Richard III im Theater Duisburg

Ein Horror-Clown mordet in Slapstick-Mechanik

Auf der dunklen Bühne zeichnet sich eine riesige helle Scheibe ab - Sonne oder Mond? Nein, eine überdimensionale Trommel wird sichtbar im blassen Licht und Bühnennebel, davor sitzt ein Männlein, das irre-wirre zu trommeln beginnt. Es wird heller und sieben bizarre Figuren tauchen auf, beginnen puppenhaft mit kantigen Bewegungen einen grotesken Tanz um die Trommel und den wild dreinschlagenden Trommler. Mit clownesk kalkig gepuderten Gesichtern, die Köpfe mit weißen Kinnbandagen umwickelt, in fetzig-kitschigen Klamotten wirken alle anonymisiert, manipuliert, wie absurde Untote.

Eine der männlichen Figuren (Thomas Niehaus) wirft sich einen Königsmantel um, setzt sich eine Krone aus Rehgeweih aufs Haupt und beginnt zu husten und zu prusten: offensichtlich der kranke Noch-König Edward. Später wird der Schauspieler - wie alle anderen - in diverse anderen Rollen schlüpfen, nur durch Kostüm und Sprache zu unterscheiden, denn wie üblich bei Shakespeare, spricht das Volk in Prosa, der Adel in Versen. Das hält der Übersetzer Thomas Brasch - bei aller Freiheit, die er sich bei seiner kraftvoll, derben Interpretation nimmt - strikt durch. Nur einer wechselt seine Rolle nicht, der grandiose Jörg Pohl als Richard III. Er ist es, der den Ton angibt als Trommler, der alle anderen nach seinen Schlägen tanzen und springen lässt. Jetzt dreht er sich um: mickrig, grotesk verrenkt hinkt er an die Rampe, wirft seine Mütze ins Publikum. Zunächst kritisch lauernd, dann listig grinsend macht er klar, worum es geht: „Ich ein Auswurf, hinkend und so schief gebaut, hab beschlossen, hier den Dreckskerl aufzuführn. Das Schlachtfest es beginnt.“ Und ehe wir uns versehen, sind wir alle seine Kollaborateure, denn immer wieder tritt er komplizenhaft aus seiner Rolle heraus, setzt sich auch mal ins Publikum. Und dabei sind alle seine entindividualisierten Mitspieler auf der Bühne letztlich nichts als bereitwillige Möglichmacher für die Pläne des nonchalanten Soziopathen, für dessen grausiges Morden, das bei Antú Romero Nunes abläuft wie eine Slapstick-Mechanik. Sei es aus Habgier, Eigennutz, Angst oder Gleichgültigkeit, alle funktionieren marionettenhaft, austauschbar um den Meister-Zyniker, der mit teuflischer Freude an der eigenen Intrige und Bosheit die Fäden in der Hand behält und dem man im Letzten doch nicht wirklich böse sein will.

Damit das Ganze nicht zum Klamauk verkommt, werden die meisten Szenen zwischen verschieb- und verdrehbaren Seidentüchern gespielt, die gruselig angestrahlt aus dem Bühnenhimmel herabwehen.

Aus diesen Vorhängen taucht auch in fetzig-schwarzem Spitzen-Trauerkostüm Lady Anne auf (virtuos gespielt von Lisa Hagmeister), die Richard in einer grotesken Szene - über der noch warmen Leiche ihres soeben ermordeten Ehemannes - zur Frau will. Angewidert reißt sie dem Freier die Kleider vom Leib: da steht er zunächst verschämt und scheinbar unterwürfig splitternackt vor der Wütenden, um sich dann unter Küssen und Schlägen mit ihr in eine kurze Ehe zu wälzen. Nunes scheut nicht vor abgegriffenen Theatereffekten zurück: ob die Nackedei-Szene oder der Kunst-Blutschwall aus dem Bauch des sterbenden Edward, der den verdutzten Rivalen komplett rot einfärbt, ob die immer wiederkehrenden clownesken Übertreibungen oder slapstickhaften Vereinfachungen - vieles scheint aus der Klamottenkiste der Bühne geholt.

Und weil bei Richard III nicht - wie etwa bei Macbeth - ein Attentat und eine überschaubare Zahl an Leichen das Ganze vorantreiben, zieht sich bei Nunes das Intrigieren und Morden - trotz brillanter Schauspielerleistung - im ersten Teil etwas vorhersehbar monoton in die Länge.

Nach der Pause gewinnt die Inszenierung stärker Struktur. Richard besteigt die Riesentrommel als Thron, setzt sich die Rehgeweih-Krone aufs blonde Wuschelhaar. Er ist jetzt nicht mehr „das hinkend-stinkende, ekelhafte Schwein“, wie seine Mutter ihn einst nannte, und die jetzt - bei ihrem Fluch über den Sohn - fast etwas Gespenstiges erreicht.

„Richard liebt Richard“ bleibt dennoch das zynisch, ironische Motto des egomanen Pop-Clowns in der absurd-komischen Tragödie, die in derb-burlesken Kabarett-Szenen, in denen auch mal ein nackter Hintern Prügel bezieht, dem Ende zu strebt. Da wird viel gestrichen, der fünfte Akt wird auf den geflügelten Satz „Mein Königreich für ‘n Pferd“ und einen kunstvollen Fechtkampf reduziert, an dessen Ende alle Darsteller auf Richard einstechen. Dass dieser dann noch einmal den Kopf hebt und „Hasenöhrchen“ zeigt, ist der Gipfel der Albernheit.

Antú Romero Nunes bringt den Shakespeare-Text von 1597 in einer modernen Übersetzung ohne Aktualisierungsversuche und Fremdtexte getreu auf die Bühne, selbst der scheinbare Einbruch der politischen Wirklichkeit, wenn Richard an die Rampe tritt und fordert, die Flüchtlinge, der „Abschaum aus dem Süden“, mögen zu Hause bleiben, ist das Shakespeares Text. Nunes bietet in seiner grotesk komödiantischen Inszenierung keinerlei Interpretation oder Konzept. Die Frage, die sich aufdrängt: Wie kommt ein Psychopath und Soziopath an die Macht? wird gar nicht erst gestellt.

Wir sehen eine hervorragende, höchst spielfreudige Theatertruppe, doch die Figuren erreichen den Zuschauer nicht, sie gehen ihn im Grunde nichts an.

Es wurde viel gelacht in dieser Tragödie und am Ende für eine ungewöhnliche Schauspieler*innenleistung herzlich applaudiert.