Wir sind Affen eines kalten Gottes im Köln, Schauspiel

Ein Hoch auf Karl Marx‘ 200-Jähriges

Seit sechs Jahren machen sie von sich reden. Drei von einer ganz eigenen Art Theater gepackte Nonkonformisten. Sie verstehen es bestens, mit einer Mixtur aus Schauspiel und Musik Aufsehen zu erregen. „Subbotnik“, was soviel heißt wie „Arbeit ohne Löhne am Samstag“ - beliebte „Spielart“ des Sozialismus in der UdSSR und der DDR - , nennt sich das Dreier-Kollektiv, das seit 2012 eine ebenso kurze wie rasch Aufmerksamkeit heischende Karriere zu bieten hat. Auf Off-Festivals in Dortmund und Düsseldorf, aber auch an Stadttheatern wurde die Truppe gebührend gefeiert. Das Trio, von dem der Schauspieler Oleg Zhukov aus der Ukraine stammt, der Musiker Kornelius Heidebrecht kasachisch-weißrussische Wurzeln hat und Martin Kloepfer Deutscher ist, bewegt sich, so man will, erfolgreich in einer Nische - einer Art Live-Hörspiel mit vielfach choreografisch gestalteten Schauspielszenen.

Das Schauspiel Köln hat sie mit offenen Armen empfangen, ihr neuestes Stück Wir sind Affen eines kalten Gottes erlebte jetzt am Rhein seine Uraufführung. Wessen Gottes Affen wir sind, erfuhr das geneigte Publikum am Vorabend des allüberall gedachten 200. Geburtstags von Karl Marx. Seine Ambivalenz ist zentrales Thema, um ihn dreht sich die Subbotnik-Performance.

Eine Performance, die es in sich hat. Nämlich alles, was einen Theater-Abend genussvoll geraten lässt. In einer blendend leichten Mixtur aus nachdenklichen, oftmals mitreißend komischen und sogar poetisch versonnenen Passagen. Daraus wird zwar kein „Stück“, aber ein Bilder- und Musikbogen ganz eigener Art.

Es beginnt, als säßen wir in einem philosophischen Proseminar. Marx winkt mit dem Kapital. Besser: eine junge Frau versucht, uns in den Marxismus einzuführen. Doch schon jetzt wird deutlich, dass der Abend alles andere als verkopft oder gar verkrampft werden wird. Locker, stockend und zugleich augenzwinkernd fallen uns Marx‘ Begriffe wie „Ware“, „Geld“ und „Manufaktur“ ins Gemüt. So locker dürfte man den Zusammenhang und Marx’ Definition dieser Begriffe, durch flotte Sprüche und eine Portion köstlicher Ironie der Truppe erweitert und durchmischt, selten erleben oder gar verstehen. Kapitalismus wird auch nicht verteufelt, er wird fast zu einer notwendigen Stufe in der Evolution.

Töne begleiten dabei immer wieder die Texte, geben den Szenen eine musikalisch-poetische Aura. Und wenn sich die „glorreichen Sieben“ - neben dem Subbotnik-Trio agieren mit viel Charme, Lust und Komik vier Akteure des Kölner Schauspiels - sich chorisch vereinen und in einer köstlichen Art gregorianisch klingende Gesänge anstimmen, sind Komik und Ernst bestens verzahnt.

Dann kann’s weitergehen mit Marx und seiner Theorie. Aber ohne hochgestelzte Didaktik. Einer der Sieben ringt, mit einem Tamburin auf dem Kopf, mit dessen Thesen, stottert, will krampfhaft verstehen, begreift aber nichts. Er mag sich anstrengen wie er will. Mit einem Stöckchen bringt er das Tamburin zum Klingeln - bei ihm klingelt nichts. Und doch: Wir verstehen. Es ist eine der köstlichsten, aber auch lehrreichsten Szenen, wie man mit Humor Begriffsstutzigkeit beschreiben kann, ohne den Menschen der Lächerlichkeit preiszugeben. Marx ist halt schwierig. Und eben nicht nur für die, an die er in seinem Kapital vor allem dachte: die Arbeiter.

Dass man bei all dieser Theorie baden gehen kann, liegt nahe. In Köln im wahrsten Wortsinne: Hier tauchen sowohl der Proletarier wie der Kapitalist, kurz zuvor noch im ernsthaften Kampf um Worte und Ideen, in ein Wasserbecken ein, gehen unter, kommen wieder hoch - und sind besorgt um den Anderen, den „Gegner“.

Noch war kein Gott zu sehen oder auch nur zu erahnen. Der titelgebende Affe lässt sich freilich blicken: Inmitten von acht wie von Wunderhand aus dem Boden auftauchenden, an die vier Meter hohen Birken, die sich recken und strecken, wieder umkippen, um schließlich im Bühnenhimmel zu verschwinden, bewegt sich - ein Gorilla. Er staunt, bleibt stehen, sieht sich um. Bis er alleine und einsam im Nichts steht. Die Natur ist entschwunden. Und Marx? Kein Wort mehr von ihm. Kein besonders optimistischer Schluss am Ende einer 100-minütigen Aufführung, die mit Ernsthaftigkeit, skurrilem Charme und Komik bestens umzugehen weiß.

Großer und verdient intensiver Applaus.