Eva und Adam im Schauspielhaus Düsseldorf

Tatsachen aus Paradies und Sauna

In einer paradiesischen Bühnenlandschaft aus Pyramiden, Palmen, riesigen Früchten und Blüten steht etwas fremd ein Holzhäuschen – später gedreht, dient es als Sauna.

Während im Vordergrund ein attraktives Paar in Strandkleidung mit Palmendekor zu Walzermusik leichtfüßig zu tanzen beginnt, füllt sich hinter ihnen allmählich die Bühne mit fünf Frauen - jede barfuß, in ein weißes Saunatuch gewickelt - und vier Männern, auch sie vorbereitet für einen Saunagang. Mitten unter ihnen eine große, schlanke asiatisch wirkende Gestalt, stark geschminkt mit Goldschmuck und dunkelrot lackierten Nägeln, nicht sicher einem Geschlecht zuzuordnen.

Mitten hinein in die Musik sprechen die Zehn in schnellem Wechsel und kurzen Satzfetzen den Schöpfungsmythos. Fast wörtlich, nur wenig hinterfragt oder ergänzt hören wir aus dem Buch Genesis Kapitel 2 den Text von der Erschaffung der ersten Menschen, ihrem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies.

Und dann zum Abschluss dieses Exkurses ins Paradies und der Zuweisung des Ursprungs aller Sünden an Eva, erhebt der schöne Asiat seine Stimme und mit volltönendem Bass singt er vom Menschen als Gottes Ebenbild. Es sind Zeilen aus dem vierten Gesang „Satan findet Adam und Eva“ aus dem Epos „Paradise Lost“ – dem verlorenen Paradies - des englischen Poeten John Milton aus dem Jahr 1667. Insgesamt viermal hören wir Verse aus diesem epischen Gedicht in der Vertonung von Bojan Vuletic.

Dann wird es irdisch. Das Holzhaus wird gedreht und zwei Frauen sitzen in der Sauna. Obwohl schon im Paradies viel von der Nacktheit die Rede war, behalten alle ihr Saunatuch um. Es ist Frauentag und langsam treffen sie alle ein. Zuerst die Lehrerin Eva, die unmittelbar vor ihrer Hochzeit mit Christian steht, den wir später am Männertag kennen lernen werden, sowie Andrea, eine kämpferische Feministin und Ehe-Feindin. Dann kommen Karina, eine achtzehnjährige Schülerin voller Verunsicherung und Jessika, eine Italienerin, Tänzerin und stolz darauf, mit ihren weiblichen Reizen den schönen Sauna-Mann becirct zu haben. Schließlich die temperamentvolle Theologiestudentin Frida – mit bestechenden schauspielerischen Talenten – und fest entschlossen, die frauenfeindlichen Texte der Genesis umzuinterpretieren. Ein kontroverses Gespräch um die Rolle der Frau, um Erotik und Freiheit entspinnt sich, bis plötzlich der androgyne Tan die Frauenrunde durch sein Erscheinen irritiert. Und spätestens jetzt wird klar, dass es nicht fiktive Rollentexte sind, die wir hören, sondern die Meinungen und Geschichten dieser fünf in dem kleinen Raum zusammengepferchten Menschen. Sie sind nicht Schauspieler*innen, sondern Bürger*innen der Stadt, die uns da an ihrem Leben und ihren Sorgen teilhaben lassen und sich bei ihren wirklichen Namen nennen.

Nach einem Intermezzo mit Texten aus Bibel und barocker Versdichtung überhöht von Life-Klaviermusik, treffen wir auf die Männer: jetzt ist Sauna-Männertag. Da sitzt dick vermummt der Arzt Godehard und erklärt komplizierte gynäkologische Zusammenhänge neben dem Softie Christian, der noch während der Proben heiratete und damit keinerlei Probleme hat, und dem schwulen Lehrer Gabriel. Auch Tan ist wieder da – man befragt ihn, ob er nun eher hier- oder dorthin gehöre – und dann ist da noch Aaron, der bis vor kurzem Gwendolyn hieß und sich mitten in einer Geschlechtsumwandlung befindet. Er traf diese Entscheidung auf der Suche nach der „bestmöglichen Variante“ seinerselbst. Die Probleme liegen auf der Hand, alle reden frei darüber.

Dann wieder ein lyrisches Intermezzo bevor aus dem Off befremdliche Technomusik tönt und sich alle in der Zwangsnähe einer Gemeinschaftssauna wiederfinden. Es wird heftig diskutiert, es geht um Rollenbilder und das binäre Geschlechtersystem. Frida ruft Zitate - vermutlich aus der #MeToo-Debatte - dazwischen. Es kommt zu Konflikten, diesmal fiktiv, und dann steht Karina, die jüngste von allen, auf und beginnt mit ihrer Geschichte.

Die Geschichte ihrer Vergewaltigung als Fünfzehnjährige. Eva, Gabriele und Aaron übernehmen satzweise ihre Texte. Die Musik schweigt. „Es ist besser, eine Geschichte zu erzählen, als sie nicht zu erzählen“, schließt Karina erschüttert.

Dann hören wir noch einmal Tans tiefen Bass von dem „liebevollsten Pärchen“ Adam und Eva singen.

Es ist die dritte Aufführung der „Bürgerbühne“ unter der Leitung von Christoph Seeger-Zurmühlen, der dieses Mal auch Regie führt. Es ist ein brisantes, hochaktuelles Thema, an das er sich heran wagte: Frauen und Männer und alles dazwischen (so der Untertitel). Und tatsächlich fand er im umfänglichen Casting dreizehn Bürger*innen, die etwas dazu zu sagen haben und bereit sind, ihre Geschichten zu erzählen. Großes Lob gebührt neben dem Regisseur der Dramaturgin Juliane Hendes, die aus den authentischen Geschichten in kluger Verflechtung mit Bibeltexten und Dichtung, mit den Kompositionen von Vuletic und bravourösen Tanz/Kampfeinlagen von Antonia Eggeling und Joshua Lübke ein ergreifendes Stück machte. Elf Wochen wurde geprobt, Sprachunterricht genommen, auswendig gelernt und immer mal wieder umgeändert, bis das überzeugende Werk stand.

Bei der Fülle und Glaubwürdigkeit des authentischen Materials wären die Zwischenrufe aus der MeToo-Debatte, zumal in ihrer Häufung und Zusammenhanglosigkeit, allerdings überflüssig.

Das Publikum – das ein ganz anderes als bei üblichen Premieren war – applaudierte begeistert.