Amphitryon im Theater Münster

Ich bin ich! Oder bin ich ich?

Man reibt sich verwundert die Augen. Denn kaum hat dieser Amphitryon begonnen, ist er auch schon wieder vorbei. Auf eine gute Stunde dampft Caroline Stolz Kleists Lustspiel ein. Zu sehen ist eine geradezu atemberaubende Kurzversion der Kleistschen Molière-Bearbeitung. Wir vergegenwärtigen den Plot: Obergott Jupiter hat sich in Alkmene, die Gattin des thebanischen Feldherrn Amphitryon verguckt. Er nähert sich ihr nicht wie in anderen Fällen als Goldregen, Schwan oder Stier, sondern schlüpft in die Gestalt ihres werten Gatten. Das gleiche tut der Götterbote Merkur in Gegenwart der Frau von Sosias, des Dieners Amphitryons. Als alle Handelnden aufeinandertreffen, kommt es natürlich zu verwirrenden Begegnungen.

Und um diese geht es Stolz vor allem: Was geschieht, wenn man ein Gegenüber trifft, das aussieht, handelt und zu denken scheint wie man selbst? Dafür haben ihr Lorena Diaz Stephens und Jan Hendrik Neidert als einziges Element eine wuchtige Drehtür auf die Bühne gestellt - man könnte sie in ihrer Ausführung als Eingangsportal eines Hotels oder Geschäftshauses um 1900 verorten. Ein idealer Ort für schnelle und auch komische Auf- und Abgänge. Denn Caroline Stolz wählt vor allem Slapstick-Elemente, um das Verwirrende, zutiefst Aufrüttelnde der Begegnungen mit dem eigenen Ich zu manifestieren.

Und so stolpern und schreiten Opfer und Täter der göttlichen Machenschaften durch gläserne Türen auf die Bühne. Oder sie werden gestoßen und geschoben. Uniform gekleidet in Karo-Anzüge und mit Melonen auf dem Kopf, kommen sie daher wie eine Mischung aus Buster Keaton und Pan Tau. Machen sich an, ziehen sich zurück, liefern sich heftige Wortgefechte und stürzen immer weiter in den Strudel des totalen Identitätsverlusts. Und wenn’s gar zu bunt kommt, entlädt sich die Spannung in der Rezitation von Nonsens-Gedichten und ebensolchen Denksprüchen.

Dabei vermittelt die Inszenierung bei aller Kürze die volle Schönheit der Sprache Kleists. Das ist eine Meisterleistung. Die vollbringen auch die Akteure auf der Bühne, sprachlich und vor allem bewegungstechnisch bei der Rasanz der Geschehens auf das Höchste gefordert: Christoph Rinke (Jupiter), Bálint Toth (Merkur), Jonas Riemer (Amphitryon), Garry Fischmann (Sosias), Claudia Hübschmann (Alkmene) und Natalja Joselewitsch (Charis) werden diesen Anforderungen nicht nur gerecht. Sie agieren mit absoluter Souveränität und darstellerischer Frische.

Allerdings zeigt diese schnöde Aufzählung von Darstellern und Rollennamen, dass das Ensemble in dem in sich geschlossenen Konzept keine Möglichkeiten hat, individuelle Figurenprofile zu zeichnen. Stolz lässt das Tragische der sich offenbarenden Identitätskrisen außen vor, die jede Person anders überwinden will. Das ist vielleicht der Grund, warum das bewegungsreiche Geschehen nicht bis zum Ende fesselt.

Wie gut, dass bei allem Hin und Her am Schluss der Halbgott Herakles aus Jupiters Affäre mit Alkmene entsteht, der in seinem mythischen Leben immer wieder dokumentiert, dass Götter wie Menschen fehlbar sind.