Die Orestie im Bochum, Schauspielhaus

Mörder mit Selbstbeherrschung

 „Die Götter bitte ich um eine Änderung.“ Heiner Stadelmann spricht den Prolog der Orestie des Aischylos. Sein Wächter scheint so alt wie der Tantalidenfluch, der bereits in der vierten Generation auf dem Geschlecht der Atriden lastet.

Der Wächter wirkt erschöpft und resigniert. Wenn Stadelmann um eine Änderung bittet, könnte man denken, er bäte die Götter darum, den besagten Fluch aufzuheben. Was diese am Ende des wuchtigen Textes, der in der legendären Aufführung von Peter Stein aus dem Jahre 1980 mehr als neun Stunden benötigte, tatsächlich tun. Doch der Wächter meint das anders: Er ist ermüdet vom zehnjährigen Warten auf die Feuerzeichen, die vom Ausgang des Trojanischen Krieges zeugen sollen. Vielleicht ist er auch ermattet von der autoritären Herrschaft einer Klytämnestra, die „die Geschicke dieses Hauses … nicht mehr so gut wie früher verwaltet“.  Für die Geschicke des Hauses fehlt der Königin die Zeit, denn sie ist einerseits von Lust und Liebe zu Aigisth abgelenkt, anderseits von Hass auf den Gatten Agamemnon zerfressen, der vor zehn Jahren als Feldherr gen Troja zog und ohne ihr Wissen die gemeinsame Tochter Iphigenie opferte. Um nichts, um Hekuba: Um gute Winde.

Wer die Vorgeschichte nicht kennt, kriegt sie nun von den sieben Schauspielern, die sich in Bochum versammelt haben, erzählt, und zwar nach alter Väter Sitte, ganz ohne Pomp und Circumstance. Die Akteure spielen nicht nur Agamemnon, Orest, Klytämnestra oder Elektra, sondern sie bilden während gefühlter 50 % der sich überraschenderweise auf knappe 110 Minuten beschränkenden Spieldauer den Chor. In Lisa Nielebocks kühler, karger, konzentrierter Inszenierung sitzen sie vor einer Wand aus Holzlamellen auf einem Bänkchen und sprechen den Text in der siebenunddreißig Jahre alten Fassung Peter Steins: präzise, ein wenig feierlich, ohne mimische oder gestische Theatralik. Was sie uns bieten, ist vor allem große Sprechkunst. Wenn sie diesen langen, langen Blick zurück werfen, wenn sie vom Feuer berichten, das dann tatsächlich über die Berge kommt und vom Sieg über Troja kündet, dann haben wir das Gefühl, einem düsteren, grausamen Märchen aus uralten Zeiten zu lauschen. Und doch hat es uns noch heute viel zu sagen.

Zu Peter Steins gefeierter Klytämnestra Edith Clever hatte der Schreiber dieser Zeilen im Jahre 1980 eine gehörige Distanz. Das Pathos, das aus ihren Versen dröhnte, schien noch verwurzelt in einer Theatertradition, die ihm allzu arg nach Prä-68er-Muff klang. Anke Zillich in Bochum ist das Pathos fremd. Auch sie trägt manchmal maskenhafte Züge, doch trotz ihrer ruhigen Spielweise hat sie viele Gesichter – heutige Gesichter. Wenn sie aus dem Chor hervortritt, um die Königin zu geben, legt sie eine goldene Kette mit einer Art Medaillon an – schon ist die Verwandlung perfekt. (Genauso einfach vollzieht sich die Metamorphose des großartigen Werner Wölbern vom Chormitglied zum Agamemnon: Er zieht sich einen langen Mantel über, und fertig ist der Mykenen-Feldherr.) Auch sprachlich verwandelt sich Klytämnestra nur leicht – aber entscheidend. Die hart geschminkte Frau kann schmeicheln: Mit tränenerstickter Stimme spricht sie von der Liebe zu ihrem Mann, von der Angst, die sie ertrug, als sie Agamemnon im lebensgefährlichen Kampf in Ilion wusste. Wir stutzen: Ist Klytämnestra nicht das Weib, das ihren heimkehrenden Gatten gleich nach dem jubelnden Empfang durch das Volk um die Ecke bringt? – Selbstverständlich: Bei Nielebock sind Klytämnestra und Agamemnon kein schönes Paar, sondern eines mit harten Zügen, das machtbewusst mit harten Bandagen kämpft: ein Herrscherpaar, kein liebendes. Der Wille zur Macht braucht Verstellung und Berechnung - sowie kleine, gemeine, kaum wahrnehmbare Spielchen: Da gibt Agamemnon der aus Troja geraubten Geliebten Kassandra einen keuschen Kuss – im Angesicht seiner Frau. Und die trägt das gelassen und souverän: „Kassandra, komm herein“, flötet sie allerliebst: „Bei uns erhältst du, was dir zusteht.“ Die Doppeldeutigkeit dieser Worte erschließt sich nur dem Kenner des Dramas; dem aber graust vor so viel Gerissenheit. Aber da ist noch etwas anderes, das Anke Zillich in vielen Nuancen auszudrücken versteht: In Klytämnestras Hass liegt auch viel Verzweiflung. Als griechische Königin sucht man die aber zu verbergen.

Gegen die großartigen Werner Wölbern und Anke Zillich dringen die düsteren Weissagungen der Kassandra nicht immer durch. Therese Dörr ist keine Tragödin; sie vermag ihrer Figur nicht die gleiche Kraft zu verleihen wie Wölbern und Zillich. Doch Klytämnestra weist die Prophezeiungen ohnehin zurück. „Hochfahrend und vermessen bist du“, wirft Chor-Mitglied Dennis Herrmann der Königin vor. Es ist derselbe Dennis Hermann, der später die Rolle des Orest übernehmen und den von Klytämnestra getöteten Vater rächen wird …

Nach einer Stunde erst öffnet sich die Lamellenwand zu einer schrägen Gasse. Bald wird sich die Variabilität des nach wie vor kargen Bühnenbildes zeigen. Auch die Figuren bekommen etwas mehr Spielraum für individuelle Charakterzeichnungen. Die Szene, in der sich Elektra und Orest ganz langsam wiedererkennen – nein: in der eine ungläubige, verbitterte Elektra (Anna Hofmann) ihren lang ersehnten Bruder Orest zu erkennen beginnt, hat etwas Berührendes: Elektra ist die erste, die Gefühl, nicht nur Beherrschung zeigt. Marco Massafra zeichnet den Aigisth als eine groteske Figur: Er nähert sich Orest in nichts als Unterhosen, jedoch mit einer lächerlich bizarren goldenen Krone auf dem Kopf. Wahrscheinlich ist er gerade bei Klytämnestra aus der Kiste gesprungen, traute sich aber nicht ohne das wichtigste Insignium der Macht unter die Leute, da er sich auf seine natürliche Autorität nicht verlassen kann. Wenn er – inzwischen tot – halbnackt auf dem Schoß der alternden Schabracke sitzt, die seine Witwe ist, sieht das aus wie ein verrutschtes Heiligenbildchen von Jesus und Maria. Also doch Regietheater? Nein: nur kleine Zeichen. Mit großer Wirkung: Mord, der Eintritt des Todes wird immer auf die gleiche Weise dargestellt: durch einen anschwellenden Musikton zu grell aufgeblendeten, ins Publikum gerichteten Scheinwerfern. Da hat sich Lisa Nielebock einer Idee aus Ivo van Hoves legendären Romeinse tragedies bedient und sie für ihre Zwecke abgeändert – „best practice“ ist ja nicht verboten.        

Im dritten Akt (Die Eumeniden) ist Werner Wölbern Apollon: der Gott, der Orest zum Muttermord überredet hat. Anne Hofmann ist seine Halbschwester Athene. „Du trägst nicht Mitschuld an der Tat“, muss Apoll sich vorwerfen lassen, „du hast sie ganz allein begangen.“ Seine Weissagungen, seine Aufforderung an Orest, den Vater zu rächen, haben die fortgesetzte Gültigkeit des Tantalidenfluchs bewirkt, doch Athene setzt durch, dass nicht Vergeltung auf Vergeltung folgt, nicht Blutrache auf Blutrache, sondern dass Orest sich in einem ordentlichen Gerichtsverfahren verantworten muss. Bei Stimmengleichheit ist sie es, deren Votum Orest freispricht und die Familie vom Fluch erlöst. Ob das bereits der Beginn der Demokratie ist, bleibt offen. In Düsseldorf haben wir vor wenigen Wochen eine Orestie ohne Götter, aber mit einem klaren Bekenntnis zur Demokratie erlebt; in Bochum entscheiden die Götter, die jedoch den rechten Mut zum selbstbewussten Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht zu finden scheinen. Immerhin: Die Götter haben eine Änderung herbeigeführt: Es gibt faire Gerichtsverfahren, Gerechtigkeit und Jubeljauchzen. Kann sein, dass die Geschicke des Hauses künftig wieder besser verwaltet werden.

Das Publikum schließt sich dem Jubeljauchzen gerne an: Es hat eine beeindruckend intelligente Aufführung gesehen.