Gott im Köln, Schauspiel

Wenn die Logik zum Teufel geht

Von wegen griechische Klassik. Wenn sich Woody Allen, wie er es 1976 getan hat, Gott zuwendet, gehen Albernheiten, Witz und Tiefgang eine rasante und farcenhafte Mischung ein. Dabei ist jener Herr, die Titelfigur des Allen-Stücks, eigentlich tot. So hören wir es jedenfalls. Und wenn das so ist, muss der Mensch mit sich selber klarkommen. Ausreden sind nicht mehr möglich. So hat er 82-jährige ein Stück erfunden, in dem der Mensch mit all seinen Schwächen und Stärken in ebenso absurde wie tief bohrende Situationen gerät. Die Hauptsache hinter all dem Verwirrspiel, das sich nun auch am Kölner Schauspiel in die unmöglichsten Szenen verrennt, ist freilich der Spaß am sinnvollen Unsinn.

Apropos Klassik. In der „Außenspielstätte“ in der City spielt ein bühnenbreites Gemälde, eingefasst in einen veritablen Rahmen, eine der Hauptrollen - und führt mitten in eine Schein-Klassik: Erhaben thront die Akropolis von Athen über sanft abfallenden Felsgebilden. Kein Wunder, schließlich hat sich der Autor von Manhattan aus nach Athen aufgemacht, wo, um es ins klassisch Griechische zu wenden, das Satyrspiel beginnt, ehe auch nur ein Zipfel von Tragödie zu sehen war. Denn das Duo, das sich nun, streitbar wie die sprichwörtlichen Kesselflicker, ins Geschehen wirft, will den Dramatikerpreis des Jahres gewinnen. Vor allem der Schriftsteller Hepatitis (Philipp Pleßmann) - der keineswegs einen Leber-, allenfalls ein Komikerschaden hat - ist aufs Siegen aus. Wäre da nur nicht sein Schauspieler Diabetes (Bruno Cathomas) - übrigens auch kein Zuckerkranker -, mit dem zu streiten das Stück schon zu Beginn in die Absurdität führt.

Vor allem der Schluss bereitet Sorgen. Schließlich, so die Schulweisheit der Klassiker-Adepten, hat ein Stück einen „Anfang, eine Mitte und einen Schluss“. Aber genau das Ende fehlt noch. Was aber tun, wenn man, wie Hepatitis feststellt, vielleicht nur der Autor in einem Spiel ist, der seinerseits die erfundene Figur eines ganz Anderen ist? Vielleicht sind ja auch wir, das Publikum, nur Fiktion eines unbekannten Schöpfers? Unversehens sind auch wir mitten drin im ebenso pseudophilosophisch-traumhaften wie verrückt-verwirrenden Spiel von Fiktion und Realität: Theater auf dem Theater, mehrfach gebrochen.

Was also tun, wenn das Athener Dramen-Festival schon in drei Tagen beginnt, der Schluss aber immer noch fehlt? Natürlich! Den „echten“ Stück-Erfinder anrufen! Aus dem Athen von 500 v. Chr. ins New York 2500 Jahre später. Kann Woody helfen? Nix da, der ist ein wahrer Witzbold mit einigem Tiefgang: Er kenne den Schluss auch nicht. Man solle ihn doch bitte informieren, wenn man ein Ende gefunden habe.

Von nun an geht’s bergab. Oder bergauf, wie immer man will. Jedenfalls geht es danach um alles mögliche, nur nicht mehr um das Dramen-Festival. Im übrigen darf man auch bezweifeln, dass Hepatitis auch nur die geringste Chance gehabt hätte. Chancen hat er freilich in Köln des Jahres 2018, wo die Dramaturgie dem Regisseur des Abends, Moritz Sostmann, einen ganzen Strauß lokaler Bezüge in Allens Text gemischt hat. Was keine neuen Erkenntnisse mit sich bringt, dem in die Klamotte abdriftenden Abend gleichwohl viel Beifall einbringt. Da wird auch Woody, übrigens geboren als Allan Steward Königsberg, nicht mehr gefragt. Die Inszenierung, übrigens im zweiten Teil vor allem mit Puppen gestaltet, die dem Nonsense eine besondere Note verleihen, verliert sich im Unbestimmten. Die Komik dreht gewissermaßen so weit durch, bis der Sinn des Ganzen verloren zu gehen droht. Denn durch allen vermeintlichen Nonsens geht es (auch) um Moral und Tod, Frauen und Sex. Um das Absurde allen menschlichen Daseins. Zumal dann, wenn „Gott tot“ ist.