Frühlings Erwachen im Schauspielhaus Düsseldorf

Wedekinds Kindertragödie mit Happyend

Auf der Brücke, dem Foyer der Ausweichspielstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses, geht’s zu wie in der Pausenhalle einer Sekundarschule: drei Schulklassen, Studenten, nur ganz vereinzelt Leute der Generation Fünfzig-Plus, alle warten auf den Einlass zur ersten Aufführung nach der Premiere von Frühlings Erwachen, ein Abend mit Jugendlichen und Eltern am Rande des Nervenzusammenbruches, nach Wedekind, gespielt von der BÜRGERBÜHNE. Das heißt, es spielen Bürger, aber wir sehen nicht Laientheater, sondern Laien, die sich selber spielen, ihr eigenes Leben und Erleben einbringen und unter grandioser professioneller Leitung zum Bühnenstück werden lassen. Sie spielen nicht Wedekinds Frühlings Erwachen, sondern ihr eigenes Erwachsenwerden, die Suche nach dem eigenen Stellenwert im Hierundheute. Nur am Rande geht es dabei um die literarische Vorgabe, die als Reclam-Heftchen, als Schul- und Lernstoff, mitspielt. Genial gelingt es der Regisseurin Joanna Praml, die vierzehn jungen Darsteller gelegentlich in die Wedekindschen Rollen schlüpfen zu lassen, literarische Textfetzen einzustreuen und so die Verflechtung nicht abreißen zu lassen. Und dennoch: der Grundton ist ein neuer, ist der authentische Ton dieser jungen Generation und nicht der leicht angestaubte des Originals, das 1891 einer prüden Gesellschaft zwar obszön erschien, heute aber doch recht bieder daherkommt. Es sind die Konflikte, Sehnsüchte, Erfahrungen dieser jungen Menschen auf der Bühne, die Joanna Praml zu einem berührenden und zugleich temperamentvollen Text verdichtet. Jeder tritt unter seinem eigenen Namen auf und wenn die literarischen Figuren Moritz, Melchior oder Wendla doch einmal gemeint sind, dann ist es eher ein Spiel im Spiel, wenn auch Identifikationen durchscheinen. Und auch die Mütter, die später dazukommen, sind nicht der Literatur entsprungen, sondern tatsächlich Mütter einiger Kinder auf der Bühne. Mütter von heute.

So beginnt auch das Stück nicht - wie in der Vorlage - mit dem mühsamen Dialog zwischen Mutter und Tochter um die Rocklänge des Geburtstagskleides, sondern in der leergeräumten, elternfreien Wohnung des Geburtstagskindes Jakob, der schier verzweifelt, dass er nicht dreizehn, sondern erst elf Jahre alt wird. Und weil er die Kinderkacke so gründlich leid ist, beschließt er, eine krasse Jugend-Geburtstagsfeier ausschließlich mit Gästen über dreizehn zu veranstalten: wild, ungestüm, testosterongesteuert, mit Bier und Zigaretten soll‘s hergehen (herrlich gespielt von Jakob Schiefer, der auch im richtigen Leben 11 Jahre alt ist.) Und dann kommen die Gäste: dreizehn Jugendliche zwischen vierzehn und achtzehn, schrecklich normal, so ganz und gar maßvoll. Die Generation Maßvoll. Einer von ihnen, Jonas, hat ein Problem: er wendet sich direkt ans Publikum: Kann mir jemand helfen? Er zeigt uns das Reclamheftchen mit dem Wedekind-Text: bis morgen muss er es gelesen und schriftlich analysiert haben. Wie ist das zu schaffen? Die Gruppe hilft: man zerreißt es, jeder bekommt sechs bis sieben Seiten zu lesen und zu bearbeiten. Doch dann ist die Versuchung, etwas Maßloses zu tun, stärker: es kann doch nicht sein, dass in diesem Reclamheftchen mehr passiert als in ihrem maßvollen Leben? Man bricht nachts ins Schwimmbad ein. Wir haben‘s gemacht! verkünden sie stolz und beschließen heldenhaft, als nächstes alle Handys zu vernichten. Das schmerzt. Aber alle machen mit. Die Gruppe funktioniert perfekt.

Dazwischen gibt es auch wundervoll stille, ergreifende Einzelszenen: alle verschwinden in einem Glasbalkon, sind dem direkten Blick der Zuschauer entzogen und jeder öffnet sich, lässt uns ins Bergwerk seiner Seele schauen, verrät Peinliches, sexuelle Sehnsüchte oder Erfahrungen, stellt Fragen. Sind es die eigenen? Dann wieder als Gruppe: behutsame Annäherungen, ein angedeutetes Coming-out. Alles mal anrührend sensibel, mal pubertär verlegen, immer aber glaubwürdig. Schließlich doch noch einen Moment lang schrille Party. Da stehen plötzlich vier Mütter im Raum: besorgt, verständnisvoll. Helikoptermütter!

Unvermittelt bricht Wedekind wieder ein: Jonas wird seine Deutschaufgabe nicht schaffen, das wäre für ihn wichtig gewesen. Ein Schuss fällt, Jonas liegt am Boden. Wie Moritz im Original. Aber dieses Stück geht doch gut aus! ruft einer. Ist Jonas tot? Da steht er auf und befragt das Publikum: soll er leben oder sterben? Und auch der VERMUMMTE, der im Original als guter Geist auf dem Friedhof erscheint, um Melchior zu retten, dem Wedekind sein Stück widmete, taucht hinten im Saal auf und verkündet: Ende gut, alles gut!

Dazu singt aus dem Off Gloria Gaynor ihren Gay-Pride-Song „I am what I am“ - ein bisschen grenzwertig in dieser sonst so stimmigen, überzeugenden Aufführung. 

Das junge Publikum, das sich zweifellos in diesem berührenden Stück wiederfindet, applaudierte begeistert.