen Einlage. Dann endlich folgt der unfassbare Aufstieg und Fall des Landes in der Neuzeit.

Im Inneren der Insel lagerten seit Millionen Jahren Seevögel ihren Guano ab - „Shit Island“ eben. Und wenn Guano sehr lange in der Sonne brennt, wird er zu Phosphat: Auf Nauru entdeckte man um die vorletzte Jahrhundertwende das reinste Phosphat der Welt. Wer es besitzt – zu Anfang die Deutschen, nach dem Ersten Weltkrieg Australien, Neuseeland, Großbritannien - kann enorme Gewinne einfahren. Da Phosphat auch für die Herstellung von Sprengstoff Bedeutung erlangt, wird die Insel im Zweiten Weltkrieg von der deutschen Kriegsmarine überfallen. Die Japaner übernehmen; die USA bombardieren die Insel. Nach dem Krieg übernimmt Australien die Phosphat-Förderung unter Beteiligung von China und Fidschi: Nauru ist ein Hotspot der Industriegeschichte. Als das Land im Jahre 1968 unabhängig wird, sind zwei Drittel der Phosphat-Vorkommen abgebaut. Der Rest bringt für ein paar Jahre unermesslichen Reichtum. Futur3 lässt einen kleinen Spielzeug-Bagger tanzen und baut eine Carrera-Bahn auf: die Autobahn rund um die Insel. Nauru wird von einem unglaublichen Aktivitätsschub erfasst. Gastarbeiter erledigen die Arbeit, die Einwohner kaufen Autos und rasen um die Insel, kaufen Eiskrem und werden dick, machen Shopping-Reisen mit Koffern voller Geld. Land- und Forstwirtschaft sind vollständig der Phosphat-Industrie gewichen. Obst, Gemüse, Fleisch: Alles muss importiert werden und ist grotesk überteuert. Aber man hat’s ja.  

Und dann: Ist die Mitte der Insel einfach weg. Der Bagger tanzt nicht mehr. Alle Phosphatvorkommen sind ausgebeutet. Stefan H. Kraft versinnbildlicht die Lage des Staates als Mann auf der Intensivstation, angeschlossen an Tropf und Infusionsschläuche. In dementiellem Zustand brabbelt er vor sich hin. Der Staat und seine Menschen sind krank; Vierzig Millionen Jahre Evolution in vierzig Jahren durch den Schornstein geblasen. Was kann helfen? Offshore Banking zum Beispiel. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnte man in Nauru mit einem Kapital von $ 20000 eine Bank gründen. Eine Weile flossen reichlich Devisen aus der ehemaligen UdSSR – Nauru fragte nicht, woher das Geld kam oder was damit geschah. Großartig karikiert Lucia Schelling die ermittelnde Staatsanwältin, die dem Spuk ein Ende macht. Heute schickt Australien seine unerwünschten Flüchtlinge nach Nauru - die Flüchtlinge leben in erbärmlichen Verhältnissen in einem Lager unmittelbar neben dem Flughafen, auf dem ab und zu die einzige Maschine des Landes startet. Ohne die monetäre Kompensation für das Flüchtlingsgeschäft mit Australien wäre Nauru längst untergegangen. Stephan Kraft skypt mit einem Wirtschaftsstudenten aus Nauru, der in Neuseeland studiert. Er kann die Lage analysieren. Ideen für die Zukunft hat er ebensowenig wie Eigeninitiative. Irgendwann möchte er zurückehren in das Land seiner Heimat, das er liebt. Er ist zufrieden auch ohne Perspektive. Die genetische Veranlagung, seit Generationen in den Nauruern fest verankert, überlagert noch heute das Elend, in dem die Bevölkerung lebt. Es war eine glückliche Veranlagung, aber sie war nicht vereinbar mit Kapitalismus und Kolonialismus.

Vielleicht kann man das, was Futur3 uns in diesen zwei Stunden vorstellt, als Dokumentartheater bezeichnen. Der Text der Aufführung ist collagiert aus Büchern, Aufzeichnungen, Dokumenten, Tagbüchern, Radiosendungen. Dabei wird die Geschichte mit einer bemerkenswerten Vielzahl an szenischen Ideen erzählt - mit tänzerischen und musikalischen Einlagen, unaufdringlichen, aber wirkungsvollen Sound-Effekten, Live-Malerei inklusive witziger Überblendungen, nachgestellten Radio- und Skype-Interviews, tanzendem Spielzeug und schwingenden Röcken. Was wir sehen, ist informativ, amüsant, erschreckend, unterhaltsam. André Erlen wertet nicht; er berichtet nur. Dennoch wird die Aufführung zu einer wirkungsvolleren Anklage gegen den Kolonialismus und die ausbeuterische Seite eines gedankenlosen Kapitalismus als all die ideologischen Wutbürger-Szenen in anderen Kunstanstrengungen, als all die wohlmeinenden Initiativen linker Gutmenschen. Und es ist eine hochaktuelle Warnung: Die Geschichte von Nauru ist ein krasses Beispiel dafür, was geschieht, wenn die Ressourcen unserer Welt ohne Rücksicht auf die Auswirkungen in der Zukunft ausgebeutet und als selbstverständlich hingenommen werden.

Ob der Schreiber dieser Zeilen nun doch einmal nach Nauru fährt, um nachzusehen? Die Regierung findet nicht so witzig, was über ihr Land berichtet wird, und hat den Preis für ein Journalisten-Visum angeblich von AUS-$ 200,00 auf AUS-$ 8 000,00 erhöht. Und: Googeln Sie mal das einzige Hotel des Landes! Doch: Wenn Sie einmal surfen, kommen Sie nicht los von diesen Bildern. Verrottende Baukräne und Industriehallen überall, verlassene, niemals aufgeräumte Abbaugebiete, verrostende, einfach irgendwo abgestellte Wracks ehemaliger Luxuslimousinen. Sleeping Beauties, abgeschminkt zu erlesener Hässlichkeit. Shit Island. Und doch: Wenn ich irgendwann meinen Freund in Tasmanien besuche, liegt Nauru dann nicht auf dem Weg?