Ich werde nicht hassen im Münster, Wolfgang-Borchert-Theater

Lasst uns reden!

Wie aktuell sie sein würden, konnten die Programm-Macher des Wolfgang-Borchert-Theaters gar nicht geahnt haben, als sie Ich werde nicht hassen im Spielplan aufgenommen haben. Denn gerade in diesen Tagen flammt der Protest der Palästinenser gegen die Enteignung ihres Landbesitzes durch den Staat Israel heftiger auf als in vielen Jahren zuvor. Sie nehmen den „Tag des Bodens“ zum Anlass, daran zu erinnern, wie ein Volk im Jahre 1948 entrechtet wurde. Und es ist wie immer die Spirale der sich entladenden Gewalt, der man gegenüber steht angesichts eines Konflikts, dem die ganze Welt seit Jahrzehnten mehr oder minder tatenlos zusieht. Und der nichts als Fassungslosigkeit und Wut evozieren kann.

Ich werde nicht hassen ist die Autobiografie des palästinensischen Arztes Izzeldin Abuelaish, dessen Lebensweg das Leiden seines Volkes in erschreckender Weise beispielhaft widerspiegelt: Geboren im Gaza-Streifen, von klein auf in den Überlebenskampf seiner Familie einbezogen, beschreitet er den Weg der Bildung, um Elend und Armut zu entfliehen. Das tut er zielstrebig. Abuelaish wird Arzt, arbeitet als Arzt in israelischen Krankenhäusern. Er schafft sich internationale Kontakte, erwirbt sich hohes Ansehen als Gynäkologe. Vor allem ist er stets auf Ausgleich bemüht, meint seinen Beitrag zur Überwindung des Konflikts durch Dialogfähigkeit leisten zu können. Und dennoch kann er den erbarmungslosen Grundkonstanten des israelisch-palästinensichen Konflikts nicht entkommen. Während er in schikanösen Grenzkontrollen festgehalten wird, stirbt seine Frau an akuter Leukämie. Drei seiner Töchter verliert er während eines Angriffs auf den Gaza-Streifen. Izzeldin Abuelaish ist ein moderner Hiob. Denn er verliert trotz aller Prüfungen seinen Glauben nicht an die Macht des Wortes: „Lassen Sie uns reden“ ist die Conclusio, die er als Schlusspunkt setzt unter die Erzählung seines Lebens.

Die Autobiografie in dramatisierter Form auf die Bühne zu stellen, dazu bedarf es viel Feingefühl. Und das beweist Regisseurin Tanja Weidner in höchstem Maße. Sie umschifft gekonnt die Klippen drohender erstickender Überemotionen. Einen „Sandkasten“ findet sie als Modell für die Lebensumstände, in denen Abuelaish verwurzelt ist - ein unsicherer Grund und Baumaterial, dessen Festigkeit nur von Hoffnung und dem Willen zum Wiederaufbau getragen werden kann. Video- und Fotoprojektionen dienen Weidner nur zur Unterstreichung der Erzählung des Lebensweg eines Mannes, haben niemals auch nur den Anstrich eines Selbstzwecks.

Klar ist: ein solcher Monolog kann nur gelingen, wenn ein Schauspieler alles hineinlegt. Und das tut Jürgen Lorenzen bedingungslos bis zur Selbstaufgabe. Jürgen wird Izzeldin und macht diesen gnadenlosen Konflikt für alle geradezu physisch erfahrbar: dessen Sinnlosigkeit und Unmenschlichkeit. Wut und Fassungslosigkeit bleiben, aber Lorenzen und Weidner haben gekratzt an dem Panzer der Gleichgültigkeit, den wir uns zugelegt haben angesichts der Kriege auf unserem Planeten.