Schöpfung im Dortmund, Schauspielhaus

Der Triumph der Menschmaschine

Der ganze Optimismus der Aufklärung tönt aus Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“, das weltfreudige Religiosität und ein vom christlichen Dogma emanzipiertes Menschenbild zelebriert. Geist, Licht und Vernunft sind Kernworte des Librettos von Gottfried van Swieten. Nicht als reuiger Sünder tritt der Mensch seinem Schöpfer bei Haydn gegenüber, sondern als stolzes Ebenbild. Der Komponist traf mit diesem Opus Summum 1798 den Nerv der Zeit und löste eine Begeisterung aus, die zur Bildung einer Laienchorkultur führte. Auch kompositionsgeschichtlich wirkte das Werk stark fort: Alle Oratorien des 19. Jahrhunderts gehen auf sein Modell zurück.

Wie es heute um die Spezies des Menschen bestellt ist, der bei Haydn noch als „König der Natur“ gefeiert wird, erkundet die in Berlin ausgebildete Regisseurin Claudia Bauer in ihrer jüngsten Produktion, die schlicht und ergreifend Schöpfung heißt. Am Schauspiel Dortmund, wo sie bereits Werke wie Rainer Werner Fassbinders Welt am Draht, Ingmar Bergmanns Szenen einer Ehe und Philippe Heules Die Simulanten in Szene setzte, lässt sie den Menschen als fehlerhaftes Auslaufmodell dastehen: überflügelt von intelligenten Maschinen, deren Algorithmen den Anspruch auf eine überlegene Vernunft erheben.

Die Menschmaschine, die zu Beginn des Stücks wie ein „Deus ex machina“ aus dem Boden fährt, besteht aus elf Personen, gekleidet in betont ausdruckslose Scheußlichkeiten in Grau und Beige. Die Gruppe präsentiert sich zunächst als Einheit, als vollkommene Maschine, die das Menschengeschlecht sogleich als „Teignasen“ und „Klebaugen“ schmäht. Rhythmisch und en bloc skandiert das Dortmunder Ensemble Texte aus Bernhard Studlars Stück Die Ermüdeten, das die Erschöpfungssyndrome der bürgerlichen Mittelschicht unter die Lupe nimmt und 2015 in der Regie von Claudia Bauer seine Uraufführung erlebte.

Drei Opernsänger lösen sich aus dem Dortmunder Kollektiv: Sie sind die Erzengel Gabriel (Maria Helgath, Sopran), Uriel (Ulrich Cordes, Tenor) und Raphael (Robin Grunwald, Bass). Von Mikroports verstärkt und von Petra Riesenweber am Cembalo begleitet, schicken sie Haydns Arien und Rezitative durch die elektronischen Loops und Verzerrungen von Tommy Finke alias T. D. Finck von Finckenstein, in dessen Händen die musikalische Leitung des Abends liegt. Rasch geht die Menschmaschine daran, sich zu verselbständigen. Die Darsteller tauchen hinter einen Vorhang ab, verschwinden in einem auf der Drehbühne aufgebauten Zylinder, der nur begrenzten Einblick erlaubt. Was sich durch die Fenster nicht sehen lässt, überträgt eine Live-Kamera nach draußen. So werden wir Zeuge, wie Haydns Meisterwerk mit dem Tempo eines Asteroiden auf Claudia Bauers dystopisches Szenario knallt und dabei ätzende Zynismen freisetzt. Ganz im Geiste von Stanislaw Lems Golem XIV erblicken wir den Menschen als Parasiten der Erde, als schlampiges Resultat zufälliger genetischer Mutationen, das sich vor dem Spiegel genussvoll die Pickel ausdrückt.

Schrill und ähnlich abstoßend geht es weiter. Mit enervierender Hyperaktivität spielt die Menschmaschine uns vor, wohin es mit einer Spezies kommt, die sich selbst zum Gott wird, trotz aller Unzulänglichkeiten. Wie sie schlachtet und frisst, exzessiv Bier säuft, 376 Arten des Tötens erfindet und sich im dümmlichen Selbstfindungsgequatsche gefällt. Haydns Musik, die wie eine Folie über diesem Irrsinn liegt, lässt uns an das Versepos von John Milton denken, das einst dem Libretto zugrunde lag: Paradise Lost. Unberührte Natur gaukelt uns die Videoleinwand erst in dem Moment vor, als Adam und Eva zueinander finden. Das Universum scheint sich vor dem ersten Paar zu öffnen - bis Adam entsetzt herausfindet, dass seine geliebte Gefährtin in Wahrheit ein intelligenter Roboter ist. Jacques Offenbachs Hoffmann lässt grüßen.

Das Dortmunder Schauspielensemble legt ein rasantes Spieltempo vor. Die Darsteller schwitzen unter Masken, wechseln in fliegender Eile Kostüme, tummeln sich im Rudel vor der Live-Kamera und erschöpfen sich in Monologen, Dialogen und Sprechchören. Diese werfen zwar richtige und wichtige Fragen für Gegenwart und Zukunft auf, aber die theoretischen Exkurse führen auch zu einem Mangel an Lebendigkeit. Demonstratives Gezappel hilft dem nicht ab. Die Menschmaschine steht erst dann wieder regungslos, wenn „die große Rechnerin“ das Spiel auf Null zurücksetzt. Das Ende berührt den Anfang: Der Kreis der Schöpfung ist ausgeschritten.