Jugend ohne Gott im Düsseldorf, Münsterstraße 446

Horváths Krimi kippt ins Heute

In Düsseldorf beginnt die Saison am Jungen Schauspiel. Ein bisschen ungemütlich ist es auf den langen Holzbänken. Vor uns ein schwarzer Bühnenraum mit einem großen, quadratischen Podest auf etwa einen Meter hohen hydraulischen Stelzen. Darauf fünf junge Schauspieler: zwei weiblich, drei männlich. Alle in gleicher dunkelblauer Uniform, die sowohl Schul- als auch Vereinsuniform sein könnte. Im Laufe der nächsten zwei Stunden werden diese grandiosen jungen Akteure in neunundzwanzig verschiedene Rollen schlüpfen und uns in einem packenden Stück zwischen Politdrama und Krimi durch achtzig Jahre Geschichte jagen.

Kaum beginnen sie zu sprechen und sich zu bewegen, da schwankt der Boden unter ihnen: nur äußerst kalkuliert und vorsichtig, ängstlich darauf bedacht, nicht abzugleiten, stets den anderen beobachtend und einschätzend, schafft diese exzellente Bühnenidee eine Metapher für das Lavieren der Menschen unter der Bedrohung eines allgegenwärtigen Machtapparates.

Gleich der erste Satz weist die Hauptrollen zu: einer der jungen Leute ist der Lehrer, die anderen vorerst die Schüler*innen.

Alle sind namenlos, die Schüler werden mit Buchstaben belegt. So gibt es Horváth in seinem Roman Jugend ohne Gott vor und so hält es der Regisseur und Textbearbeiter Kristo Sagor, der sich in seiner Bühnenfassung fast ausschließlich auf Originaltexte verlässt. So entsteht ein stark erzählerischer Bühnentext. Selbst wenn der Lehrer, der Ich-Erzähler des Romans, seine inneren Monologe spricht, bleibt er im Erzählduktus und gibt dabei immer wieder Texte an die Mitspieler ab, häufig spricht man im Chor, sodass es sich nie um die Meinung eines Einzelnen handelt, sondern um eine anonymisierte Allgemein-Meinung. Und die wird - so wird uns berichtet - allüberall durch Lautsprecher und Radio vorgegeben und jedem eingebläut. Wer wagt da Widerspruch?

Vielleicht der Lehrer? Vor ihm liegen sechsundzwanzig Schüleraufsätze zum Thema: Warum müssen wir Kolonien haben?, das von der Aufsichtsbehörde vorgeschrieben wurde. Alle Schüler schreiben hohle Phrasen. Da stößt er bei Schüler N auf den Satz: Alle Schwarzen (im Originaltext steht da: Neger) sind hinterlistig, feig und faul. Soll er intervenieren? Die Wahrheit sagen? An den Rand schreiben: Sinnlose Verallgemeinerung? Seine Existenz aufs Spiel setzen? Er streicht die Bemerkung und dann fährt es ihm im Gespräch doch heraus: „Auch die Schwarzen sind doch Menschen“. Das genügt. Die Eltern kommen ins Spiel. Sie alle haben die offizielle Meinung längst verinnerlicht, predigen Gehorsam, Menschenverachtung, Rassismus wenn es opportun ist. „Ich weiß mit welch perfiden Schlichen das Gift Ihrer Humanitätsduselei nach den unschuldigen Kinderseelen trachtet“, tönt ein Vater und droht, dem Lehrer das Genick zu brechen.

Dann werden die Osterferien gestrichen und von Oben Zeltlager - nichts anderes als vormilitärische Ausbildung - angeordnet. Da kommt ein Junge zu Tode und als Verdächtige kommt nur das Häuptlings-Mädchen einer Jugend-Räuberbande in Frage. Sie ist die einzige im Roman wie im Stück, die einen Namen trägt: Eva. Die Gerichtsverhandlung ist eine Farce, hier geht es nicht um Recht und Gesetz. Wie das Erziehungssystem ist auch die Gerichtsbarkeit längst vom „Oberproleten“ manipuliert und instrumentalisiert.

Doch dann besinnt sich der Lehrer auf sich selbst, auf die Wahrheit, auf Gott. Ein Hoffnungsschimmer bricht durch, eine Gruppe Jugendlicher gesellt sich ihm zu, sie nennen ihn „den Schwarzen“, er hat seine Existenz im Heimatland verloren und bricht auf zu den Schwarzen: „Der Schwarze fährt zu den Schwarzen“, so endet das Stück.

Grandios, wie die Schauspieler*innen in die Rollen schlüpfen, mit minimalen Requisiten, mit Sprachvariation und Gestik die nötige Atmosphäre schaffen, mit einer Spiegel-Sonnenbrille den rabiaten Feldwebel oder mit einer Haarsträhne im Gesicht und gebrochener Stimme den längst ausgemusterten letzten Humanisten typisieren. Da braucht es keine Hakenkreuze oder Ledermäntel, um Bedrohung und internalisierten Zeitgeist des Jahres 1937 zu spüren und auch auf eine platte Aktualisierung kann verzichtet werden.

Beeindruckend und atmosphärisch verdichtend begleiten die Kompositionen des jungen Musikers Felix Rösch das gesamte Geschehen subkutan mit Variationen eines gedämpften Dreitonmotivs in Moll auf Kirchenorgel, Synthesizer und Snare-Drum.

Ein zugleich bestens unterhaltender und ergreifender Abend im Jungen Schauspiel - keineswegs nur für junges Publikum.

Großer Applaus für alle Beteiligten!