Ich, Europa im Dortmund, Schauspielhaus

Europa mit Schüttelfrost und Rechtsdrall

Europa Der Stier ist geschlachtet … / … der Fortschritt lässt keine Kuh aus / Götter werden dich nicht mehr besuchen“, dichtet Heiner Müller in seinem Poem „Ajax zum Beispiel“. Das Schauspiel Dortmund hat Autorinnen und Autoren aus Nordafrika und dem Nahen Osten dazu aufgerufen, Kurzmonologe zur Beziehung zwischen ihrem Kulturraum und Europa zu schreiben. Elf dieser Monologe hat Regisseur Marcus Lobbes mit elf Schauspielerinnen und Schauspielern des Dortmunder Ensembles auf eine schräge Bühne mit goldener Wasserschale und ausgeweidetem Rindvieh gebracht. Europa, die Begehrenswerte, leidet. Dass Zeus sie in Gestalt eines Stieres nach Kreta entführt hat, ist ihm schlecht bekommen. Der Stier ist geschlachtet; Götter und Entführungsopfer machen einen gleichermaßen kläglichen Eindruck.

Auf die Multiperspektivität der Texte kam es dem Theater Dortmund an, und so stört es nicht, dass manche der Autorinnen und Autoren nicht aus dem vorab definierten Kulturraum kommen. Neben Nordafrika und dem Nahen Osten ist vor allem der Balkan vertreten. Friederike Tiefenbacher startet mit einem Text der in Mazedonien geborenen deutschen Schauspielerin und Autorin Nermina Kukic über das „hypochondrische Europa“. Nicht nur der Stier scheint in einem beklagenswerten Zustand, sondern auch sein Entführungsopfer, die alte Frau Europa: „alle sind über mich hinweggetrampelt, / … / die Etrusker, die Römer, die Türken, Lord Byron, Goethe …“ Heute sei Europa krank mit Schüttelfrost und Rechtsdrall, sagt Kukic. Vom zerfallenen Jugoslawien will sie erzählen und erzählt doch auch von Gauland: „was war Jugoslawien? / … / ein Fliegenschiss vielleicht.“ Städtenamen, die für Massaker stehen, tauchen auf, Srebrenica und Tuzla; die versuchte Einflussnahme der Türkei und Saudi-Arabiens auf den muslimisch geprägten Teil des Balkans wird angesprochen. Kukics Text ist ein düsterer, assoziativer Klagegesang, den Tiefenbacher brillant vorträgt und der in der Biografie und im familiären Hintergrund der Autorin wurzelt.

Auf Kukic folgt der Syrer Anis Hamdoun aus Homs, einem ähnlich schreckenerregenden Kriegsschauplatz der jüngsten Zeit. Sprachlich ist sein Text grundverschieden von dem vorherigen, aber die Motive sind ähnlich: der aufkommende Rechtsradikalismus, die Geschichte Europas, die auch eine muslimische ist (zum Beispiel die der Mauren, die die Hochkultur nach Spanien brachten). Hamdouns Monolog ist moderner, umgangssprachlicher, der Blick des Syrers vielleicht gar zukunftsgewandter, aber der Text und seine Interpretation durch Christian Freund sind weniger bezwingend als bei Kukic und Tiefenbacher.

Bei elf Texten bleibt es nicht aus, dass sowohl die literarische Qualität als auch die schauspielerische Umsetzung auf der Bühne ausgesprochen heterogen sind. Uwe Rohbeck, einer der stärksten Schauspieler im Dortmunder Ensemble, krabbelt wie ein Untoter aus dem Leib des toten Stiers und kämpft mit einem Text des türkischen Kurden Yavuz Ekinci. „Nennt mich Ismael“ – der tote Held aus dem Bauch des Stiers beginnt seinen Monolog wie der Matrose Ismael Herman Melvilles „Moby Dick“, doch Ekincis Ismael ist kein Matrose, sondern ein Nachfahre des Erstgeborenen Abrahams, den der Islam zu seinen Gründervätern zählt. Rohbeck interpretiert ihn mal mit Pathos und mal mit Alltagssprache, doch Text und Schauspiel finden nicht zueinander. Dabei entwickelt der von Menschenrechtsverletzungen und der Tötungsmaschinerie im sinnlosen Partisanenkampf handelnde Text beim Lesen eine grausige, düstere Kraft. Aber Europa schreibt anders, denkt anders – und seine Schauspieler haben es schwer, solche Texte in einer Form vorzutragen, die das düstere Pathos an unsere Rezeptionsgewohnheiten anpasst. Auch das ist ein interessanter Aspekt dieser Inszenierung: Wir haben die Existenz eines aus kulturellen Differenzen herrührenden Rezeptionsproblems zu akzeptieren. Das Duo Ekinci / Rohbeck harmoniert jedenfalls nicht recht.

Geradezu glückhaft finden dagegen Björn Gabriel und der deutsch-afghanische Autor Burhan Qurbani in dem Text „Die Flut und die Türme“ zueinander. Qurbanis literarisch herausragender Text reiht Flucht-Szenarien der jüngeren Geschichte aneinander: von der Flucht der DDR-Bürger via Prager Botschaft nach Westdeutschland bis zur Asylanten-Flut unserer Zeit – der Flut in doppeltem Sinne, sind doch viele der Flüchtenden schon auf dem Weg in den Fluten des Mittelmeers umgekommen. Chronologisch korrekt platziert Qurbani dazwischen den Beginn des neuen Religionskrieges: den islamistischen Anschlag auf das World Trade Center mit Menschen, die sich auf der Flucht vor dem Feuer aus dem 80. Stock in den Tod stürzen. - In literarisch anspruchsvoller Form und ohne vordergründige Empörung gelingt Qurbani die Verzahnung der Migrationserfahrungen der DDR-Bürger und der heutigen Flüchtenden aus Nordafrika und den Kriegsgebieten in Nahost. Ganz von selbst wird augenfällig, dass es eine große Schnittmenge gibt zwischen den Bürgern, die im Jahre 1989 vor der DDR-Diktatur flüchteten, und denjenigen, die feindselig auf die aktuellen Migrationsbewegungen reagieren. Björn Gabriel gibt dem Text eine ungeheure Dringlichkeit und verleiht ihm eine fast apokalyptische Wirkung.

Geschickt hat Marcus Lobbes die einzelnen Texte montiert: Auf den nachdenklichen, eher depressiv wirkenden Gabriel folgt die munterste der Performances: Im weißen Hochzeitskleid und mit Blumen im Haar gibt Bettina Lieder die italienische Aktionskünstlerin Pippa Bacca, „bekannt als die Friedensbraut“. Per Anhalter mit dem Brautkleid durch alle möglichen kriegführenden Länder bis nach Tel Aviv zu reisen, verkauft sie als friedensstiftende Maßnahme. Lieder wirft sich mit Wonne hinein in diese Naivität und spielt voller Ironie und Temperament. Aber auch sie endet alles andere als ironisch: Zu Leonard Cohens „Joan of Arc“ brechen auf der Videowand Soldaten in einer Trümmerwüste zusammen. Eine starke Performance – es ist bewundernswert, was Lieder aus dem eher durchschnittlichen Text von Muzaffer Öztürk herausgeholt hat.

Im Weißen Haus bringt die Demokratie König Ubu auf den Thron, im Kreml hat Alexander Newski das Sagen, in Rom schmiert Pinocchio sich Honig ums Maul; Paris ersäuft im eigenen Spiegel, und die Berliner Mauer zieht ihre Wachtürme vor den Toren Ungarns hoch …“ – So beginnt der Text des Exil-Algeriers Yasmina Khadra. Wurde jemals die besorgniserregende politische Entwicklung Europas so prägnant auf den Punkt gebracht? – Khadra hat ähnliche Botschaften für die Länder des Orients, stellt den sagenhaften Reichtum der Emirate dem Hunger im Jemen gegenüber und klagt: „Meine Moscheen wurden zu Kampfarenen, meine Obstgärten zu Massengräbern.“ - Der Text, der so bissig beginnt, überrascht mit großen lyrischen Qualitäten, bevor er zum eindringlichen Appell für politisches Handeln und die aktive Gestaltung unseres Schicksals wird. Leise, mit Anflügen von Humor und ungeheuer intensiv spricht Alexandra Sinelnikova Khadras Text, der auf unser Gewissen zielt. Eine ausgetrocknete Mondlandschaft illustriert den Monolog auf der Videowand. Diese Mondlandschaft ist, wie wir bald bemerken, unsere bedrohte Welt.

Literarisch eher schwach, aber dank Frank Genser am Ende dennoch aufrüttelnd ist der Wut-Monolog des Duisburgers Ismail Küpeli; irgendwo zwischen Anklage und Plädoyer bewegt sich „Ich bin Europa“ der Libanesin Iman Humaydan, der es in ihrer Beschreibung des zunehmenden rechten Denkens in Europa an literarischen Bildern und Zwischentönen mangelt, und der bosnisch-herzegowinischen Autorin und Dramaturgin Tanja Sljivar gerät ihr „Monolog für Europa“ mit dem Erwartungen weckenden Titel „Der Tod einer Handlungsreisenden“ leider nur zu einem Stück Agitprop. Originell dagegen ist wieder der Schluss, in dem sich die iranisch-stämmige deutsche Schriftstellerin Sudabeh Mohafez im Grunde ihrer Aufgabe verweigert – das aber mit Witz und Esprit.

Überraschend sind die großen inhaltlichen Überschneidungen der Texte. Doch insgesamt bekommen wir deutlich mehr als erwartet: ein großartiges Mosaik verschiedener schriftstellerischer und dramatischer Handschriften, die von exzellenten Schauspielern auf sehr individuelle Weise interpretiert werden. So ist der 105 Minuten lange Abend politisch anregend, inhaltlich spannend und verblüffend kurzweilig. Langer, langer Applaus.