Jeff Koons im Schauspielhaus Düsseldorf

Ist das Kunst oder…?

„Weil die Bühne so gut riecht und weil man angespuckt wird von den Schauspielern, wenn man in der ersten Reihe sitzt“, liebt der Pop-Poet Rainald Goetz das Theater und auch weil da „die Hysterie, der Buzz, der Sex“ vorkommen. Letzteres gilt, doch eine „Bühne“ und eine „erste Reihe“ gibt‘s nicht bei der Düsseldorfer Aufführung. Wir sind in die Galerie Philara in dem gehypten Stadtteil Flingern bestellt. Und als ich diese endlich irgendwo in einem Hinterhof entdeckt habe, herrscht da echtes Galeriegedränge. „Da wollen scheint’s /noch welche rein / wie gibt’s denn das? / bei dieser Enge hier“. So heißt es später im Text und das passt perfekt.

Achtzig Leute auf engstem Raum, einige ergattern eine umgestülpte Cola-Kiste als Sitzgelegenheit, die anderen stehen, quatschen, warten. Man kennt sich. Dann wechselt das Licht, eine Sound-Collage ertönt und ein junger Mann in zart-rosa Anzug besteigt ein Podest: die Jacke leicht oversized, die Ärmel aufgekrempelt mit lockerer Bundfaltenhose scheint er den Neunzigerjahren entsprungen. Offensichtlich der Galerist (André Kaczmarczyk). Er beginnt mit einer erregten Rede auf die Kunst, beklagt ihre „Paranoidgestalt“, ihre Absurdität, Lächerlichkeit und ihre Krankheitsideen. Er nennt Namen: Mike Kelly und David Cronenberg, diffamiert ihre Werke als „Pubertätskunst“, „geradezu bieder, stumpfsinnig, kraftlos“, dabei bebt er am ganzen Körper, zuckt mit Schultern und Armen, um dann in größter Ruhe seinen Künstler zu präsentieren: namenlos, brav besteigt der das Podest, der Vertreter des „Nichtschlimmen, Nichtkaputten, des Nichtzerstörten“ (Jonas Hackmann). Ein grandioser Monolog: parodistisch und authentisch, ironisch und lyrisch, pathetisch und kraftvoll. Vieles wird erwähnt, nicht aber Jeff Koons. Im gesamten Stück kommt der nicht vor, wir müssen ihn in den Kostümen (Jenny Theisen), den spärlichen Requisiten, dem „Hallraum“ entdecken.

Goetz selbst gibt die Erklärung: „Man gibt einen Namen vor, den Namen eines echten, lebenden Menschen, einer öffentlichen Figur. Und schafft so einen Hallraum. Ruft gezielt Assoziationen und imaginären Text auf. Insofern ist der Titel schon das halbe Stück.“ Und diesen „Hallraum“ schafft die Inszenierung des einunddreißigjährigen Kaczmarczyk, seiner ersten eigenen, in der er selbst eine Rolle übernimmt; übrigens neben dem Künstler die einzige, die einer Figur zuzuordnen ist. Alle anderen – vier Frauen in immer wieder wechselnden poppig-bunten Kostümen – geben anonyme Figuren im flirrenden Künstlermilieu, setzen die Pop-, Club- und Technokultur der Goetz- und Koons-Welt ins Bild und präsentieren virtuos einen höchst poetischen Text von lyrischer Kraft, der sich im Textbuch wie ein endloses Gedicht liest und gesprochen rhythmisch musiklisiert zwischen kunstphilosophischen Betrachtungen und banalen Alltags-Beschimpfungen changiert. Dabei gibt es kaum echte Dialogszenen, man übernimmt den fortlaufenden Text rasant im furiosen Miteinander: „es geht / so blöd das klingt /um Harmonie/ stimmt gar nicht / halt, stop, Lüge, falsch / im Gegenteil / es geht ums Nie der Harmonie“. Da gibt es keine Punkte, alles fließt: ein kreativer Strom der Gedanken und Worte.

Aber es gibt auch dramatische Momente: Ein schwerer leuchtend-pink funkelnder Vorhang wird zurückgefahren und gibt den Blick frei auf ein reales Bett in einem Nachbarraum, darin ein reales Liebespaar, das Zärtlichkeiten austauscht um anschließend eine ganz alltägliche Eifersuchtsfarce zu zelebrieren. ER ist unser Künstler und eigentlich geht es nur um Ihn, seine Ideen, seine Sensibilität, seine Kunst. Die kleine Humoreske - in der doch auch ein Hauch von Melancholie um das verzweifelte Ringen um Inspiration mitschwingt - wird sich motivisch, mit denselben Personen und demselben Bett, später wiederholen. Doch davor liegen noch eine Stunde und der Parcours durch die verzweigten Galerieräume. Und darin zeigt sich der ganz besondere Charme dieser Inszenierung: Die Aufforderung des Textes, die Kunst zu besichtigen, ist hier ganz konkret zu verstehen. Eine weitere Wand öffnet sich und wir können in aller Ruhe „Kunst“ besichtigen. Und wenn man dabei neben pinken Plüschtieren – zweifellos von der Requisite ausgestreute Assoziationen zum Koon’schen Hallraum - Hans-Peter Feldmanns poppig angemalten Nachbildungen der Schadow‘schen „Zwei Schwestern“ begegnet, passen die so perfekt ins Stück, dass man kaum an einen Zufall glauben will. Ja, da könnte man fragen, ist das nun Kunst oder Requisite, Galerie oder Theater? Das Zusammenfallen von Text und Ort gibt den Worten und Problemen eine anrührende Gegenwärtigkeit und persönliche Bezogenheit. Wenn man dann anschließend in der Hausbar von den Schauspielern umspielt wird, kommen Künstler-Ektase und -Irresein, Ratlosigkeit und Hybris einem so nahe, dass man glaubt, direkt ins „Bergwerk der Seelen“ zu schauen.

Wieder tut sich ein Vorhang auf und gibt den Blick frei auf eine madonnengleiche Figur auf einem Podest in üppig wallendem Gewand: knallig-bunt, schrill-kitschig wie eine Koons-Adaption. Mit kräftiger Stimme steigert die Sängerin (Amy Frega) ihren Gesang von bedächtigem Choral zu schrillem Geschrei: auch die Musik kann sich der Verzerrung und Hybris des Kunstbetriebs nicht entziehen. Schließlich landen wir wieder im Eingangsbereich, der inzwischen zu einer ohrenbetäubenden Disko mutierte und Schauspieler wie Zuschauer zur Bewegung auffordert. Vermutlich ein Teil des „Hallraums“.

Am Ende begeisterter Applaus für ein Künstlerdrama in einem anregenden Ambiente, das den Zuschauer mitnimmt, animiert und amüsiert. Obwohl 1999 von dem Büchner-Preisträger Goetz im Zeitgeist der Neunzigerjahre geschrieben und 2000 zum „Stück des Jahres“ gekürt, kommt die Inszenierung der jungen Künstler ohne nostalgische Reminiszenz, absolut heutig und dennoch mit humoriger Distanz daher.