Das hündische Herz im Köln, Theater im Bauturm

Schwankend über dem Abgrund

Ein Straßenköter mutiert zum „neuen Menschen“. Dank eines genialen Chirurgen, der ihm eine Hypophyse einpflanzt. Die Hoden eines Kleinkriminellen kommen hinzu - und schon entwickelt sich aus dem Straßenköter ein Straßen-Kommunist. Doch statt zu einem Edelkommunisten wird er zu einem widerlichen Ekel, das gewissen- und verantwortungslos die Welt in Brand zu stecken droht. Gäbe es nicht die Möglichkeit einer Rück-OP, um die Gesellschaft vor dem Moloch noch zu retten
Michail Bulgakows Das hündische Herz ist eine Novelle, sicher auch und zuerst eine bitterböse Satire die Sowjetunion, die bereits 1925, als er seinen Text verfasste in Stalins Diktatur erstickte.

Bulgakow, 1891 in Kiew geboren, studierter Landarzt, Satiriker und vom Regime verbotener Autor, hat auch seine Dramen nie auf einer Bühne erleben dürfen. 1940 starb er in Moskau. Nach dem Roman „Der Meister und Margarita“, dessen Adaptionen auf unseren Bühnen mittlerweile äußerst erfolgreich sind, ist Das hündische Herz eine weitere blendend erzählte Groteske mit stark mystischer Einfärbung.

Im engagierten privaten „Theater im Bauturm“ in Kölns Innenstadt machte sich nun Kathrin Mayr ans Regiewerk. Russisches ist ihr vertraut. So hat sie bereits Dostojewskis Schuld und Sühne erfolgreich für die Bühne übertragen. Bei ihrer radikalen Bearbeitung der von Alexander Nitzberg grandios übersetzen Novelle, hat sie die Zahl der handelnden Personen von neun auf drei reduziert. Auch das Bühnenbild (Katharina Philipp) ist dem kleinen Raum bestens angepasst: äußerst spartanisch und damit zugleich sehr aussagewirksam. Insgesamt ist ein Stück besten Theaters gelungen.
Weit entfernt von möglichen russischen Klischees dringt die ganz in Schwarz und Weiß getauchte Inszenierung tief in die Doppelstruktur des Textes ein. Denn der gibt mehr hier als nur die bissige Satire auf den „neuen Menschen“ in einer angeblich neuen Gesellschaft - in der des Sozialismus.
Zwei Menschen bewegen sich auf der Bühne, lautlos. Ein Metronom zerhackt die Zeit. Plötzlich öffnet sich eine Platte des Bühnenbodens. Etwas, wohl ein Mensch, drängt nach oben, ans Licht. Einer der beiden Männer verhindert die Versuche brutal. Er tritt auf die sich spaltbreit öffnende Bodenplatte. Immer wieder. Bis das Wesen, das zum Licht will, wimmernd aufgibt.

Doch wenig später drängt es durch den Zuschauerraum auf die Spielfläche. Es ist Lumpi, der Straßenköter. Von nun an geht’s bergab – mit Lumpikow, so sein späterer menschlicher Name, freilich bergauf. Die Operation, mit der Professor Preobraschenski (mitreißend: Sascha Tschorn) den ihn umwinselnden Köter (bis zur Selbstaufgabe: Mario Neumann) in ein menschliches Wesen verwandelt, ist auch der Beginn seiner Verwilderung. Dem russischen Frankenstein entwindet sich seine eigene Schöpfung.
Dabei wurde Lumpi, anfangs geehrt mit einem zunächst verhassten goldenen Halsband, rasch „nach oben“ geadelt – und doch bleibt er der ihm eingeimpfte kleinkriminelle Proletarier. Die „neue Lebensform“ wird schließlich zum Streitobjekt, der Doktor (Pablo Konrad, der in mehreren Rollen glänzt) und der vermenschlichte Köter schlagen sich.
Die Menschwerdung endet schließlich in einer Katastrophe. Das ist die eine, die vordergründige und bitter-satirische Komponente der Novelle wie der Theater-Adaption. Doch Mayrs Inszenierung und in ihr das faszinierend mehrschichtige Spiel des Trios bietet zugleich mehr. Nämlich einen Blick ins Heute, in dem permanent die Gefahr der Manipulation besteht – und der „neue Mensch“ zu einem von außen gesteuerten Wesen zu werden droht. Ob die Umkehrung im Heute freilich so einfach ist wie die in Bulgakows Novelle, in der eine erneute OP den Hunde-Menschen wieder zum Hund werden lässt, dürfte fraglich sein.