Kurze Interviews mit fiesen Männern im Neuss, Rheinisches Landestheater

Einblicke in das Gefühlsleben und das Beziehungschaos absolut nicht liebenswerter Männer

David Foster Wallace, 1962 in einer Kleinstadt in Ithaca, New York, geboren, war schon zu Schulzeiten ein Überflieger. Die Studien in Englisch, Philosophie und Mathematik schloss er mit Bravour ab. Wallace‘ gefeierter erster Roman Infinitive Jest (Unendlicher Spaß), 1996 in den USA publiziert, enthält autobiographische Details und ist nach Meinung des Autors auch als „überdimensionierte Anmachmaschine“ zu verstehen. Wallace, der zu den einflussreichsten Schriftstellern seiner Generation gehört, litt schon zu jener Zeit unter depressiven Schüben. 1999 erscheint seine Geschichtensammlung Kurze Interviews mit fiesen Männern, aus der ausgewählte Texte in Neuss zur Aufführung kamen. 2002 zog Wallace nach Kalifornien, um dort eine Professur anzunehmen. Er heiratete und führte ein bürgerliches Leben im Reihenhaus. Als er aus medizinischen Gründen die Antidepressiva absetzte, ging es ihm rapide schlechter. Am 12. September 2008 nahm er sich das Leben.

Der Erzählband Kurze Interviews mit fiesen Männern enthält nur Geschichten, die um Personen kreisen, deren Welt aus den Fugen geraten ist. Sie bleiben namenlos und austauschbar. Die Monologe, die mehr psychologische Fallstudien und Berichte aus einem tristen Leben sind, klingen zum Teil glaubwürdig, dann wieder absurd. Diese in der Tat auch als fiese Charaktere gezeichneten Männer beschreiben in erster Linie ihre sexuellen Beziehungen zu Frauen, wobei tief liegende Ängste immer wieder durchschlagen, obwohl sie sich Mühe geben, selbstbewusst zu erscheinen.

Joachim Berger inszenierte im Neusser Theatercafé Diva drei Texte aus dem Erzählband. Der intime Rahmen dieser außergewöhnlichen Spielstätte – durch die große Fensterfront schaut man, auch während der Vorstellung, auf die Straße und ist mitten im Leben dort – passt gut zu Wallace‘ Texten. Christoph Bahr und Richard Lingscheidt springen zu Beginn plötzlich von der Straße her in den Raum. Mit Bierkasten und E-Gitarre. Und direkt in das erste Beispiel aus der Geschichtensammlung. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Dein Dreizehnter!“ Gemeinsam beschreiben sie höchst anschaulich, wie dieser Dreizehnjährige es zur Feier seines Geburtstages endlich wagen will, vom großen Turm im Schwimmbad zu springen. Die Szenerie im Schwimmbad – auf der Liegewiese, im Becken, nicht zu vergessen auf dem Sprungturm – wird so lebendig und anschaulich geschildert, dass man sie fast zu sehen glaubt. Ebenfalls detailliert zeichnet Wallace die Gefühle des Jungen, dessen zunehmende Aufregung und Spannung, wenn er die Sprossen hinaufklettert.

Schnitt. Heftige Gitarrenakkorde. Dann der Monolog eines notorischen Frauenverlassers (Richard Lingscheidt), der wahrlich ein fieser Mann ist. Wie ihn ein Klischee nicht besser zeichnen könnte. „Schätzchen, wir müssen miteinander sprechen“ – so sein auf pseudoehrlich gestimmter Beginn des Trennungsgespräches. Warum er sich „als Idealtyp für eine Frau, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt“ beschreibt, ist nur mit Ironie zu betrachten. Was soll man von seiner sogenannten Ehrlichkeit halten („Was ich ganz wichtig finde, ist völlige Offenheit, Schätzchen.“), ist er doch „von Natur aus zum Anbaggern geschaffen“. Dann legt er den Rückwärtsgang ein. Womit er kokettiert. Anstelle einer Replik einer Partnerin hören wir unruhige Gitarrenklänge. Ein klug gewähltes Mittel zur Ergänzung dieser einseitigen Tirade. Christoph Bahr übernimmt im dritten Text den Part des ebenfalls namenlosen Mannes, der es auf „fesselnde“ Begegnungen abgesehen hat. Und wieder ist man beim Zuhören von der akkuraten, witzig-sachlichen Sprache von Wallace begeistert, mit der auch die seelischen Abgründe dieses offensichtlich in der Jugend von seiner Mutter verkorksten Mannes („Mami hat meinen Willen schon früh gebrochen.“) veranschaulicht werden. Exzellent auch Bahr, wenn er sachlich seine „gemeinsame Freizeitgestaltung“ mit Frauen plant, um so symbolisch die Komplexe aus der Kindheit aufzuarbeiten. Wobei er betont: „Ich bin kein Sadist.“
Fast befreiend ist für die weiblichen Zuschauer, wenn Souffleuse und Regieassistentin Frances van Boeckel aufspringt und eine heftige Gegenrede zur Genderproblematik mit einem Text von Donna Haraway loslässt.
Zum Schluss sind wieder beide Schauspieler beteiligt. Wir kehren zum Bild des Jungen auf dem Sprungbrett im Schwimmbad zurück – ohne zu erfahren, ob er nun springt oder nicht. Diese thematische Klammer rundet den ungemein intensiven, wenn auch manchmal recht anstrengenden Abend (einige Textpassagen sind schon eine Zumutung) ab.

Ein spannendes Theatererlebnis. So ganz anders als man es mit einer großen Bühne, vielen Requisiten und einem Ensemble kennt.