Heisenberg im Bielefeld, Theater am Markt

Tango

Es gibt Theaterstücke über Alan Turing, J. R. Oppenheimer und Albert Einstein; über Galilei sowieso. Warum also nicht auch über Werner Heisenberg? Seine Biographie würd’s allemal hergeben.  

Wenn aber das neueste Stück in Bielefeld Heisenberg heißt, so ist das Etikettenschwindel. Denn Heisenberg kommt darin nicht vor (allenfalls mal als einer von vielen „Wissenschaftlern“). Und es ist Hochstapelei, wenn Theater in ihren Ankündigungen Simon Stephens Stück zur „quantenphysikalischen Beziehungsstudie“ hochjazzen, wie in Düsseldorf; in Bielefeld kündigt man etwas bescheidener eine „Liebesgeschichte“ an, „ausgehend von Werner Heisenbergs Unschärferelation“. Die wird im Stück zwar mal zitiert, aber in einer allzu populären Form:

„Wenn man etwas intensiv genug beobachtet, kann man unmöglich sagen, wohin es sich bewegt und wie schnell es dorthin gelangt… Wenn man darauf achtet, wohin es sich bewegt oder wie schnell, dann beobachtet man es nicht mehr richtig“

und das eingebettet in einen Wasserfall von Sätzen, die vom Hölzken aufs Stöcksken hüpfen - so dass an dieser Stelle genauso gut ein Koranzitat hätte stehen und das Stück logischerweise Mohammed hätte heißen können.

Doch ganz so schnell wollen wir die Unschärferelation nicht abtun - irgendwas wird sich Stephens bei seinem Titel ja gedacht haben. Da ich zu den 99,999… Prozent der Menschheit gehöre, die sich mit Quantenphysik nicht auskennen, habe ich fachkundige Hilfe gesucht und - via Wikipedia - bei „alpha-Centauri“, einem Wissenschaftsmagazin des Bayerischen Rundfunks gefunden. Dort habe ich von Physik-Professor Harald Lesch vor allem gelernt, „dass die Quantenwelt etwas ist, was sich unserer Vorstellungskraft entzieht“. Und das, was man eh schon wusste: „Dass der Beobachter ganz massiv die Wirklichkeit, die er beobachten will, verändert, dadurch, dass er sie beobachtet“. Und: „Im Gültigkeitsbereich der Heisenbergschen Unschärferelation ist nicht mehr klar: Was ist Ursache und was ist Wirkung?“ - Na bitte!, mag man sagen, genauso ist’s doch in dem Stück! - Selbst wenn das so wäre, hätte es nichts mit der Unschärferelation zu tun, denn deren „Gültigkeitsbereich“ erstreckt sich auf mikroskopische Größenordnungen: da geht’s um „10-33 Joule-Sekunden“. Da muss man gar nicht wissen, was Joule-Sekunden sind, um zu kapieren, wie verdammt klein das ist. In Professor Leschs Worten: „Das ist nichts! Deshalb macht sich das in der normalen Welt auch nicht bemerkbar“. Was auf der Bühne passiert, kann man vielleicht mit Psychologie erklären - nicht aber mit Quantenphysik.

Und die Frage, mit der Lesch seine Ursache-Wirkung-Unsicherheit illustriert: „Wer hat mit wem zuerst angefangen, etwas zu tun?“ - ist das nicht genau die Frage, die sich bei unserem Stück stellt? - Nein, eben nicht! Denn es ist eindeutig Georgie, die angefangen hat, etwas mit Alex zu tun; und sie ist auch weiterhin die treibende Kraft. Womit wir endlich bei der Geschichte dieses seltsamen Paares wären:

Im Londoner Bahnhof Pancras trifft Georgie Burns auf Alex Priest (ob wohl die Namen was zu bedeuten haben? - Georgie Brennt und Alexander Priester?). Sie ist 42, redselig, extrovertiert, von Beruf Killerin, also nein, Kellnerin, in Wirklichkeit Schulsekretärin, verwitwet, nein, nie verheiratet… Er ist 75, betreibt (weil er „die Tiere mag“) eine schlechtgehende Metzgerei, kann aber von seinen finanziellen Reserven noch gut leben; er benutzt Fremdwörter, die man einem 75jährigen Metzger so wenig zutrauen würde wie das breite Spektrum seines Musikgeschmacks (von Bach über Beatles bis House und Metal), lebt allein (ursprünglich notgedrungen, da ihm vor 50 Jahren die Freundin weggelaufen ist, inzwischen wohl aus Überzeugung). Während Georgie ihn zutextet, will er nur seine Ruhe haben. Doch sie gibt nicht auf, stalkt ihn geradezu, und irgendwann hat er ihrem burschikosen Charme nichts mehr entgegenzusetzen, nimmt bald - und durchaus gern (kein Wunder!) - ihre Einladung an, mit ihr zu schlafen.

Die beiden Darsteller (Christina Huckle und Thomas Wolff) haben jetzt Gelegenheit, zu großer Form aufzulaufen! Nein - falsch: sie waren von Anfang an in großer Form, aber sie überzeugen besonders dabei, wie sie die Entwicklung ihrer Figuren vorführen. Aus den beiden wird tatsächlich ein Liebespaar (wobei nicht klar ist, ob sie sich zufällig getroffen haben, oder ob er ursprünglich einfach „in ihr Beuteschema passte“: als wohlhabender Alter, den man mit Hilfe von ein bisschen Sex ausnehmen kann). Und dabei machen sie, macht das Stück eine bemerkenswerte Entwicklung durch: Anfangs glaubten wir uns in einer witzigen Boulevardkomödie, die von dem klassischen Gegensatz lebt: oberflächliche Quasselstrippe contra introvertierter, nüchterner Spießertyp („ich fühle nicht, ich denke“). Doch dann lassen sich die beiden aufeinander ein, die beiden Individuen entwickeln sich zum Paar.

Eine Entwicklung hat wohl auch der Autor hinter sich: Im Bielefelder Programmheft wird aus einem Interview der ZEIT mit Stephens (15. Mai 2008) zitiert: dass in London „die Chance minimal ist, jemals mit einem von den 10 Millionen Einwohnern ins Gespräch zu kommen“. In jenem Interview zitierte Stephens auch Becketts Godot: „Wladimir: ‚Gehen wir?‘ – Estragon: ‚Ja‘. – Und sie bewegen sich keinen Millimeter: Wir wissen, dass wir falsch leben, aber wir tun nichts, um die Dinge zum Besseren zu wenden“.

Heisenberg wurde sieben Jahre nach diesem Interview uraufgeführt. Und widerlegt den Pessimismus. Die hartnäckige Offenheit Georgies siegt über Alex‘ sture Verschlossenheit: sie kommen ins Gespräch, und beide bewegen sich: zunächst aufeinander zu, dann gemeinsam vorwärts. Anstatt in den Tag hinein zu leben und über das Verschwinden ihres Sohnes zu lamentieren, macht sich Georgie auf die Suche nach ihm; und Alex - der seit seiner Kindheit London nicht mehr verlassen hatte - begleitet sie nach Amerika.

Gleichzeitig wandelt sich die Atmosphäre: zunächst haben wir den auf Wortwitz, auf Situationskomik hingedrechselten Zusammenstoß zweier Extreme. In dem Maß, in dem die sich annähern, verschwindet das Klamaukige, verwandelt sich in eine ruhige Melancholie, die nicht ohne Optimismus ist: selbst wenn die Suche nach dem Sohn erfolglos bleibt - das Leben, beider gemeinsames Leben hat einen Sinn, zumindest einen Inhalt bekommen - und sei es nur ein Tanz.

Alex ist nämlich - noch ein überraschender Zug - auch Tangotänzer. Zu Beginn weist er Georgies Aufforderung zum Tanz brüsk ab: mit Nichtkönnerinnen gibt er sich nicht ab. Wenn, soll sie erst mal tanzen lernen. Zu seiner (und der Zuschauer) Überraschung kann sie es am Ende. Sie hat Stunden genommen. Und so endet das Stück mit einem bravourös getanzten Tango.

Wikipedia kennzeichnet den Tango zunächst als „feurig … leidenschaftlich … aggressiv“ - ein bisschen so, wie Georgie oder wie das anfängliche Verhältnis der beiden. Je mehr man sich mit dem Tango beschäftigt, umso häufiger stößt man auf die Vokabel „Melancholie“.

So hätte man diese Geschichte ganz gut mit „Tango“ überschreiben können. Bloß: ein Stück dieses Titels hat S?awomir Mro?ek schon 1964 vorgelegt.