Bewohner im Köln, Schauspiel

Demenz – die Metapher vom Verschwinden des Geistes

Georg Seeßlen fragt 2012 in einem Artikel in der Zeitschrift „konkret“, was passiert, wenn die Frage „Wer bin ich?“ keine philosophische mehr ist, sondern Symptom einer Krankheit. Was macht Demenz mit den Erkrankten und ihrem Umfeld?

Christoph Held, ein Schweizer Gerontopsychiater, hat seine Erfahrungen aus 30 Jahren Alltag in Pflegeheimen in dem Buch Bewohner (2017) festgehalten. Er beginnt seine Aufzeichnungen so: „Von den vielen Namen, die meine Patienten in den Pflegeheimen bekommen haben, gefällt mir Bewohner am besten, weil viele von ihnen in ihren langjährigen Krankheiten wie heimisch geworden sind.“

Der Regisseur Moritz Sostmann arbeitet seit fünf Jahren am Kölner Haus. Seine Arbeiten sind insofern besonders, als er Puppen einsetzt, die sehr menschlich wirken (obwohl sie von mehreren Spielern geführt werden), dass man sie ernst nimmt als Personen, die Gefühle wie Freude, Angst und Zorn empfinden. Darüber vergisst man zuweilen fast, dass es Puppen sind.
Christoph Levermann, Anna Menzel, Magda Lena Schlott, Sebastian Fortak und Gabriele Hänel führen die Puppen und treten auch als Schauspieler auf, hier in der Rolle der Pfleger im Heim. Beides in hervorragender Weise. Christoph Held tritt in seinem Stück selbst in der Rolle des Arztes als Puppe auf. Er beschreibt und kommentiert die verschiedenen Fälle, die unterschiedlichen Bewohner, die wir kennenlernen.
Da ist zuerst die alte Schauspielerin, die schon zu aktiven Zeiten immer häufiger ihren Text auf der Bühne vergaß. Eine nicht unbedingt liebenswerte Person, die auch jetzt noch den Pfleger, den sie für den Inspizienten hält, fragt: „Werden sie mich besetzen?“ Der ehemalige einflussreiche Verwaltungsratspräsident ist zum aggressiven Patienten geworden, der sehr grob mit dem Pflegepersonal umgeht. Umso bewegender die Geschichte, wie ein Pfleger ihn zu einer Spritztour im Auto wie in alten Zeiten ausfährt. Wir lernen die italienische Gastarbeiterin kennen, die mit harter Arbeit eine Karriere von der Putzfrau zur Inhaberin eines gut gehenden Restaurants gemacht hat. Das alles erzählt ihr Sohn, ebenfalls eine Puppe, dem Publikum. Er besucht sie im Heim, wo sie ihre Muttersprache verweigert und nur Deutsch mit ihm spricht. In dieser Inszenierung werden mit wenigen Requisiten Szenen sehr nachdrücklich bebildert. Hier besucht der italienische Konsul die Bewohner der neuen italienischen Station. Fähnchen des Heimatlandes dekorieren die Tische, es ertönen italienische Lieder. Beim alten Junkiepatienten mit Rollator hören wir passenderweise „Sweet dreams are made if this“ von den Eurythmics. Er ist ein schwieriger Patient, drogen- und alkoholabhängig seit seiner Jugend, der die Pfleger anpöbelt und den Arzt mit „Arschloch“ tituliert. Seine Enkelin kommt zu Besuch. Eigentlich erwartet sie, dass ihr Großvater von seiner Sucht geheilt werden kann. Anrührend die Sterbeszene, wo der alte Mann, umgeben von ihn sehr liebevoll behandelnden Pflegern und seiner Enkelin – sie lässt ihn noch einmal an ihrer Zigarette ziehen –-, nach all seinem krawalligen Verhalten friedlich stirbt. „Just a perfect day“ (Lou Reed) begleitet diese friedliche Szene.

Held vergisst bei aller Konzentration auf die Kranken auch nicht die Situation der Pflegepersonen, die sich zuweilen über den Stress mit Angehörigen, das geringe Gehalt, den kräftezehrenden Beruf bei zu wenig Zeit beklagen, und doch sehen wir an diesem Abend nur Pfleger, die sich mit Verständnis und Geduld ihren Schützlingen widmen.

Bewohner führt uns ein wahrhaft aktuelles, aber oft gern verdrängtes Thema vor Augen. Und zwar auf so vielfältige Weise, dass man auch lange nach dem Theaterbesuch darüber nachdenkt und sicher einen anderen Zugang dazu gefunden hat. Held hat diese Bewohner erfunden, ihre leidvollen Geschichten jedoch nicht. Der Abend ist ein Tribut an die Leistungen von Pflegenden, die täglich mit allen Facetten der Demenz mit ihren Herausforderungen zu tun haben und dennoch neugierig und respektvoll bleiben. Er ist auch ein Abend, der die humorvollen Elemente und die Gemeinschaft aufzeigt. So z.B. wenn die Careclownin, die auftritt, um ihre kleine Rente von der Künstlersozialkasse aufzubessern, den Heimbewohnern hilft, das Sundowning-Syndrom zu bewältigen, einen Zustand der Unruhe, der sich oft am Nachmittag einstellt, wenn die Zeit nicht mehr klar strukturiert ist.

Unbedingt sehenswert! Ein unvergesslicher Theaterabend. Eine grandiose Arbeit von Moritz Sostmann.