Die Hauptstadt im Schauspiel Essen

Riss in der Union

Robert Menasses Roman Die Hauptstadt wurde im Jahre 2017 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Er gilt als der weltweit erste Roman, der sich mit der Europäischen Union beschäftigt. Am Anfang des Romans steht ein Mord, am Ende ein Bombenanschlag. Genauer gesagt: DER Bombenanschlag. Es ist der reale, von islamistischen Terroristen verantwortete Anschlag in der Brüsseler Metrostation Maelbeek, der am 22. März 2016 zwanzig Menschenleben forderte. Robert Menasse bläst gleich mehreren seiner Protagonisten bei diesem Anlass das Lebenslicht aus, darunter der sympathischsten der vielen warmherzig gezeichneten Figuren aus dem Milieu der oberen und mittleren EU-Bürokratie: David de Vriend dämmert der Demenz entgegen, ist gerade in ein Altersheim ungezogen und wehrt sich mit nur noch schwachen Kräften gegen die dort erlebte Bevormundung durch die Pflegekräfte. Als er bei dem Anschlag ums Leben kommt, steht nur sein eigener Name noch auf einer von ihm penibel geführten Liste: der Aufstellung der letzten Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, dem der belgische Widerstandskämpfer einst mit Müh‘ und Not entronnen war.

Der Mörder vom Beginn handelte im Auftrag einer dubiosen katholischen Organisation aus Polen und hätte, so kann man das Buch zumindest lesen, den Anschlag vielleicht verhindern können, wenn er im Hotel Atlas nicht den falschen Mann ermordet hätte. Er hört auf den Namen Oswiecki – Oswiecki wie Oswiecim, der polnische Name des Ortes Auschwitz. Auschwitz spielt eine zentrale Rolle in dem politischen Gedankenkonstrukt von Robert Menasse. Das Image der bei der europäischen Bevölkerung unbeliebten EU-Kommission soll aufpoliert werden, und zwar durch ein großes „Jubilee Project“ zum 50. Gründungstag der Kommission, das ausgerechnet in Auschwitz stattfinden soll. Auschwitz, so lautet die Argumentation, sei der Kulminationspunkt der nationalistischen Verirrungen Mitte des 20. Jahrhunderts gewesen, und wegen Auschwitz sei die EU als supranationaler Gegenentwurf gegründet worden. Dieser in Vergessenheit geratene idealistische Gründungsimpetus soll durch das „Big Jubilee Project“ wieder in den Köpfen der Bevölkerung verankert werden.

Die ehrgeizige Zypriotin Fenia Xenopoulou, Leiterin der Generaldirektion Kultur, reißt das Projekt an sich, um sich zu profilieren, und beauftragt ihren österreichischen Mitarbeiter Martin Susman mit der Detailplanung. Genüsslich schildert Menasse die Eifersüchteleien und Intrigen, mit denen das Projekt von vordergründig zustimmenden Kollegen aus anderen Dezernaten der Kommission konterkariert wird. Die Reaktionen der nationalen Interessenvertreter im Europäischen Rat, die den Vorschlag endgültig zu Fall bringen, werden dagegen weniger genüsslich denn als bittere Satire gezeichnet. Denn Menasse selbst ist ein engagierter Kämpfer gegen den Nationalismus und hält in Essays und Reden flammende Plädoyers für die Ausweitung der Kompetenzen der EU. Im Roman mag er sich selbstironisch - wissend um die Vergeblichkeit seines politischen Kampfes - hinter dem österreichischen Professor Erhart verbergen, der mit seinen visionären (oder auch absurden?) Ideen die eitlen, in vorgegebenen Bahnen denkenden Mitglieder eines EU-Thinktanks vor den Kopf stößt. Professor Erhart, ein etwas skurriler Einzelgänger, fordert eine echte supranationale EU-Hauptstadt – und welcher Ort eignet sich aus seiner Sicht am besten dafür? Richtig: Auschwitz. „Was hält uns zusammen?“, fragt er provokativ: „Geld oder Gräber?“

Menasse begleitet in seinem 470 Seiten langen Roman abwechselnd zahlreiche Figuren aus der EU-Bürokratie bei ihrer Arbeit, ihrem Liebesleben, ihrem Kampf gegen das Alter oder ihren familiären Interessenskonflikten. Er tut dies mit liebevoller Ironie, Humor und bisweilen bissiger Satire – und schmuggelt der unterhaltsamen Geschichte einige verdammt ernst gemeinte politische Thesen unter. Darüber hinaus zieht sich von der ersten bis zur letzten Seite eine schwer zu entschlüsselnde Schweine-Metapher durch den Roman. Im Grillo-Theater Essen bemüht sich Hermann Schmidt-Rahmer, dem in anderen Inszenierungen eine Neigung zur Stücke-Zertrümmerung oder -Neudefinition nicht abzusprechen ist, dem Roman möglichst eng zu folgen. Mit wenigen Ausnahmen werden alle Verästelungen des Romans nachgezeichnet; auch die Struktur der sich in kurzer Folge abwechselnden Parallel-Erzählungen der Vorlage bleibt erhalten. Leider wird genau das zum Problem: In der Vielzahl der Erzählstränge und dem Wechsel zwischen Unterhaltung und politischen Plädoyers verzettelt sich die Inszenierung. Wer das Buch nicht gelesen hat, dürfte große Schwierigkeiten haben, das Geschehen auf der Bühne zu verstehen, zumal alle sechs Schauspieler, sämtlich und immer gekleidet in schwarz-weiße Kostüme, eine Vielzahl von Rollen übernehmen.

Schmidt-Rahmer versucht, die Konsumierbarkeit der bisweilen ein wenig verkopften Inszenierung zu erhöhen, indem er einzelne Figuren stärker karikiert oder überzeichnet. Dabei glänzt vor allem Daniel Christensen, der bereits vor einem Jahr in Schmidt-Rahmers großartigem Volksverräter! am Schauspielhaus Bochum als komödiantisch-gefährlicher Redakteur Hovstad den Vogel abgeschossen hatte. Christensens Martin Susman wird zur heimlichen Hauptfigur des Dramas. Mit österreichischem Akzent, den strubbeligen Kopf manchmal zwischen die Schultern seiner nicht allzu groß gewachsenen Figur ziehend, wird er zu einem leicht verschusselten Underdog mit erheblichem Beharrungsvermögen. Zu einem virtuosen Kabinettstück der Komödienkunst gerät Christensens Auftritt als Romolo Strozzi: Der Kabinettschef des Kommissionspräsidenten ist ein etwas pompös auftretender, aber höchst gewitzter Top-Beamter und ehemaliger Olympia-Teilnehmer, der Verhandlungen mit der Eleganz und dem taktischen Geschick des Medaillengewinners im Fechten führt: Sein Gespräch mit Fenia Xenopoulou (ebenfalls überzeugend als ehrgeiziges, aber zweifelndes Karriereweib: Floriane Kleinpaß), in dem er das von ihr präsentierte Jubilee Project pro forma unterstützt, de facto aber ins Leere laufen lässt, wird zu einem verbalen und nonverbalen Fecht-Wettkampf von großem Unterhaltungswert.

Großartig verkörpert Ines Krug den kleinen, alten, so sympathischen wie resignativen David de Vriend. Martin Susmans Bruder Florian wiederum, Österreichs größter Schweinebauer und Präsident der European Pig Producers, wird von Jan Pröhl als perfekter Gegenentwurf zu Daniel Christensen gegeben. Er ist groß und breitschultrig, physisch präsenter und machtbewusster als sein Bruder, aber auch intellektuell einfacher gestrickt. Er verfolgt seine eigenen Interessen (massenhafter Export von Schweine-Ohren nach China) und dürfte kaum in der Lage sein, geschickt und kompromissorientiert auf die konträre Interessenlage der EU einzugehen.

Womit wir bei den Schweinen wären: Auch Hermann Schmidt-Rahmer beschwört die Schweine-Metapher in aller Ausführlichkeit. Mehrfach krabbelt Christensen halbnackt als das ominöse Schwein über die Bühne, das in Menasses Roman immer wieder in der Hauptstadt Brüssel gesichtet wird. Es gibt den Schweine-Konflikt zwischen der EU und den Lobbyisten der EPP, es gibt den Nazi, der „Tötet das Schwein“ ruft, die Juden-Sau und – Chemnitz lässt grüßen – das Migranten-Schwein. Dumme und fresssüchtige Schweine bevölkern den Video-Schirm, als Professor Erhart (Thomas Büchel) über die „geistlose Blase“ des EU-Think Tanks wettert. Vor allem aber erweitert Schmidt-Rahmer die Ansammlung von realen und metaphorischen Säuen und Schweinen mit einer eigenen sinnfälligen Idee: Bühnenbildner Thilo Reuther hat für die Inszenierung nichts als eine einfache weiße Schräge gebaut, auf der die EU-Beamten samt und sonders gelegentlich ins Rutschen kommen. Gegen Ende aber entsteht ein Riss in dieser klinisch weißen Wand, der sich immer weiter öffnet zu einem großen, zackigen Spalt. Es ist, natürlich, die zunehmende Spaltung der EU, der wir hier beiwohnen. In diesem Spalt erscheint ein riesiger, blutunterlaufener Schweinekopf. Er starrt uns an wie ein Menetekel, erinnert vielleicht auch ein wenig an Orwells „1984“, in dem die Schweine die Demokratisierungsbemühungen zunächst vorantreiben, später aber eine grausame Schweinediktatur errichten. Das Schwein starrt uns an, unbeweglich, regungslos, und irgendwie wird einem dabei unbehaglich. Nationalisten und Rassisten gewinnen in vielen EU-Staaten an Einfluss; auf dem Bildschirm auf Thilo Reuthers Bühne sehen wir eine ISIS-Demonstration. Wenn wir die Einheit der EU retten wollen, ist es fünf vor zwölf!