Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten im Theater in der Meerwiese

Schräge Typen!

Immer dieser ganze Dreck hier! Sauber soll es sein - und für die letzten klebrigen Stellen gibt‘s ja das praktische Reinigungsspray, mit der die Putzfrau dem letzten Fleck zu Leibe rückt. Jetzt kann es starten, das große Schaulaufen aller möglichen und unmöglichen Typen, die in Peter Handkes Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten die Bühne bevölkern.

Der Autor hat sich von dem visuellen Erlebnis auf einem italienischen Marktplatz inspirieren lassen zu einem Theater, das gänzlich ohne Worte auskommt! Ein Theater wohlgemerkt, kein Theaterstück. Von dem nämlich würde man wohl so etwas wie eine Handlung erwarten. Nichts davon bei Handke. Stattdessen unablässig Bilder von Typen. Und von was für welchen! Der eilige Geschäftsmann mit Mobiltelefon am Ohr, ein atemloser und schwitzender Jogger, ein frustrierter Fußballfan mit Vereinsdevotionalien gehören da noch zum „Normalen“, skurriler wird‘s schon, wenn ein Angelfreund mit seiner Rute kämpft (später trägt er sein Anglerglück in Form eines fetten Karpfens im Kescher mit sich herum), zwei Männer einen Feuerwehrschlauch ziellos über den imaginären Marktplatz schleifen oder eine Somnambulin mit einem Messer in der Hand sich abwesend durch ihre Scheinwelt tastet.

Wer sich der aktuellen Produktion der generationenübergreifenden Schauspieltruppe namens „theater X“ aussetzt, versteht erst einmal: niX! Wie denn auch! Handke hat keinen „Plot“, Handke hat wortlose Alltags-Bilder. Schrille und normale, abwegige und visionäre. Sechzig Seiten Regieanweisung wirft er jedem Regisseur, der sich des Textes annimmt, vor die Füße. So auch Alexander Becker, der seit Jahren höchst erfolgreich an und mit „theater X“ arbeitet. Über 20 Darstellerinnen und Darsteller sind diesmal beteiligt. Ein feines Ensemble, das auf nichts anderes angewiesen ist als auf die eigenen darstellerischen Kompetenzen. Denn so was wie ein Bühnenbild gibt es in Beckers Inszenierung eigentlich nicht. Was da anfangs sorgsam gefegt und gescheuert wurde, ist eine nahezu leere schwarze Bühne mit vier Ein- respektive Ausgängen. Das war‘s! Das aber ist eine ganze Menge. Denn Auf- und Abgänge wollen mit der Präzision eines Uhrwerkes koordiniert sein. Wehe, da läuft jemand zu früh oder zu spät los!

Es gibt nette Augenblicke wie jenen, da ein Papageno im rabenschwarzen Federkleid seine Vögel mit sich herumträgt und das allseits bekannte lustige Mozart-Liedchen pfeift. Es gibt melancholische Momente, wenn zwei obdachlose Frauen ihre Habseligkeiten in einem dieser Aldi-Einkaufswagen durch die Gegend schieben und dabei an ihren Apfelschorlen nippen. Alk fließt natürlich auch jede Menge: Bier und Wein in Hülle und Fülle. Man freut sich, dass eine intelligent aussehende junge Frau immerhin ein Buch von Heribert Prantl eifrig studiert. Irgendwann stellt sich der Eindruck ein, die eingangs apathisch aneinander vorbeilaufenden Menschen kommen sich näher, ihr Abstand zueinander wird geringer. Die eine oder andere Mini-Szene weckt sogar biblisch-metaphysische Assoziationen wie jener Christopherus, der ächzend das Jesuskind schultert oder Moses mit den beiden steinernen Gesetzestafeln.

Dann zum Schluss: „Alle Menschen werden Brüder“ - Beethovens Neunte, Schlusschor. Die offizielle Europa-Hymne! An dieser Stelle haben sich längst alle Darsteller-Typen im Kollektiv auf der schwarzen Bühne eingefunden. Die blau-gelbe Europa-Flagge mit den Sternchen breitet sich über ihnen aus. Genau hier traut sich der Rezensent eine Interpretation zu, die womöglich eine Über-Interpretation ist: alle europäischen Menschen, die zuvor 80 Minuten lang über die Bühne gewuselt sind, werden Geschwister! Zu schön, um wahr zu sein? Vermutlich! Denn Europa ist aktuell weit davon entfernt, geschwisterlich zu werden, geschweige es zu sein. Weshalb Alexander Becker das einigende Symbol, eben die Europa-Flagge, auch schnell wieder verschwinden lässt.

Handkes Bilder fordern heraus: Das Publikum, mehr noch die Darstellerinnen und Darsteller. Sie bieten eine grandiose Performance von bemerkenswerter Virtuosität und Professionalität! Für sie dürfte der Abend sowohl mental als auch physisch echt an die Grenzen des Machbaren gehen. Aber er war machbar, und das mit enormer Überzeugungskraft. Jetzt steht das Publikum vor der Aufgabe, seine Gedanken zu sortieren - jede und jeder für sich oder im Kollektiv!