Beben im Mülheim, Theater an der Ruhr

Amor vincit omnia – eine Weltenutopie

Ein schmutzig-schwarzer Bühnenraum durchzogen von vier insgesamt mannshohen Stufen, Dämmerlicht seitlich von mächtigen Scheinwerfern. Dann: Spot on! Grell angestrahlt erscheint auf der oberen Stufe ein Kopf - gleitet über die Kante, surreal.

Ich atme nicht. Er atmet. Sagen sie. Atme. Atme. Ich atme. Auch wenn ich gar nicht will. Beklemmend der Auftakt. Dann rückt ein zweiter Kopf nach, ein dritter, ein vierter schweben über den Treppenrand. Satzfetzen stehen im Raum: wie atmen - denken - fühlen - lachen? Und dann tauchen sie auf, zwei Frauen, vier Männer. Zwei in Glitzerkostümen beginnen zu tanzen, tanzen bis zur Ekstase, die anderen - alle in unscheinbar grautönigen Hosen und Shirts - bewegen sich in höchst präzisen, kunstvollen Tanzfiguren auf den Stufen, bis ein bedrohliches Dröhnen die Performance unterbricht. Von Trompeten der Endzeit ist jetzt die Rede und von einem Mann an der Kante von Ulro, der sich dort seit Jahrtausenden festgesetzt hat. Seit Urzeiten sitzt er da, ist älter als Erdengedenken und doch ist er der erste, der gespürt und geahnt hat, was es bedeutet, dass just jetzt, diese Zeiten, tatsächlich ganz anders sind.

Damit führt Maria Milisavljevic gleich zwei wichtige Leitmotive ihres Stückes ein: das unheimliche Dröhnen, das sich später mit dem titelgebendem Beben paart und die dämonische Figur des Mannes an der Kante von Ulro. Das symbolische Land Ulro entlehnt die Autorin der englischen Literatur des 18. Jahrhunderts. Der Dichter, Maler und Naturmystiker William Blake - der von der Popkultur des letzten Jahrhunderts wiederentdeckt wurde - schuf mit dem fiktiven Ulro ein mythisches Heimatland für Leidende, Entwurzelte und Einsame. In diesem visionären Land sollte Gleichheit der Geschlechter und aller Rassen herrschen. Die Bedeutsamkeit des Dichters für dieses Stück wird zudem durch die dem Text vorangestellte 6. Strophe des Gedichts The Book of Los unterstrichen, aus dem auch archaische Motive wie der Schmied und das Feuer in den Text eingehen.

An der Kante zu diesem Utopia aber sitzt bei Milisavljevic der zynische, gierige Weltenlenker, der darauf bedacht ist, dass diese Welt eine kapitalistische und kriegerische bleibt. Allerdings gibt der Regisseur Erich Sidler dieser Figur kein konkretes Gesicht, wir hören nur von ihm. Der Text sieht keine Rollen vor, er ist als Textfläche konzipiert, in dem sich zwar einige dialogische Passagen finden, die aber keiner Person zugeordnet sind. Statt einer Personenliste stellt die Autorin ihrem Text die Bemerkung voran: Die Personen Wir. Wer auch immer und wie viele auch sind. Und dennoch lösen sich zwei Gestalten aus dem Geschehen: der Soldat (Hendrik Richter) und die Mutter eines getöteten Kindes (Nanette Waidmann). Unklar bleibt dabei für den Zuschauer, ob diese Gestalten der Realität oder einem Kriegsspiel zuzuordnen sind, einem Battlegame, das zweifellos irgendwo läuft. Doch das ist die Faszination und zugleich die Irritation dieses Stückes: der unvermittelte Wechsel der Zeit- und Wirklichkeitsebenen, der Perspektiven, Text- und Gedankenwelten.

Da wird zunächst die Realitätsebene eingezogen: ganz unvermittelt wird Frau Merkel erwähnt und eine (Über)-Fülle an Tagesproblemen werden angetippt: Flüchtlinge auf Wüstenstraßen und Tote im Mittelmeer, Tote in Texas und Morde wegen Mohammed Comics, Waffengesetze und Bombenattentate, kriminelle Polizisten und Rassisten, China-Kohle und IS, genmanipuliertes Essen und Lebensmittelgesetzte, Verweigerer und Gutmenschen, Erdbeben in Nepal und Heimat. Schließlich gibt’s noch Journalisten- und Beamtenschelte. Kurzum: Alles, was die Tagespresse so hergibt.

Aber vieles davon könnte sich ebenso gut in den Games abspielen: der Straßenkrieg, die heranrollenden Panzer, das tote Kind vor der eigenen Haustür, das nur ein Buch unter der Jacke trug, ein Buch, das es für die Mutter aus der Bibliothek holte. Ein taubes Kind, wie wir schon zu Beginn erfahren, ein Kind das die Aufforderungen und Befehle gar nicht hören konnte, und das nun tot ist. Und der verzweifelte, traumatisierte Schütze, der das alles erst später erfährt. Vermutlich gehört dieses brutale Geschehen ja eher in die Game-Ebene. Aber gerade die Szene zwischen dem Soldaten und der Kindes-Mutter wird in Kostümen dargestellt, neben der Tanzszene zu Beginn die einzige konkret kostümierte und dialogisch erspielte. Sie rückt so ganz dicht an die Realität. Doch sie sind nicht trennscharf zuzuordnen, die Ereignisse, von denen ja immer nur berichtet wird. Mythos, Utopie, Realität, Spiele-Welt, Gegenwart und Vergangenheit greifen ineinander, werden weder logisch noch chronologisch sortiert. Von Urzeiten bis in die Zukunft greifen die Zeiten ineinander und geraten durcheinander. Dabei wechselt auch der Sprachstil: von archaischer Bedeutsamkeit (Er wird alle Tränen trocknen, und Zeit wird nicht mehr sein.) zu Alltagssprache (Ich hab an der Scheiße nicht mitgebaut) oder Gamesprache (Um den Wither zu spawnen braucht man 4 soul sands..) - zum Verständnis musste ich da googeln. Klug gemacht von der Autorin, dass sie immer wieder diese Spezialausdrücke in den Text einflicht, wie ein roter Faden ziehen sie sich durch das Stück und stellen damit permanent den Realitätsbezug in Frage und spiegeln zugleich die Atmosphäre einer Facebook-Timeline, ihre Zufälligkeit und Willkürlichkeit: Alles nach Bedarf.

Gegen Ende des Stücks scheint die Bedrohung real: zuerst nur das Dröhnen, dann Risse in den Wänden, Häuser beben und brechen zusammen, Tote, Panzer… oder doch wieder alles Playstation?

Regisseur und Bühnenbildner geben keinen Hinweis: sie verlassen sich auf den Choreografen, der aus diesem rasanten Stück eine einzige Choreografie der Angst und Zerrissenheit, der Ohnmacht und Bedrohung kreiert. Die Inszenierung ist eine „Verkörperlichung“ des Textes. Rhythmische Bewegungen bis zu Exzessen. Vibrieren, Stürzen, Innehalten. Kontrolliertes, existenzielles Beben der grandiosen Schauspieler zu Jazz und Popmusik: Nat King Cole, Ray Charles, David Lang, Tom Jones, Icona Pop.

Dann zum Schluss die irritierende Wende: Und die Herzen hinter den Barrikaden schlagen im Gleichklang, als einer nach dem anderen aufsteht und die Hand ausstreckt. Küssen. Verbrüdern. Auch der Mann von der Kante der Welt ist dabei. Die Welt ist zu Ulro geworden, Ulro zu unserer Welt. Da verlässt auch Sidler sein Abstraktions-Prinzip und bebildert den Text: Umarmungen, Küsse. Die perfekte Idylle. Dazu passt Richard Wagners Siegfried Idyll.

Aber der Schluss, diese naive Liebes- und Einigungsutopie passt nicht zum Stück. Nicht in dieser Eins-zu-Eins-Umsetzung. Da gerät das Ganze in die Nähe der Märchenstunde.

Maria Milisavljevic liefert insgesamt einen interessanten, assoziativen Text ab, dem Erich Sidler mit seiner eigenwilligen Regie große Interpretationsräume lässt, und den die Schauspieler*innen virtuos auf die Bühne bringen

Die Debütantin erhielt für das Stück sowohl den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts 2016 als auch den Lasker-Schüler-Förderpreis.