Ladies Night im Köln, Theater am Dom

Ganz oder gar nicht?

Wenn in einer Bierkneipe ein offensichtlich heruntergekommener alter Mann (Gisbert-Peter Terhorst als Hartmann) kaum den Mund für sein Bierglas findet, außer „Arschloch“ nur Unverständliches brabbelt und sich mit Rattengift umzubringen versucht, ist das nicht unbedingt der unbeschwerte Auftakt für eine Boulevard-Komödie. Aber wie das Leben so spielt: bei einer Rauferei wird ihm das Bierglas mit dem Todestrunk weggeschlagen, und er entpuppt sich als früherer Tanzlehrer und Stripper auf Macao. Und als „deus ex machina“ beim zunächst sehr unbeholfenen Versuch dreier gescheiterter Existenzen, als Stripper an die dringend benötigte Kohle zu kommen. Alex (Pascal Breuer) kämpft ständig um das Besuchsrecht für seinen Sohn, Zecke (Torben Krämer) ist dauernd auf der Flucht vor seinen Gläubigern, und der übergewichtige Freddy (Torsten Münchow) verbirgt seine Arbeitslosigkeit vor seiner Frau. Alle bemühen sich redlich in den ersten Proben, aber ihre Tollpatschigkeit rührt zu Lachsalven und Zwischenapplaus im mitfühlenden Publikum. „Es sieht eher nach Schwangerschaftsgymnastik aus“, so Hartmann, der aus seiner Dämmerung erwacht ist und die zukünftigen Bühnenstars trainiert. Vor allem nach der Fußball-Abseitsfalle: zwei hinten, drei vorne - und wechseln.

Denn die Herren haben sich viel vorgenommen und suchen vor allem noch zwei Kumpane für ihre Show; auf ihre Anzeigen meldete sich der hochgewachsene Robin (Dominik Meurer), der sich mit einem Zungenkuss beim fünften Mann Wassily (Eduard Burza) umgehend outet. Der diese Neigung entrüstet von sich weist, gekontert von Robin: „Du hast es nur noch nicht gemerkt“. Das war aber auch die einzige homoerotische Szene, für Köln eher ungewöhnlich. Denn das Hauptproblem für die Herren in dieser turbulenten Komödie war nicht der Name ihrer Truppe - passend fand man „Die wilden Stiere“, sondern die zentrale Frage „Ganz oder gar nicht?

Das Stück der neuseeländischen Autoren Stephen Sinclair und Anthony McCarten wurde in seinem Heimatland zum erfolgreichsten Theaterstücke aller Zeiten. Und unter der Regie von Folke Braband im deutschsprachigen Raum bisher über 600 mal gespielt - und immer mit derselben Besetzung. Im Theater am Dom zeigte sich die hohe Professionalität der Akteure, ihre Rollen immer noch mit ungebrochener Verve zu spielen, als sei es die Premiere. Beachtlich, ganz ohne Abnutzungserscheinungen! Wie Theaterdirektor Oliver Durek wissen ließ, wurde die Inszenierung zum Vergnügen des Publikums auch noch einmal gründlich „eingekölscht“, sei es mit Dialektfetzen, mit einem FC-Köln-Emblem auf dem Sofakissen, mit „Henkelmännchen“ statt „Lanxessarena“ oder mit dem Rat an Freddy, der Angst vor einer plötzlichen Erektion hat: „Denke doch einfach an Fortuna Düsseldorf“.

Braband hat eine witzige, stürmische und in jeglicher Hinsicht mitreißende Inszenierung hingelegt, aber auch doppelbödig mit nachdenklichen Momenten, in denen es um Kampf gegen die Arbeitslosigkeit geht. Und über den Mut, einfach mal etwas Neues zu wagen. Keine Sekunde Leerlauf, punktgenaue Gags, witzig-frivole Dialoge, auch schon mal ganz leicht unter der Gürtellinie, aber grundsätzlich jugendfrei.

Einfach wunderbar ist der Weg der Truppe zur perfekten Show: über das Studieren von Bodybuilder-Magazinen und Vermessen des eigenen Muskelvolumens, dem ersten unbeholfenen Versuch mit laszivem Wegwerfen der eigenen Armbanduhr, über Aktionen, die eher einer Amateur-Volkstanzgruppe ähneln, bis hin zur perfekten Strippershow. Wenn auch das Training noch in sehr unterschiedlicher Unterwäsche erfolgte, aber mit interessanten Bemühungen, das eigene Gemächt darin irgendwie zu sortieren und unterzubringen. Vor allem die Damen im Publikum (die erkennbar auch mehr lachten) warteten natürlich auf das Finale: Mit oder ohne? Der Bühnenbildner Tom Presting hatte eine pfiffige Idee: über einen queren Vorhang sah man die hypernervösen Striptänzer auf der Bühne zunächst hinter dem Vorhang; fast wäre die ganze Vorstellung geplatzt, wenn nicht der Trainer Hartmann energisch eingegriffen hätte. Und dann die Show vor eben diesem Vorhang: perfekt getanzt, erotisch, lasziv, und mit zunehmend weniger Textilien am Leib. Ob aber dann nun wirklich alles fiel, sei hier nicht verraten. Dringender Rat: Selbst hingehen!