Städte. Kampf um Troja im Düsseldorf, Forum Freies Theater

Helena war nie in Troja

Es gab einmal eine Stadt.“ Wieder und wieder setzen verschiedene Sprecher aus dem subbotnik-Ensemble zu ihrer Erzählung an. „Es gab einmal eine Stadt. Und diese Stadt hieß Troja.“ Mit warmer, einfühlsamer Stimme sprechen die subbotniki; es ist, als würden uns Mutter oder Vater eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen – oder Scheherazade eines von ihren grausamen tausendundeinen Märchen. Was ist wahr an dem Mythos vom Trojanischen Krieg – und wie kam das Pferd auf die Flur in der heutigen Provinz Canakkale? „Es gab einmal eine Stadt, und diese Stadt hieß Troja. Es war eine schöne Stadt. Eine reiche Stadt. Und um die Stadt war eine Mauer. Die schützte den Frieden in der Stadt.“ – Hoppla: Das ist schon mal nicht wahr. Den Frieden zu schützen, hat am Ende nicht geklappt.

Städte. Kampf um Troja ist der dritte Teil der Antiken-Trilogie des Köln-Düsseldorfer Theaterkollektivs „subbotnik“, die im Jahre 2016 mit einem Abend höchster Fabulierkunst über die griechischen Götter und ihre menschlichen Schwächen begann (Götter. Wie die Welt entstand)und ein Jahr später mit der Argonauten-Sage (Helden) fortgesetzt wurde. Die Trilogie hat von ihren Schöpfern das Label „Jugendtheater“ angeklebt bekommen, doch dürfte sie empathiebegabte Erwachsene mindestens ebenso bezaubern wie die jungen Menschen. Manch feine Andeutung, die weder ausgeführt noch erläutert wird, ist sogar nur von Kennern der Geschichte schmunzelnd zu goutieren, und das sind fraglos meist Erwachsene.

Empathiebegabt sind sie jedenfalls, die großartigen Performer - und völlig unaufgeregt: Gern halten sie sich an eher unwichtigen Themen auf, wenn sie bei der Beschäftigung mit diesen etwas gelernt haben, das sie an uns weitergeben möchten. Sie setzen mit ihrer Erzählung frühzeitig an: mit dem Bau der Stadt, den Martin Kloepfer in einem Sandkasten nachzeichnet. Nadja Düsterberg erläutert dazu die verschiedenen existierenden Arten von Sand, und schon da wird deutlich: Troja war reich, und Troja war klug: Qualität und Sorte des Sands waren für den Städtebau perfekt. Und Troja, wir wissen es, hielt dem Angriff der Griechen zehn Jahre stand. Doch kommen wir zum eigentlich Wichtigen: zum Anlass der zehn Jahre währenden militärischen Auseinandersetzung. Warum fand dieser Krieg um Troja nochmal statt?

Wegen der schönen Helena, jaja. Mit Menelaos verheiratet, von Aphrodite dem trojanischen Prinzen Paris versprochen, ließ sie sich freiwillig nach Troja entführen. Konstantin Heidebrecht, der den Paris spielt, ist ja auch ein sympathischer, verschmitzter Zeitgenosse und kann eine Partnerschaft sicher mit Humor und musikalischer Virtuosität beleben, auch wenn seine Statur dem Ideal eines griechischen Adonis nicht in jeder Hinsicht entspricht. Die subbotniks folgen jedoch der eher selten erzählten Version der Geschichte, der zufolge Helena nie in Troja ankam. Einen Krieg wegen einer Frau? Das trauen sie den machtbewussten Griechen nun doch nicht zu. Sie führen Kriege grundsätzlich auf materielle Gier und Machtstreben zurück und setzen den griechischen Heldensagen behutsam eine eher pazifistische Sichtweise gegenüber – und zwar, wie bei dieser bezaubernden Truppe üblich, ohne ihren Zuschauern mit dem Holzhammer ein festes Denkmodell einzuhämmern. Sie schlagen einfach nur eine Überprüfung unseres kritiklos übernommenen Bildes vom Trojanischen Kriegsgrund vor: „Manche sagen: Alle Kriege werden immer nur wegen Geld geführt.“ Eine Helena hat es jedenfalls in Troja nie gegeben. Anke Retzlaff ist Musikerin und verkörpert die Hekabe in dieser Inszenierung, und sie wird einmal sagen: „Griechen haben keine Ideale. Die wollen unser Gold und freien Zugang zu den Dardanellen.“ Da dürfte sie richtig liegen: Die Helena-Entführung, das machen die subbotniki deutlich, war einfach nur ein willkommener Anlass für einen finanziell und geostrategisch motivierten Feldzug. Agamemnon & Co dürften sich ähnlich geäußert haben wie Recep Tayyip Erdogan 3300 Jahre später nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei, der ihm erlaubte, sich endgültig zum rücksichtslosen Autokraten aufzuschwingen: „Es war ein Gottesgeschenk.“ Nun konnten alle Masken fallen.

Auch die Choreographie erzählt von der Sinnlosigkeit des Krieges. Die Gruppe bezeichnet ihre genreübergreifenden Projekte als Musiktheater. Tatsächlich spielen Musik und Choreographie bei Städte eine erheblich wichtigere Rolle als noch im ersten Teil der Antiken-Trilogie, in dem auch die moralisch-politische Komponente der Erzählung nicht so deutlich zutage trat. Der Kampf der Heere wird als musikalisches Duell zwischen Kloepfer am Schlagzeug und Retzlaff an der Violine ausgetragen. Einleuchtend choreographiert ist die Schlachtaufstellung: Die Chöre marschieren vor, sie weichen zurück – doch es sind dieselben Krieger; sie folgen den gleichen Überzeugungen und rufen die gleichen Parolen, nur verkörpern sie mal die Griechen und mal die Trojaner. Die gleichen Personen folgen abwechselnd dem Dirigat von Oleg Zhukov, der den griechischen Feldherrn Agamemnon gibt, und von Anke Retzlaff, der Chefin der Trojaner. Einfacher und sinnfälliger kann man die Sinnlosigkeit des Krieges kaum darstellen und die eventuell behauptete interkulturelle Differenz ad absurdum führen. Das spüren schließlich auch die Soldaten: „Niemand spricht mehr vom Grund des Krieges, und keiner fragt mehr nach Helena“, bemerken sie. „Es geht nur noch ums Überleben.“ Odysseus, der Listenreiche, der ein wenig widerwillig den Griechen mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte, hat das erkannt, und nachdenklich wird er von Agamemnon zitiert: „Der Glaube an den Sieg wird die Vernunft der Menschen trüben.“

Doch erzählt die Aufführung nicht nur eine Anti-Kriegsgeschichte. Sie berichtet auch von innerfamiliären Intrigen in Troja. Wenn man gedanklich weit ausholt, mag man zu dem Schluss kommen, dass mangelndes Vertrauen eine Mit-Ursache für das spätere Blutvergießen war. Wenn Priamos und Hekabe ihren Sohn Paris fortschicken, weil Hekabe während der Schwangerschaft einen Unheil verheißenden Traum hatte; wenn Priamos und Hekabe später ihren zurückgekehrten Sohn nicht erkennen wollen, haben Martin Kloepfer und Anke Retzlaff eine frappierende Ähnlichkeit mit Claudius und Gertrud in Shakespeares „Hamlet“, die ihren Sohn (respektive Neffen) auf ähnliche Weise für dumm verkaufen wollen.

Alle Akteure zeichnet ein ungewöhnlich perfektes Gespür für den Rhythmus der Aufführung aus. Das gilt nicht nur für die Regie sowie die professionellen Schauspieler und Musiker, sondern auch für den generationenübergreifende, mehrheitlich aus Schülerinnen und Schülern dreier Düsseldorfer und Mülheimer Schulen zusammengesetzten Laien-Chor. Die Musik selbst wirkt unaufdringlich und drängt sich selten in den Vordergrund, ist aber essentiell für die Spannung und die poetische Atmosphäre, die diesen nur 60 Minuten kurzen Abend definiert. Vor allem Nico Brandenburg vermag seinen Instrumenten einen wunderbar leisen, aber dramatischen Sound zu entlocken, der bisweilen sogartige Wirkung entfacht.

Das Ende dieser einfühlsamen und poetischen Aufführung ist geradezu resignativ. Troja ist zerstört, aber „es werden neue Städte gebaut. Bis es irgendwann keinen Sand mehr gibt“, sagt Kloepfer. Und Odysseus fasst mit Blick auf die List mit dem Trojanischen Pferd zusammen: „Der Krieg hat genauso geendet wie er begonnen hat: mit Betrug.“ Vertrauen kann im Krieg nicht wachsen.