Die Marquise von O. im Mülheim, Theater an der Ruhr

Edler Retter mit Testosteronüberschuss

Die Marquise ist eine sportliche junge Frau. Auf Joanna Kitzls fescher Jacke prangt ein großes „O“; bald darauf auf der linken Seite ein noch größeres, aber auch etwas blasseres „F“. Vielleicht hat sich die Marquise da schon ein kleines bisschen in den Grafen F... verliebt. Dass er der Vater ihres Kindes sein wird, ahnt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Obwohl das Kind längst unterwegs ist: Der Graf F..., ein schneidiger russischer Oberst, hat sie anlässlich des Sturms der Zitadelle von M… im Schlaf geschwängert. Damit wir uns recht verstehen: Geschlafen hat die Marquise; der Offizier war hellwach. Die Dame war in Ohnmacht gefallen; was sie ahnt oder weiß - dazu gibt es diverse interpretationsfähige Textstellen in Kleists Novelle, und auch der Gesichtsausdruck von Joanna Kitzl im Jungen Theater an der Ruhr lässt ab und zu vermuten, dass sie manche Ahnung oder gar Erinnerung gern verdrängen möchte. Da sie damit irgendwie erfolgreich ist, bleiben wir beim Kleist’schen Intro, das auch Regisseurin Esther Hattenbach in ihrer Inszenierung verwendet: Die Marquise ist „eine Dame von vortrefflichem Ruf“.

Es ist ein Stoff wie geschaffen für den Katastrophen-Junkie Heinrich von Kleist. Bei Lichte betrachtet, hat die Novelle aus heutiger Sicht etwas von einem Lore-Roman. In Nordrhein-Westfalen ist Die Marquise von O… Stoff für das Zentralabitur 2019 - warum auch nicht: Im Hinblick auf die #MeToo-Debatte ist F...’s folgenreicher sexueller Übergriff irgendwie auch hochaktuell. Anders als Harvey Weinstein plagt F... allerdings sofort das schlechte Gewissen, und da die Marquise jung, attraktiv und Witwe ist, hält er sogleich um ihre Hand an, was bei den ahnungslosen Braut-Eltern, dem Kommandanten der Zitadelle und seiner Frau, der Obristin, naturgemäß Irritation auslöst. Für die Marquise dagegen ist F… „der edle Retter“, hat er sie doch vor Misshandlungen durch andere russische Soldaten geschützt. - Auf solche Räuber-Pistolen muss man erstmal kommen, meinen Sie? Nun, angeblich hat Kleist in seinem Text eine wahre Begebenheit aufgegriffen. Aber nichts Genaues weiß man nicht. Man weiß nur, dass man unwillkürlich dem Vergewaltiger eine gewisse Sympathie entgegenzubringen bereit ist. Das zuzugeben, kann wiederum in Zeiten der #MeToo-Debatte heillose Komplikationen und einen orkanartigen Shit Storm nach sich ziehen. Also: Abitur-Thema gelungen. Wir enthalten uns trotzdem eines unangemessenen Transfers von Moralvorstellungen aus dem Anfang des 19. in den Beginn des 21. Jahrhundert und bleiben strikt beim Blick auf Esther Hattenbachs Inszenierung.

Und damit beim Blick auf Nico Ehrenteit, der den F… spielt. Und zwar auf eine Art und Weise, für die die Bezeichnung „hyperaktiv“ noch maßlos untertrieben scheint. Beim Bodenturnen, mit Salti, am Reck, am Kletterbaum: Wie Ehrenteit über die Bühne tobt, ist olympiareif. „Wow“, entfährt es Marquise Julietta. Ehrenteits Performance ist bemerkenswert, aber auch reichlich lärmend und expressiv. Permanent drückt er auf die Tube; zu bremsen ist er nie, und die Gabe der leisen und einfühlsamen Rede wurde ihm nicht verliehen. Wahrscheinlich sind so die Typen, die vor lauter Testosteronüberschuss schon mal über schlafende Frauen herfallen und anschließend ein schlechtes Gewissen haben: Jedenfalls ist es Juliettas Vater nachzufühlen, dass er auf die unerwartete Brautwerbung reserviert reagiert. Diesen F… wollen wir auch nicht als Schwiegersohn! Es passt zu Ehrenteits Auftreten, dass er sich, als die Marquise am Ende per Zeitungsanzeige nach dem Vater ihres Kindes fahndet, mit der Axt Zugang zum Haus des Kommandanten verschafft.

Juliettas Vater ist bei Thomas Schweiberer allerdings auch nicht gerade die Gelassenheit in Person. Seine hartherzige Art - so legt es ein späteres Video nahe - droht gar seine Tochter zu traumatisieren. Der Obrist ist halt ein Soldat: hart, stolz, von ehernen Grundsätzen, aber auch ein wenig kleingeistig und isolationistisch. Manchmal versteigt er sich zu fremdenfeindlichen Parolen: „Wir sollten die Mauer wieder hochziehen“, poltert er, denn „das ganze Ost-Gesochse (nimmt) uns unsere Kultur“. Mit beißendem Spott und Wut im Bauch antwortet er dem russischen Kommandanten, der die Zitadelle „befreit“ hat und als Quartier für seine Leute requiriert: „Dank an alle Russen. Wirklich ALLE!“ Da sind Putin und Sportminister Mutko gleich mitgemeint, und der satirische, aufgesetzte Bruderkuss weckt Erinnerungen an die russischen Einmärsche in der Krim und in Georgien.

Den russischen Kommandanten gibt Rupert J. Seidl, der später auch den Arzt spielt, bei dem die Marquise sich auf ihre Schwangerschaft untersuchen lässt. Seidls ironische und distanzierte Spielweise lassen ihn oftmals zynisch wirken, aber eben deshalb macht es Freude, ihm zuzusehen. Er zieht stets eine zweite Ebene in sein Spiel ein und ragt daher aus dem qualitativ heterogenen Ensemble heraus, in dem nicht alle Schauspieler Mülheimer Normal-Form erreichen. Eine Identifikationsfigur ist Joanna Kitzl als Julietta, die mal selbstbewusst und mal verunsichert, mal verschämt und mal ironisch agiert und gleichermaßen überzeugend kindliche Freude und gewaltigen Ärger zeigen kann.

Alles in allem aber erleben wir eine aufgekratzte Aufführung, deren Temperament nicht immer von der Handlung beglaubigt werden kann. Oliver Kerstan gibt sich mit seiner hervorragenden Schlagzeug-Begleitung alle Mühe, die Schwächen des inszenatorischen Konzepts zu verdecken, aber letztlich macht die Aufführung trotz gelungener Musik einen unrhythmischen Eindruck. Von Ausnahmen abgesehen - Gabriella Weber als ratlos Beschämte nach der Aufdeckung ihres Versuchs, Julietta einen gesellschaftlich akzeptablen Kindesvater unterzuschieben, Kitzls regelmäßige Verunsicherungen - spielt niemand mit echtem Gefühl. Das ist als Konzept akzeptabel, aber nicht, wenn die Gefühlseinlagen dann peinlich werden. Wenn Thomas Schweiberer minutenlang zum Rhythmus des Schlagzeugs in die Kissen schluchzt, soll das witzig sein, wirkt aber nur albern. Die Sicherheit, mit der Esther Hattenbach in vielen anderen Inszenierungen auf dem Grat zwischen Intellekt und Gefühl balanciert ist, erreicht ihre erste Arbeit am Theater an der Ruhr leider nicht.

Übrigens: Nach manchen Verwicklungen wird am Ende von Kleists Novelle wieder alles gut. Julietta schickt den sich als Vater ihres Kindes zu erkennen gebenden Grafen zwar erstmal in die Wüste, heiratet ihn später aber doch, nachdem er sie als alleinige Erbin eingesetzt hat - nicht wegen des Geldes, sondern wegen zurückgekehrter Liebe. Gefragt, warum sie seinen ersten Heiratsantrag abgelehnt habe, antwortet sie, der Graf wäre ihr damals nicht wie ein Teufel erschienen, wenn er ihr bei seinem ersten Schritt in ihr Leben nicht wie ein Engel erschienen wäre. Auch das ist im Rahmen der #MeToo-Debatte ein Satz, den man diskutieren sollte. Nicht im Hinblick auf die wahren Verbrecher wie Weinstein oder den Kunstturnerinnen-Doktor Larry Nazar, aber vielleicht doch im Hinblick auf zahlreiche Fälle aus den Grauzonen des aktuellen Geschlechterkampfs…