Winterreise im Köln, Schauspiel

Schwarzes Tier Traurigkeit (2)

Keiner mag Elfriede Jelinek. Hören Sie sich mal um, wenn Sie das nächste Mal im Theater sind; fragen Sie Ihre Sitznachbarn, Ihre Bekannten mit Schauspiel-Abo. Die gucken Sie dann an, als wären Sie der Beelzebub. Im besten Falle nähern sie sich der Jelinek mit einer gewissen Ehrfurcht, denn die Autorin ist ja schließlich Nobelpreisträgerin. Aber die Ehrfurcht wird begleitet von tiefem Schauder. Und wissen Sie was? Dem Rezensenten ging es ein paar Jahre lang genauso. Dann platzte der Knoten. Stefan Bachmanns Winterreise war meine 32. Jelinek-Aufführung in den letzten 20 Jahren.

Jelinek könne man nicht lesen, aber es stecke unheimlich viel Theater drin, spottete der Unterzeichner oft. Gute Jelinek-Inszenierungen sind oft wilde, phantasievolle Spektakel mit viel Musik und schrillen Kostümen, lautstarken Monologen und verwegenen Stimmungsbrüchen. Jetzt präsentiert der Kölner Schauspiel-Intendant Stefan Bachmann seinem heimischen Publikum eine sechs Jahre alte Inszenierung, die er am Burgtheater Wien angerichtet hat, und führt alle diese Klischees ad absurdum. Er führt uns vor, was wir bislang für völlig unmöglich gehalten haben: eine Jelinek-Inszenierung, die zutiefst berührend ist. Unter zwei Voraussetzungen: Man sollte ein wenig über die Biographie und die Krankheit der Autorin wissen. Und man sollte die Hintergründe der Ereignisse kennen, die Jelinek in ihrer Winterreise anspricht.

In ihrem Stück lässt Jelinek sich leiten von dem gleichnamigen Liederzyklus von Franz Schubert, der nach Aussage der Autorin für sie eine „lebenslange Inspirationsquelle“ ist und den sie als „Werk der Heimatlosigkeit“ bezeichnet. Es ist Schuberts düsterstes Werk, das im Verein mit den romantischen Texten von Wilhelm Müller von Angst und Schmerz, von Einsamkeit, Depression und Todessehnsucht kündet. Jelinek kennt diese Unbehaustheit nur zu gut, obwohl sie sich in ein Schneckenhaus zurückgezogen hat. Wir glauben, ihren letzten öffentlichen Auftritt miterlebt zu haben: Bei der Präsentation ihres Sportstücks im Rahmen der Mülheimer „Stücke“ 1998 ließ sie sich überreden, den berühmten „Elfie Elektra“ Monolog höchstpersönlich auf der Bühne vorzutragen. Seitdem zwingt sie die Depression, größere Menschenansammlungen zu meiden. In ihren Stücken aber thematisiert sie in zunehmendem Maße ihre Krankheit, ihre Selbstzweifel, ihre Versagensängste, ihre sexuellen Nöte, ihre zunehmende Isolation, ihren Altersprozess. Wer nicht nur Ohren hat zu hören, sondern auch ein Herz zu fühlen, muss Sympathie und Fürsorge für die hochintelligente Einsiedlerin entwickeln. Stefan Bachmann drückt diese Sympathie in seiner Inszenierung der Winterreise, in der sie wie in keinem anderen Stück schonungslose Blicke auf die eigene Biographie wirft und das problematische Verhältnis zu ihren Eltern zu verarbeiten sucht, auf berührende Weise aus. Er hat die wie stets bei der Autorin mäandernde Textfläche strukturiert und übersichtlich in sechs „Akte“ aufgeteilt. Schubert-Lieder aus dem Winterreise-Zyklus, heiser geraspelt von dem „Selig“-Sänger und Rio-Reiser-Interpreten Jan Plewka, kommentieren die jeweils vorangegangenen Szenen und grenzen sie voneinander ab. Ganz beiläufig zeigt Bachmanns Strukturierungsarbeit auf, dass die Winterreise auch eine Werkschau der Autorin ist: Die wichtigsten Themenfelder der Autorin spricht sie in diesem Stück in a nutshell an: die Kritik an der faschistoiden austriakischen Kleinbürgerwelt, die Kritik an den menschenfeindlichen Auswüchsen des turbokapitalistischen Wirtschaftssystems mit seiner globalisierten Finanzpolitik - und eben das Leiden an ihren eigenen, durch die Depressionskrankheit hervorgerufenen „Defiziten“.

Olaf Altmanns spektakulär einfache, für die Schauspieler spektakulär schwierige Bühne ist nichts als eine Schräge, eine steile Abfahrt aus dem Bühnenhimmel mit einem alles verschlingenden, kreisrunden Loch in der Mitte, schwarz wie die Depression. Im Fat Suit, unförmig, nackt, von den sie umhüllenden Körperwülsten eingeklemmt, steckt Barbara Petritsch in diesem Loch, das sie aufgrund ihres Hüftumfangs kaum je in Richtung der Gesellschaft im Parkett verlassen könnte - ein unglückliches, ja: im Leben verunglücktes Alter Ego der in der Realität schlank gebliebenen Autorin. „Ich stecke bis zum Hals in meinem Scheitern“, nölt Petritsch. Es ist ein einziger, langer Depri-Monolog, den sie spricht: zart, traurig, mitleiderregend - und voller Sarkasmus. „Ich kann mich nicht wiederholen“, sagt die Jelinek, die sich in ihrem Gesamtwerk doch so oft wiederholt, und bald dämmert es uns, dass mit der Wiederholung ein Rückwärtsspulen ihres eigenen Lebens gemeint ist - mit der Chance eines Neuanfangs. Jelineks Assoziationen sind atemberaubend wie in ihren stärksten Texten, und schon jetzt begreifen wir, warum die Autorin für dieses Stück im Jahre 2011 den Mülheimer Dramatikerpreis bekommen hat. Ein phantastischer Monolog über die Zeit und über das „Vorbei“ mündet in der Unerfülltheit ihrer Liebesträume: An der Liebe ist sie nicht vorbeigekommen. „Vielleicht ein anderer, der sie erkannt hat, die Liebe. Ich nicht.“ - Wann hat man die Jelinek je so berührend erlebt?

„Das Mädchen sprach von Liebe, / Die Mutter gar von Eh', / Nun ist die Welt so trübe, / Der Weg gehüllt in Schnee“, singt Plewka. Petritsch gibt das große schwarze Loch frei. Der Weg dorthin, die steile schwarze Schräge, wird sich später zur Skipiste verwandeln. Zu einer schwarzen Piste. Sport konnte Elfriede Jelinek noch nie ab …

Zweiter „Akt“: Dorothee Hartinger, Melanie Kretschmann, Simon Kirsch und Gerrit Jansen erklimmen die Piste, gehalten von Ketten und Bändern. Es ist eine Herausforderung für die Schauspieler, auf dieser Spielfläche Tragödie zu spielen. Im 2. Akt ist Hochzeit - gefreit wird die „Hyper-Braut“. Großartige maliziöse Wortspiele bereiten immenses Vergnügen - wenn man weiß, wovon die Rede ist. Bei der Uraufführungs-Inszenierung durch Johan Simons von den Münchner Kammerspielen, die 2011 bei den Mülheimer „Stücken“ gezeigt wurde, traf dieser Teil des Textes auf große Verständnis-Schwierigkeiten beim Publikum. Denn wer erinnert sich noch an den „Hypo-Alpe-Adria“-Skandal? Die Bayerische Landesbank hatte damals eine Kärntner Hypothekenbank dieses Namens gekauft, die, wie sich später herausstellte, in zahlreiche Korruptionsaffären verstrickt war und aufgrund einer ungesunden Nähe zu dem FPÖ-Chef und Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider zahlreiche unzureichend gesicherte Finanzierungen ausgelegt hatte. Aber auch die Due Diligence Prüfung der Bayerischen Landesbank war offenbar ausgesprochen nachlässig ausgeführt worden: „Der Bräutigam hat von nichts gewusst“, heißt es bei Jelinek. Und so werden unsere vier Schauspieler am Ende dieser Episode alle in den Abgrund stürzen. Dass es zu diesen Abgründen in Schuberts Winterreise passende Lieder gibt, versteht sich von selbst.

Dritter „Akt“: Der Text über Natascha Kampusch ist einer der bittersten und bösartigsten Texte, die wir von Jelinek je gehört haben. In der radikalen Strichfassung von Stefan Bachmann erscheint er ins Unerträgliche zugespitzt. Nicht weil die Leiden der Natascha K. während der mehr als 8jährigen Gefangenschaft im Kellerverlies ihres Entführers so unerträglich waren, sondern weil der Text die Boshaftigkeit des Kleinbürgertums und dessen Neid auf die nachträgliche Berühmtheit des Opfers so gnadenlos aufspießt. Nicht übersehen sollte man aber auch die Parallelen zu den Befindlichkeiten der Autorin selbst: zu ihrer durch die Depressionskrankheit erzwungenen Isolation. Stimmen aus dem Off hallen aus allen Ecken des Kölner Depot 1: „Will sie sich über uns stellen?“ - „Sie nimmt sich zu wichtig.“ Vorwürfe, die sicher auch Jelinek schon aushalten musste. Wie ein Reptil kriecht eine Kampusch-Gestalt von oben auf das schwarze Loch der Bühnenschräge zu. „Ich will den Boden küssen / Durchdringen Eis und Schnee“ hat Wilhelm Müller für Schuberts Winterreise dazu gedichtet. Die faschistoiden Kleinbürger aber schicken Kampusch wieder fort, um den lukrativen Fremdenverkehr willkommen zu heißen.

Die Akte 2 und 3 sind die einzigen in Bachmanns Inszenierung, die sich von Elfriede Jelineks persönlichen Befindlichkeiten wegbewegen. Im 4. Akt treffen wir die Autorin persönlich wieder, und zwar in doppelter Gestalt. Melanie Kretschmann gibt die verzweifelte, weinende Depressive und die vor sich selbst Erschreckende. Für sie besteht noch Hoffnung, denn noch kommt sie an ihre Gefühle heran. Dorothee Hartinger dagegen hat sich mit Härte und Sarkasmus gegen die Zumutungen der Welt gewappnet und eingekapselt. Die eine liebt sich noch, die andere verachtet sich längst. „Irre ich mich, oder fährt da eine Irre in die eigene Irre hinein?“, fragt Kretschmann. Die Angststörungen der Autorin gehen unter die Haut; sie schmerzen - und werden am Ende kontrastiert von einer lustigen Weise am Piano.

Akt 5: Back to the Bride. Diesmal ist die Braut die Jelinek; verkörpert wird sie von Gerrit Jansen. Die unbemannte Braut spricht von ihrer unerfüllten Sexualität, und sie setzt sich auseinander mit der Hassliebe zu ihrer Mutter, der sie die Schuld an ihrer mangelnden Fähigkeit zum natürlichen Ausleben ihres Sexualtriebs gibt. Ein Skifahrer kommt den Abhang hinuntergefahren, und Jan Plewka taucht mit Postler-Mütze im Bühnen-Loch auf: „Von der Straße her ein Posthorn klingt.“ Jansen und Plewka spielen das hochkomödiantisch, uns aber gefriert das Lachen.

Toll strukturieren diese Lieder die Aufführung; so großartig wie niederdrückend ist die Vanitas-Klage der Jelinek. Der Lieder-Zyklus ist wieder am Anfang angelangt, beim „Gute Nacht“-Lied: „Was soll ich länger weilen / Dass man mich trieb hinaus?“ Das Lied leitet über zum 6. Akt, in dem Jelinek ihre Schuldgefühle gegenüber ihrem Vater verarbeitet, der im Jahre 1969 in einer psychiatrischen Klinik starb. In Johan Simons‘ Münchner Uraufführung machte André Jung diese Figur zu einem unvergesslichen Theatererlebnis; in Köln kann Martin Reinke, die einzige Umbesetzung im Vergleich zu Bachmanns Wiener Fassung, das Niveau der übrigen Schauspieler nicht halten. Dennoch gehören auch ihm zutiefst berührende Szenen. Sein Text wird zunächst aus dem Off eingespielt, während Reinke zuweilen ein wimmerndes Summen anstimmt. So einfühlsam, so poetisch war Elfriede Jelinek noch nie. Tiefe Depression trifft bei Reinkes Figur auf zunehmende Demenz. Das schwarze Tier Traurigkeit legt sich wieder auf den Abend. Wir sehen dem erschütternden Ende eines Lebens zu. Barbara Petritsch und Dorothee Hartinger treten erstmals vor die schwarze Piste: Mutter und Tochter besuchen den Gatten respektive Vater in der Nervenklinik. Hart weist die Mutter den Vater zurück; schüchtern verfolgt die Tochter die Szene. Ja, so könnte es gewesen sein. Bis heute wird Elfriede Jelinek von Selbstvorwürfen geplagt.

Gleich drei traurige Schluss-Szenen folgen noch. Petritsch erscheint ein zweites Mal in ihrem Fat Suit. Der Text ist - wie weite Teile dieser ungeheuer sensiblen, empathischen Inszenierung - ein großes, todessehnsüchtig machendes Lied vom Untergang in einer sechs Jahre alten, für Köln neuen Inszenierung, der man noch ein ganz langes Leben wünscht. Doch die Aufführung ist noch nicht zu Ende. Überraschend kippt die Steilwand-Piste ein wenig ab und gibt den Blick auf den Gipfel frei. Elf Skifahrer stehen auf der Aussichtsplattform und feiern. Sie mokieren sich über die Jelinek, der längst keiner mehr zuhöre. „Immer dieselbe Leier“, spotten sie über die „wunderliche Alte“: „Unsere Lieder sind viel schöner.“

Ja, so ist es wohl. Keiner mag Elfriede Jelinek. Alle mögen DJ Ötzi: „Ein Stern, der deinen Namen trägt“. In Endlosschleife läuft das Lied, das Jelinek wahrscheinlich ebenso verachtet wie ihr die Sportler zuwider sind. All die flachen Menschen, die Jelinek so hasst, tanzen zu der Melodie. - Ja, Elfriede, keiner mag dich. Aber wir werden ihn für dich schaffen. Ganz oben am Dichterhimmel wird er leuchten: der Stern, der deinen Namen trägt!