Europa im Theater Solingen

Vom Gurkentest zum AfD-Kulturprogramm

Französischer Weichkäse, belgische Pommes, türkische Gurken, polnische Wurst, spanischer Wein, Schweizer Schokolade - warum tut sich Europa eigentlich so schwer, wenn sich aus den Produkten seiner einzelnen Bestandteile solch ein kulinarisches Mahl bereiten lässt? Wenn wir regelmäßig das Beste aus europäischen Landen auf den Tisch packen, müssten doch die Vereinigten Staaten von Europa, die Martin Schulz unter Ausschluss aller nicht stromlinienförmig auf EU-Linie mitschwimmender Staaten bereits in sieben Jahren ins Leben rufen möchte, bald erreicht sein.

Im Theater Solingen sehen wir zunächst die Werbung eines Supermarkts, der diese Produkte anpreist. Lena Berghaus liegt derweil im Einkaufswagen und baggert das Publikum um einen Euro an, damit sie sich auslösen kann. Denn der Wagen liegt an der Kette, und sie ist eingesperrt. - Jedes Jahr erarbeitet das spinaTheater Solingen mit Jugendlichen und ganz jungen Erwachsenen eine Laien-Produktion, die meist experimentellen Charakter hat und oft sehr temperamentvoll, manchmal auch maximal wütend ist. Vor fünf Jahren geriet 99 Prozent (siehe hier) zu einem hammerstarken, von Occupy inspirierten Schocker, bei dem mancher Erwachsene kniend um Abbruch der ultraharten Szenen bettelte. Der euphorisierte Rezensent aber griff zu Vergleichen mit den Halbgöttern der professionellen Theaterszene: Er fühlte sich an Aufführungen von Falk Richter und Anouk van Dijk erinnert. Zeit, einmal nachzuschauen, wie es die nächste Generation handhabt, zumal diese mit den gleichen, teilweise auch schon in der TV-Landschaft reüssierenden Regisseuren antritt und zumal für die „choreographische Mitarbeit“ Reut Shemesh verantwortlich zeichnet, eine derzeit hoch gehandelte professionelle Choreographin aus der freien NRW-Tanztheaterszene.

Nun, es ist wie im Fußball: Nicht jede U19 wird Europameister. Manchmal scheitert die nächste Generation schon in der Qualifikation. Wir erleben, was eigentlich zu erwarten ist, wenn junge Laien sich auf der Bühne ausprobieren: ambitioniertes Amateurtheater. Was ja nicht schlecht ist. Man hangelt sich assoziativ durch die europäische Themenwelt: von den besagten Lebensmitteln über eigene Reise- und Lebenserfahrungen zur Freizügigkeit von Reise- und Kapitalverkehr, von Gurkentest und Wurst-Harmonisierung zu politischen Zusammenstößen, von Fluchtgeschichten zum AfD-Kulturprogramm, das von in Ballettröckchen zur „Hymne an die Freude“ über die Bühne hopsenden Jugendlichen auf die Schippe genommen wird. Manche Passagen sind berührend, manche von ansteckendem, überbordenden Temperament, manche geraten arg naiv, oberflächlich oder unausgegoren. Die Wut der Truppe von 2012 hat diese Generation nicht; dafür wird ab und an ein wenig gekalauert: „Merkel und Erdogan bumsen miteinander“, heißt es da, und die mit den Konterfeis der beiden Politiker versehenen Einkaufswagen rasen ineinander. Zart deutet man den „Ziegenficker“-Vergleich aus dem inkriminierten Böhmermann-Gedicht an, und als Persiflage auf das Privatfernsehen wird eine Publikumsabstimmung durchgeführt: Die Mitgliedschaft der Türkei in der EU wird mit ca. 100 zu 3 Stimmen abgelehnt. Nicht immer kommt die Ironie in der beabsichtigten Schärfe über die Rampe, und manche Szene wird so lange überdehnt, bis die beabsichtigte Kritik an den bürokratischen Vorgängen und Zuständen in Europa ins Gegenteil umschlägt, weil nicht nur die EU, sondern auch die Performer nicht zu Potte kommen.

Aber es gibt auch gelungene Passagen und Ideen: Wladimir Putin, der große Demokrator, entert die Bühne auf dem gebeugten Rücken seines Volkes und unter den Klängen der sowjetischen Nationalhymne. Gekleidet ist er wie ein römischer Imperator. Er tritt an zum Boxkampf gegen Angela „Die Mutti“ Merkel, die nach einem unfairen Kung-Fu-Tritt zu Boden geht. Eine junge Performerin stellt die Frage nach der Lebenswirklichkeit der Politiker, die sie offensichtlich weit weg von ihrer eigenen verortet. Ob diese Politiker schlafen können, ob sie jemals die Tragweite ihrer Handlungen und Entscheidungen bedenken? An dieser Stelle wird auch ihr Text plötzlich zu einer schrillen Wutrede, die in Ansätzen an die Heftigkeit der Vorgänger aus 99 Prozent erinnert.

Möglicherweise ist es tatsächlich dem Einfluss von Reut Shemesh zuzuschreiben, dass viele der choreographischen Elemente dieser aus Schauspiel, Tanz und Musiktheater nahezu gleichgewichtig zusammengesetzten Performance zu den Höhepunkten der Aufführung gehören. Zu treibender, schlagender Musik sehen wir ein gehetztes Volk - und dazu erzählt der aus Eritrea emigrierte Ali Ahmed in gebrochenem Deutsch seine berührenden Fluchtgeschichten. In einer großartigen, geschickt ausgeleuchteten Choreographie zu leiser, düster-dramatischer Musik steigen alle Performer in einen einzigen Einkaufswagen um, und vor unserem geistigen Auge entstehen Bilder der Boat People in höchst prekärer Situation. Nandi und Sandi Rajab berichten nun in nahezu makelloser Sprache von ihrer eigenen Flucht. Aber es droht die Einführung einer Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen, und prompt sollen wir abstimmen, wen wir zurückschicken: Ali, Nandi oder Sandi. Aline Annessy moderiert die Szene professionell, und so wird mit einfachsten Mitteln demonstriert, wie absurd die Einführung einer Obergrenze ist: Sobald wir die persönlichen Schicksale der Menschen kennen, sind wir nicht mehr bereit, die unbarmherzige Entscheidung zu einer Abschiebung zu treffen.

Am Ende einer rassigen Choreographie zu „Europa, heiliges Land“ lassen alle Europa hochleben, bevor sie der Reihe nach umfallen: zuerst Paul Wilmink, der zuvor in einer ironischen Szene einen vielsprachigen, ehrgeizigen, erfolgreichen Vorzeige-Europäer gespielt hatte, der leider nur noch in Plattitüden sprach, dann Ali, dann alle anderen. Schon lange war die Leuchtschrift, in der das Wort „Europa“ über der Bühne prangte, ins Flackern geraten. Doch dann rotten sich alle noch einmal zusammen, springen hart und heftig auf. Da strahlt „Europa“ wieder im alten Glanz. Gemeinsam können wir es schaffen. Aber es fordert Energie und die Bereitschaft zum Kampf für unsere Ideale.