Wut im Bonn, Theater

Mo kommt nicht

Keiner mag Elfriede Jelinek. Stefan Bachmanns berührendes Plädoyer am Schauspiel Köln für die große alte Dame der österreichischen Wut-Suada hat 40 Kilometer rheinaufwärts noch keine Wirkung gezeigt: Die Vorstellung am Theater Bonn ist exzellent verkauft, aber unzählige Plätze bleiben frei. Große Teile des Abo-Publikums sind einfach nicht erschienen. Doch auch in Bonn ist eine Inszenierung zu sehen, die Vorurteile widerlegen könnte. Sie berührt nicht wie Bachmanns leise Winterreise (theater:pur-Rezension siehe hier) , aber sie bietet wieder mehr Spektakel. Intelligentes Spektakel, aber auch ein Spektakel wie eine Stoffsammlung: Wie alles mit allem zusammenhängt, setzt sich vermutlich jeder Zuschauer auf eigene Weise zusammen.

Der Stück-Dramaturg und designierte Bonner Schauspieldirektor Jens Groß hatte in der Einführung gewarnt: Elfriede Jelinek wolle uns abgewöhnen, immer alles logisch verstehen zu wollen. Diesbezüglich gibt sich die Inszenierung von Sascha Hawemann in den Godesberger Kammerspielen alle Mühe. Kaleidoskopartig blättert Jelineks Text verschiedene Szenarien von Wut und Wutbürgern auf; er wandert vom Politischen ins Private, von Terrorismus zu Fremdenhass, vom Religiösen ins Autobiographische. Aber alles ist scheinbar wild durcheinandergeraten und auf das Schrägste miteinander verschränkt. Wenn man die Ärmel hochkrempelt und das Assoziationsmaterial sortiert, lassen sich drei Themenblöcke herausfiltern: Das „Sterben unter der Trikolore“, Wutbürgertum und Terrorismus sowie Jelinek privat. Hawemann und Groß haben schon eine Menge Vorarbeit beim Sortieren des Materials geleistet, aber dem Zuschauer-Hirn noch genügend Aufgaben übriggelassen.

Wie bei ihrem jüngsten Streich Am Königsweg handelt es sich auch bei Jelineks Wut um eine spontane Reaktion auf ein unerhörtes Ereignis. Anlass für das Stück waren die Anschläge vom Januar 2015 auf die Redaktion des Pariser Satire-Magazins Charlie Hebdo und auf einen jüdischen Supermarkt in der Nähe der Porte de Vincennes. Regisseur Sascha Hawemann hat seine Inszenierung ganz unter das Motto „Frankreich“ gestellt: Lustig klappt Monsieur Hulots Paddelboot zusammen und erschreckt fortan die Badegäste als Krokodil. Wer will, kann den zu Beginn der Aufführung auf den Vorhang projizierten Slapstick aus dem Jahr 1953 schon als Menetekel für die später angesprochenen Ereignisse betrachten. Tatsächlich wird das Bild durch ein paar etwas dümmlich kostümierte Nichtschwimmer mit Badekappen und Schwimmreifen wieder aufgenommen, die sich als die „Selbsterschaffenen“ bezeichnen: „Einen Gott brauchen wir nicht“. (Auch das Motivs des Gottes-Glaubens wird in der Inszenierung immer wieder angesprochen.) Charles Trenet singt „La Mer“ - so wie überhaupt die eingesetzte Musik ausschließlich französisch geprägt ist. Wenn der Vorhand hochgezogen wird, erblicken wir in großen Lettern den Schriftzug „FUREUR“, dessen letzte drei Buchstaben sich später einmal nach vorn schieben und das Europa-Signet bilden werden. Im Verlauf der Aufführung werden die sechs Buchstaben zum Schreibraum werden, zu den Redaktionsräumen, in denen der Anschlag auf Charlie Hebdo stattfindet. Wir sehen Bilder vom „Massaker von Paris“ vom 17. Oktober 1961, als eine Demonstration von Algeriern während des Algerienkriegs vor allem durch das allzu brutale Eingreifen der Polizei in ein Blutbad ausartete. Jelinek hat die Texte dazu verschiedenen Zeitungsartikeln entnommen und in ihr Stück hineincollagiert. Die Bilder des Terrors von 1961 und von 2015 weisen nicht nur optische Parallelen auf: Auch der jahrzehntelange Umgang des Westens mit der arabischen Welt ist ein Grund für den Hass, der Europa von mancher Seite entgegenschlägt. Jelinek enthält sich der Wertung. Sie konstatiert nur ratlos: Ob es sich um die verschwommene Bild-Erzählung von 1961 handelt oder heute das Smartphone klingelt: „Die Nachricht ist dieselbe: die vom Sterben unter der Trikolore.“

Die Schauspieler wüten - manchmal reichlich laut. Stille, differenzierter vorgetragene Wut wäre manchmal wirkungsvoller. Aber Hawemanns bildstarke und kraftvolle Inszenierung arbeitet analog zu Jelineks Text mit überraschenden Assoziationen: Da passt zusammen, was man nie als zusammengehörig angesehen hat: die Wut der Islamisten, die sich in Terroranschlägen äußert, und die Wut auf die Populisten und Nationalisten, sei es in Deutschland, Österreich, Frankreich, Algerien oder der Türkei - aber auch die Wut der Wütenden, aber nicht sich Wehrenden auf diese Wutbürger und auf den Terrorismus: „Die Abwesenheit des Denkens bedeutet die Abwesenheit vom Heutigen“, heißt es einmal. Aus dem schrottreifen VW Golf, der mehrfach pittoresk auf die Bühne rollt, klettern mal die Terroristen der Pariser Anschläge und mal die grölenden Hooligans und aggressiven Neonazis, die fremdenfeindliche Parolen brüllen. So sind denn die Bilder zwar manchmal überwältigend, aber immer auch mehrdeutig: Aus dem Abendkleid springt ein Flintenweib mit Kalaschnikow, und am oder im Terroristen-Auto brechen sich in kurzer Folge die Wut über Mohammed-Karikaturen, der Zorn über islamistischen Terror, die Fremdenfeindlichkeit und die Frustration der kleinen Elfie (Johanna Falckner) über das desaströse Verhältnis von Vater und Mutter Jelinek Bahn. 

Tatsächlich ist die Künstlerin anwesend - immer. Gleich in der ersten Szene steht sie vor dem Vorhang. Laura Sundermann beherrscht zwar nicht den Wiener Schmäh, ist aber zumindest optisch eine ziemlich gelungene Jelinek-Kopie. Jeder darf mal ran: Sundermann hat zwar das Exklusivrecht auf die typische Jelineksche Haartolle, aber alle dürfen mal den grauen Pelzmantel tragen, der die Insignie der Drama Queen ist wie der Purpurmantel bei echten Königs. Empathie mit der an einer schweren psychischen Erkrankung leidenden Autorin zeigen sie nicht: Diese Jelineks wüten eher. Das Resignierte (manche sagen auch: Larmoyante) sonstiger Jelinek-Figuren wird - manchmal etwas prollig - überspielt, und die Irritation der Autorinnen-Figur äußert sich eher bockig als manisch-depressiv oder melancholisch. Man mag das als eine Schwäche der Inszenierung (oder der Schauspieler) betrachten, aber letzten Endes ist es nur eine ungewohnte Interpretation - das Suchende, die Irritation und Verzweiflung der Autorin ist dennoch wahrnehmbar. Wie in Stefan Bachmanns Winterreise werden das Verhältnis zur dominanten Mutter und zum abwesenden (depressiven) Vater sowie der familiäre Streit als Begründung für Jelineks permanente Wut und Trauer angeführt, jedoch hängt diese Szene in Bonn ein wenig unmotiviert in der Luft. Mangelnde Bindung zum Rest der Inszenierung könnte man auch einer weiteren Szene vorwerfen, auf die wir aber ungern verzichten möchten: Mit souveränem Witz zitiert Holger Kraft aus Jelineks Nobelpreis-Urkunde - auf Schwedisch. Schauspielerisch ragt aus dem Fünfer-Team vor allem Philipp Basener heraus, der in einer zwar sehr gelungenen, aber manchmal zu wenig die besinnlichen Momente beachtenden Inszenierung die Zwischentöne beherrscht - und zwar sowohl in der Intonation als auch in der Mimik.

Basener macht auch den Juden. Gegen Ende ist nämlich Gipfeltreffen der Religionen angesagt. Da schleppt eine Christus-Karikatur schwer an ihrem Kreuz, ein fernöstlicher Buddha ist zum Religionsfrieden bereit, und Baseners Jude Woody (Allen) ist eh mehr Künstler als verbissener Prophet. Das Dumme ist, dass einer fehlt: „Mo kommt nicht.“ Und so findet eine bisweilen schwierige, aber ungeheuer phantasievolle Inszenierung voller großartiger Bilder, bitterem Zynismus und schlagendem Witz ein pessimistisches Ende.

Keiner mag Elfriede Jelinek? Nur Mut: Gehen Sie hin. Und begreifen Sie nicht mit ihrer Logik, sondern mit ihrem Gefühl. „Sieh hin - und du weißt“, sagte schon der jüdische Philosoph Hans Jonas. Und der hat über den Gottesbegriff geforscht…