Trutz im Recklinghausen Ruhrfestspiele

Gegen das Vergessen?

Es ist so eine Sache mit der Auslegung der Geschichte. Die Interpretation des Vergangenen ist allzu oft vom politischen Standpunkt abhängig – und vom Erinnerungsvermögen der Zeitzeugen. Anhand von zwei Generationen einer Familie lässt Christoph Hein in seinem jüngsten Roman die unerfreuliche deutsch-sowjetische Geschichte des 20. Jahrhunderts Revue passieren. Er thematisiert das unterschiedliche Geschichtsbild der beiden deutschen Diktaturen sowie der sowjetischen, doch weder in einem der drei totalitären Systeme noch im demokratischen Deutschland der Nach-Wendezeit wird der Familie Trutz Gerechtigkeit widerfahren. In den Reihen der Familie aber steht ein Mann, der über das absolute Gedächtnis verfügt. Maykl Trutz erinnert sich an die unwichtigsten Tagebucheinträge, und zwar tagesgenau. Das wird ihn einmal retten. Aber er erinnert sich auch an alle politisch relevanten Vorgänge und Handlungen. Das ist gefährlich: „Das Vergessen wird belohnt, nicht das Gedächtnis. Wenn Sie schnell und rasch vergessen, werden Sie glücklich auf Erden und können in Ruhe alt werden. Doch wenn Sie sich an alles erinnern, bekommen Sie Schwierigkeiten, und die können tödlich sein.“

Dusan David Parízek hat Heins Roman nur ein Jahr nach dessen Erscheinen dramatisiert und als Koproduktion des Schauspiels Hannover und der Ruhrfestspiele Recklinghausen auf die Bühne gebracht. Ernst Stötzner und Markus John sitzen zunächst im Publikum und lauschen einem Vortrag über den Hitler-Stalin-Pakt: Henning Hartmann berichtet von Aktenfunden aus den 1920er Jahren, die belegen, dass die Sowjetunion schon damals aufrüstete für einen Krieg gegen den Westen. Ein Satz über die frühen 1940er Jahre setzt das Gedankenkino in Gang: Die Rote Armee war eine moderne Armee – „eine moderne Armee ist aber eine offensive Armee.“ So einfach ist das – und wahrscheinlich zeitlos wahr, auch wenn die übrigen Thesen der Hartmann-Figur durchaus angreifbar scheinen: Ernst Stötzner jedenfalls widerspricht: Noch am Tage des deutschen Angriffs im Juni 1941 habe Stalin in einem Telefonat die Hoffnung geäußert, der Konflikt lasse sich noch friedlich regeln. Ist es also Auslegungssache, ob die Rote Armee einen ideologischen Angriffskrieg oder einen Verteidigungskrieg gegen die nationalsozialistische Welteroberungs-Phantasie führte? Helfen ein unbestechliches Gedächtnis und eine ideologiefreie Geschichtswissenschaft da weiter?

Alle vier Schauspieler spielen in Parízeks Inszenierung alle Rollen – und zwar bunt durcheinander. In der beschriebenen Szene gibt Stötzner den Maykl Trutz, Markus John seinen Jugendfreund Rem, bei dessen Vater Waldemar Gejm beide einst in Moskau in die Geheimnisse der Mnemonik eingeweiht wurden. Dem überraschenden Wiedersehen der beiden Freunde nach der Wende folgt eine lange Rückschau auf ein komplexes Leben, das von den Wirren der deutsch-sowjetischen Geschichte mehr als einmal in Unordnung gebracht wurde. Sie beginnt im Berlin der 1920er Jahre; Rainer Trutz macht durch einen Autounfall die Bekanntschaft der sowjetischen Botschaftsangehörigen Lilija Simoneitis, die ihn in die Berliner Künstler-Bohème einführt und ihm den Weg ins Schriftseller- und Journalisten-Dasein ebnet. Er freundet sich mit der Gewerkschaftsaktivistin Gudrun an, die in der Weimarer Republik zum „Tillich-Kreis“ religiöser Sozialisten gehört, und schreibt zwei Romane sowie diverse Rezensionen; unter anderem rezensiert er mit ironischen Worten ein propagandistisches sowjetisches Buch für die Berliner „Weltbühne“. Die „Weltbühne“ wird nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verboten, und einer der Romane stößt den Nazis ebenfalls als nicht mit ihrer deutschnationalen Ideologie vereinbar auf: Rainer wird denunziert und als Feind der Bewegung vom Staatsschutz beobachtet.

Durch Lilijas Vermittlung landen die „Trutzkis“ in Moskau, wo der Intellektuelle Rainer sich als Hilfsarbeiter im U-Bahn-Bau wiederfindet. Maykl wird geboren. Rainer und Gudrun nehmen Sprachunterricht bei dem sowjetischen Linguistik-Professor Waldemar Gejm und kommen mit der Wissenschaft der Mnemonik in Kontakt. Maykl und Gejms Sohn Rem werden im Alter von zwei Jahren Gejms jüngste Schüler. Doch dann schlägt der „Weltbühne“-Artikel zurück: Im Rahmen der stalinistischen Säuberungen geraten auch deutsche Flüchtlinge in den Fokus, und wegen der ironischen Rezension des Propaganda-Machwerks wird Rainer zu Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Bereits am ersten Tag im Lager stirbt er. Auch Waldemar Gejm und Gudrun werden deportiert. Gudrun stirbt, als Maykl neun Jahre alt ist; Gejm adoptiert ihn, stirbt aber ebenfalls – lange nach dem Krieg und immer noch interniert. Maykl wird nach einem Aufenthalt in einem Moskauer Waisenhaus in die DDR abgeschoben.

Auch in der DDR wird Maykl, der Individualist, vom Staat bevormundet. Der Mann mit dem unfehlbaren Gedächtnis, der weder vergessen kann noch vergessen will, eckt an. Er fliegt aus dem Geschichtsstudium und wird Archivwissenschaftler in Potsdam. Dort findet er belastende Akten zur ehemaligen SS-Mitgliedschaft eines Polit-Funktionärs. Doch Erinnern ist nicht gefragt; Infragestellen ist missliebig. Maykl wird verhört und, da man ihm nichts anhängen kann, zwangsversetzt. Mauerbau und Mauerfall ändern nichts an Maykls Situation: Er bleibt unliebsam. Ausgerechnet der Mann, der ihn denunziert hat, soll nach der Wende sein Vorgesetzter werden. Trutz‘ vehementer Protest verhallt ungehört. „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“: Auch nach der Wende gibt es keine Gerechtigkeit.

Es ist ein wuchtiger Stoff, den Dusan David Parízek in verdichteter und vor allem in der ersten Hälfte stark verfremdeter Form auf die Bühne gebracht hat. Für Parízek und seine Schauspieler ist die Arbeit eine Fortsetzung der vielfach akklamierten und zu zahlreichen Gastspielen eingeladenen Dramatisierung von Ilija Trojanows Roman Macht und Widerstand (theater:pur berichtet hier), die er im Dezember 2016 mit nahezu demselben Schauspieler-Team (anstelle von Samuel Finzi ist diesmal Ernst Stötzner dabei) am Staatsschauspiel Hannover zur Uraufführung brachte. Bei Trojanow ging es um den lebenslangen, bereits in der Schulzeit beginnenden und erst nach der Wende mit dem Tod endenden Kampf eines Regime-Kritikers gegen einen in die höchsten politischen Kreise aufgestiegenen Staatsschutzbeamten in Bulgarien. In Trutz gerät eine sozialistischen Idealen durchaus nahestehende deutsche Familie unverschuldet in Konflikt mit den kommunistischen Diktaturen der Sowjetunion und der DDR. In beiden Fällen bleibt eine Rehabilitation nach der Wende aus. Nach der Wende fordert die Staatraison das Vergessen. Doch weder Trojanows Konstantin noch Heins Maykl Trutz können sich damit abfinden. Konstantin geht psychisch zugrunde; Trutz wird beruflich und privat isoliert.

Als „bisweilen etwas kopflastiges, anspruchsvolles Polit-Theater“ hatte theater:pur Parízeks Macht und Widerstand bezeichnet. Das Gleiche könnte man auch über Trutz sagen. Der Wucht und Komplexität des Stoffes versucht Parízek zu in der ersten Hälfte der 140minütigen pausenlosen Aufführung mit Witz und Ironie beizukommen. Die menschliche Skulptur der drei Herren, die in blauen Badeanzügen und Badekappen mit Altmänner-Gesichtern und zum sozialistischen Gruß gehobener Faust der linken Christinnen-Zicke Gudrun einen Heiratsantrag machen, hat nicht nur skurrilen Witz, sondern auch einen Zug ins politische Kabarett. Die Standesamts-Zeremonie mit Sarah Franke als widerwilliger Braut und Ernst Stötzner als trotteligem, aber gutmütigem Standesbeamten könnte heiter sein, ahnte man nicht schon die (externen) Belastungen, denen diese Ehe ausgesetzt sein wird. Satirisch nehmen die Schauspieler die sowjetische Ineffizienz aufs Korn. Fast slapstickartig wird Maykls Geburt dargestellt: Der hagere, 66 Jahre alte Stötzner flutscht aus der Gudrun heraus, schlittert bäuchlings noch ein paar Meter über den Bühnenboden, und dann heißt es lakonisch: „Der Maykl ist da.“ Wenn Maykls späte Ehefrau Annika zu dessen entsetzten Rückblicken auf die Schicksale seiner Freunde und Familienmitglieder via Alphorn Sauerbraten mit Rotkohl ankündigt, paaren sich Skurrilität und warmer Humor. Das Alphorn ist ein rätselhafter Fremdkörper – vielleicht symbolisiert es die andere, die Schweizer Art, sich politischen Konflikten zu entziehen: Schweizer brauchen nicht zu vergessen, Schweizer halten sich konsequent raus.

Der Humor äußert sich also in vielfältiger Form, doch lautes Lachen generiert er nie: Zu sehr (und zu Recht) wird er überlagert von der Schwere der Handlung. Spätestens ab der Verurteilung Rainers zur Zwangsarbeit hat der Witz ausgedient, und die Atmosphäre wird beklemmender. Markus John hängt als Richter über der Wand, die im allgemeinen für Videoprojektionen genutzt wird, und schaut auf die Marionetten hinab, zu denen Gudrun und Rainer in der Sowjetunion geworden sind: ein Sinnbild der unerreichbaren, menschenfernen Macht, kafkaesk, aber brandgefährlich. Der Zynismus des Systems kommt u. a. durch den planerischen Umgang mit tödlichen Arbeitsunfällen zum Ausdruck – will man die Absurdität solcher Auswüchse der sowjetischen Bürokratie ebenfalls unter dem Begriff Humor subsumieren, handelt es sich zumindest um einen zutiefst galligen Sarkasmus. „Ohne Papiere bist du kein Mensch, sondern nur ein Individuum“, heißt es einmal über Rainer Trutz in der Sowjetunion. Treffender Sarkasmus ist auch das: Auch in heutigen autokratischen Gesellschaften ist schließlich jede Form von Individualismus verpönt.

Ernst Stötzner und Markus John ragen in Parízeks spannender, hochpolitischer Inszenierung schauspielerisch heraus. Dass die Inszenierung uns im ersten Teil ein wenig fern bleibt, mag der Verwirrung geschuldet sein, die die Besetzung einer ungeheuer großen Anzahl von Rollen durch nur vier Schauspieler, die zudem munter durch beide Geschlechter und alle Altersklassen wechseln, hervorruft: Es dauert locker eine halbe Stunde, bis der Zuschauer, der Heins Roman nicht kennt, die Zusammenhänge begriffen hat. Am Ende aber begreift er noch mehr: Er denkt nach über die Vor- und Nachteile von Mitläufertum und Unangepasstheit – und zwar nicht nur in Diktaturen. Untertauchen, Vergessen und Anpassung mögen manchmal die richtige Überlebens-Strategie sein, führen aber zur Duldung großen Unrechts. „Ein gutes Gedächtnis war in der Geschichte der Menschheit stets eine tödliche Gefahr. Das Vergessen wird belohnt, nicht das Gedächtnis“, heißt es einmal. Der Mnemoniker Waldemar Gejm hat eine andere Philosophie: „Unser Gedächtnis ist unser Verstand, unsere Sozialisation, es bestimmt unserer Handlungen, wir folgen im Denken und in dem, was wir tun, dem Gedächtnis. ... Wir erinnern uns, nur darum leben wir.“