Der Kaufmann von Venedig im Schauspielhaus Düsseldorf

Früher war mehr Lametta

So verbohrt und selbstgerecht der Jude Shylock am Ende auch sein mag: Vegan ist er wenigstens nicht. Er lobt den Geschmack von Rindern, Hammeln oder Ziegen; Menschenfleisch schmecke ihm weniger gut. Eine Einladung von Antonio hatte er ausgeschlagen, weil er bei dem Christen vermutlich nicht koscheres Schweinefleisch essen müsse. Honi soit qui mal y pense, aber man könnte auf den Gedanken kommen, dass Shylock Menschen(fleisch) und Schweine(fleisch) quasi in einen Topf würfe. Aber immerhin hat sich der kulinarische Genießer im Rahmen eines Kreditvertrages zusichern lassen, bei Zahlungsunfähigkeit seines Gläubigers ein Pfund Fleisch aus dessen Körper „nächst dem Herzen“ herausschneiden zu dürfen.

So scheu und nonnenhaft diese eingeschüchterte Jessica im strengen Schwarzen auch sein mag: Ein Fräulein Rühr-Mich-Nicht-An ist sie wenigstens nicht. Kaum hat Lorenzo sie aus ihres Vaters Haus entführt, entspringt dem konservativen, pietistischen Kokon eine flippige Sexy Hexy im rassigen schwarzen Flatterkleid, mit kessem Hütchen, unkonventionell und lebensfroh. Schon bei ihrem Abgang aus des Vaters Haus hatte sie, die zum Christentum konvertieren will, wenn Lorenzo sie ehelicht, mit einem schmissigen jiddischen Liedchen den einzigen Szenenapplaus dieses Premierenabends eingeheimst.

So wohlerzogen Shakespeares Liebende Bassanio und Lorenzo auch sein mögen: Der Pubertät sind sie noch nicht entronnen. Mit Lorenzo hat sich Jessica einen Hallodri geangelt, mit dem man fraglos wunderbar durch Flohmärkte und Diskos tingeln kann, der sich aber vor einer Familiengründung offenbar noch ein wenig austoben muss. Und Bassanio, der Lover der strengen, eleganten Portia, ist Anführer einer Gang of Venice, die denen von Verona, den Tybalts und Mercutios von den Capulets und Montagues in nichts nachsteht.

Sie hassen, diese Figuren. Sie blicken aufeinander herab. Doch lange Zeit wirkt es, als hätten sie sich mit dem status quo arrangiert. Der Jude wird hochmütig behandelt und auch mal denunziert, aber Shylock nimmt es scheinbar gelassen. Burghart Klaußner gibt ihn mit nobler Zurückhaltung, aber scharfem Verstand. Antonio - was kehrt ihn sein Geschwätz von gestern? - leiht sich Geld von dem gerade noch Verachteten. Er ist pragmatisch und ansonsten ein Melancholiker. Sie mögen einander nicht. Ja, sie hassen, aber in Maßen.

Aber lieben sie auch, die Venezianer und Belmonteser? - Anders als gedacht: Die schwule Liebe zwischen Antonio und Bassanio, bei Shakespeare allenfalls hauchzart angedeutet, ist mit Händen greifbar und wird am Ende für jeden, der es noch nicht begriffen hat, mit einem innigen Zungenkuss deutlich. Antonio liebt, doch er wird alleine bleiben; Bassanio liebt, doch er wird der Konvention genügen und Portia ehelichen. Ob Portia liebt, weiß man nicht so recht, aber ihr Verstand sagt ihr, Bassanio sei die angemessene Wahl. Jessica liebt vor allem ihre Freiheit, kauft in Genua einen Affen und haut 80 Dukaten in einer Nacht auf den Kopf. Shylock wäre besser mal rechtzeitig zur Erziehungsberatung gelaufen: Wer so streng erzogen wird wie seine Jessica, muss ja irgendwann ausbrechen, um eine eigenständige Persönlichkeit zu entwickeln. Shylock liebt auch. Er liebt seine Tochter, aber es scheint, als hätten sie einander auf immer verloren. Wenn andere Inszenierungen die große Versöhnungsszene feiern, stehen sie einander gegenüber - auf Abstand, traurig. Aber sie kommen nicht zusammen. Und, ach ja: Wo ist eigentlich Lorenzo in dieser Szene?

Shakespeare nannte seinen Kaufmann von Venedig eine Komödie - eine ziemlich merkwürdige Genre-Bezeichnung, die allenfalls in der Triple-Hochzeit und der wundersamen Rettung von Antonios Schiffen ihre Legitimation findet. An irgendwelche glücklichen Verbindungen glauben wir in Roger Vontobels ungeheuer sorgfältig und präzise gearbeiteter Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus nicht. Aber bedenkt man, was Vontobel an Ideen zu seiner Neu-Inszenierung eingefallen ist, sollte man an eine glückliche, gelungene Inszenierung glauben. Warum bloß lässt sie uns trotzdem so kalt?

Es liegt in erster Linie an der wichtigsten Idee des Roger Vontobel. Auch die können wir vorbehaltlos gutheißen, denn sie ist politisch mehr als korrekt. Der Kaufmann von Venedig galt (und gilt vielen immer noch) als zutiefst antisemitisches Stück. Shakespeare aber, so legt die heutige Forschung nahe, kannte möglicherweise überhaupt keinen Juden, denn deren hatte sich das elisabethanische England per Gesetz entledigt. Der Jude, so will es Vontobel uns vermitteln, ist Außenseiter, und er ist es, weil er fremd ist, nicht weil er eine andere Religion hat. Natürlich gelingt diese Interpretation nur bedingt: Kaum fällt das Wort „Jude“, bellt die christliche Gang unter Bassanio das Schimpfwort geifernd im Chor. Aber so, wie Rechtsradikale in Deutschland heute Migranten beschimpfen oder Fußball-Fans die Gegner anderer Mannschaften beleidigen. Burghart Klaußner ist ein phantastischer Schauspieler: Wenn er zunächst wortlos die Bühne betritt, spürt man eine atmosphärische Veränderung: Dieser Mann hat ein natürliches Charisma wie es nur wenige Schauspieler besitzen. Sein Shylock ist ein seriöser, ernsthafter Finanzkaufmann, und wenn er denn den Gedanken der Rache in sich trägt, so beherrscht er ihn, lässt sich durch ihn nicht zu unbedachten Taten hinreißen. Er trifft auf einen Antonio, den Andreas Grothgar nicht ohne Koketterie als Melancholiker gibt - und als gewitzten Pragmatiker. Hass? Ach, es sind eher Vorbehalte gegenüber dem Fremden. Der Hass zwischen beiden ist ein gesellschaftliches Phänomen: Der eine ist der Außenseiter, der andere hat die Macht. Im Konfliktfall, wenn der Außenseiter plötzlich in die Machtposition kommt, kann das schon mal eskalieren. - Das alles ist eine wunderbare, nachvollziehbare Interpretation, aber sie nimmt dem Stück die Spannung.

Nachvollziehbar ist auch eine andere Entscheidung des Regisseurs: Die berühmte „Kästchen-Prüfung“, der Portia ihre drei Freier unterwirft, hat Vontobel gestrichen. Portia lässt ausschließlich Bassanio antreten. Tatsächlich erscheint die „Kästchen-Szene“ aus heutiger Sicht ziemlich unsäglich - aber sie bietet auch jede Menge komödiantisches Potential, das Vontobel bewusst verschenkt. In Muriel Gerstners elegantem, aber auch sehr abstraktem Bühnenbild flimmert das Lametta in Portias Palast. Minna Wündrich trägt ein dazu passendes, im Scheinwerferlicht golden und silbern blitzendes Kleid. Doch sie agiert merkwürdig statuarisch, zurückgenommen, intellektuell - von Emotion ist wenig zu spüren. Auch Sebastian Tessenow als Bassanio vermag nur wenig von seinem Street-Gang-Temperament nach Belmont hinüberzuretten, so dass den beiden die schnippisch-witzige Tanja Schleiff als Nerissa und Florian Lange als Gratiano die Show stehlen. In Belmont war in anderen Inszenierungen schon mehr Lametta.

Großartige Momente hat die Inszenierung immer dann, wenn die Musik einsetzt. Matthias Luckey, der nicht nur den Lanzelot Gobbo spielt, singt im Falsett und singt als Tenor: Wenn er vor der Wahl von Portias Bräutigam Henry Purcells O Solitude anstimmt, gehört dies zu den emotionalen Höhepunkten der Aufführung. Bezaubernd gelingt Lou Strenger und Kilian Land die kleine Binnengeschichte zwischen Jessica und Lorenzo, die höchst eigenständig interpretiert und gespielt wird. Die großartige Sängerin Strenger erhält über ihr jiddisches Lied hinaus noch manche Gelegenheit, ihr breites musikalisches Repertoire vorzuführen.

Nach der Pause gewinnt die Inszenierung an Kraft und Schärfe. Sowohl die Charaktere als auch die einzelnen Szenen sind nun mit kräftigerem Pinsel gemalt. Mit einer perfekten Kombination aus Charme und Intellekt gibt Minna Wündrich den verkleideten Richter. Andreas Grothgar drückt sich unauffällig am rechten Rand der Bühne in die Wand, als Shylock auf seinem Recht besteht, ihm ein Stück Fleisch aus seinem Körper zu schneiden. Er verschwindet geradezu, macht sich unsichtbar - und sein Gesicht, seine Mimik und Gestik erzählen eine eigene kleine Geschichte. Die Gang of Venice versucht, den Richter zu korrumpieren, und der Jude wird zum Monster. Doch seine Erbarmungslosigkeit erscheint eher wie Altersstarrsinn als wie grausamer Fundamentalismus. Burghart Klaußner gelingt es, unsere Sympathie zu behalten. Im Schlussbild regiert statt Shakespeares Versöhnungs-Kitsch Nachdenklichkeit.

Roger Vontobel ist es gelungen, die Geschichte zu erzählen, die er erzählen wollte. Und doch erinnert man ein paar Tage danach neben dem charismatischen Klaußner vor allem zwei Nebenfiguren: Lou Strenger als Jessica und Matthias Luckey als Gobbo. Merkwürdig.