Kleiner Mann - was nun im Köln, Theater im Bauturm

Sieg der Liebe in dunklen Zeiten

Es ist eine kleine, eine überschaubare Welt. Eine der Bescheidenheit, in der Ehrlichkeit und Offenheit noch Tugenden sind. Zugleich ist es aber eine Welt, in der alles geschieht, was auch in der „großen“ erfahrbar ist. Nur, und das ist der kapitale Unterschied, in dieser „kleinen Welt“ ist alles "echt"weil es die gesamte Existenz umfasst. Wenn der „Kleine Mann“ nach dem „Was nun?“ fragt, geht das ans Eingemachte, bedeuten 20 Mark weniger den möglichen Bruch ganzer Lebens-Entwürfe.

Eine Gefahr, die Hans Fallada (1893-1947), Rudolf Wilhelm Friedrich Dietzen mit bürgerlichem Namen, in seinem 1932 erschienenen Roman Kleiner Mann - was nun? zu einem existentiellen Thema erhob. Fürs private Kölner „Bauturm“–Theater, mitten in einem Hinterhof an der quirligen Aachener Straße im Zentrum der Domstadt gelegen, erarbeiteten Hausdramaturg René Michaelsen und Regisseurin Susanne Schmelcher nun eine eigene Bühnenfassung.

Es ist eine Fassung mit viel Futter für das Darsteller-Trio: Matthias Zera als Pinneberg, Nele Sommer als „Lämmchen“, vor allem aber für Marc Fischer in gleich fünf Rollen. Hausherr Laurenz Leky mischt in einem Video-Film am Ende auch noch boshaft mit. Als ekelhafter Schauspiel-Promi Schlüter, der dem am Ende seiner Leidensfähigkeit angelangten Pinneberg den Rest gibt – und ihn ins tiefe Loch der Arbeitslosigkeit und damit der Verzweiflung stürzt.

Wir schreiben die Jahre 1930 bis 1932. Emma, „Lämmchen“, erwartet ein Kind. Papa ist Johannes Pinneberg, den es, zu Beginn des erzählreichen Abends, zunächst einmal in die Sehnsuchts-Rolle eines freien, unabhängigen Robinson Crusoe gedrängt hat. Ehe ihn die harte Wirklichkeit ins Kreuzfeuer der Weltwirtschaftskrise entlässt. Der Kampf ums Leben, ja ums Überleben, Falladas großes Thema, hat begonnen.

Dass und wie die Welt für Pinneberg und sein „Lämmchen“ immer enger wird, erschließt sich in der Inszenierung auf der kleinen Bühne des Bauturms durch ein packenden Bild: Die Wohnung, das karge und enge Zimmer des Duos, gerät nämlich zum Kampfplatz. Zunächst ist es ein nur ein Eckpfosten, schließlich zwei, dann drei und zuletzt ein vierter, die Pinneberg selbst in den Bühnenboden rammt und damit unbewusst die eigene Handlungsfähigkeit mehr und mehr einengt. Schließlich ist ein kompletter Boxring entstanden. eine Welt des Kampfes. In ihr müssen sich die beiden behaupten. Wenn Pinneberg den Ring gegen Ende wieder abräumt, wird auch deutlich: Der Lebens-Kampf scheint verloren.

Was höchst martialisch, herb und hart klingt, wird freilich immer wieder von Humor, und sei er noch so bitter, durchwirkt. Wenn und wie etwa Pinnebergs Mitstreiter und zugleich Konkurrenten, Jachmann, Kleinholz und Heilbutt, von Marc Fischer in verschiedene Gestalten getrieben, agieren, lässt nicht nur Verzweiflung, sondern auch Lebenslust und Existenzwillen erkennen, begleitet nicht selten von sarkastischem Witz.

Es dauert einige Zeit, ehe die Inszenierung wirklich Fahrt aufnimmt und aus den nicht selten nüchtern-trockenen daherkommenden Roman-Texten in dramatische Höhen aufbricht. Erst wenn die Angst, mit dem Geld nicht mehr über die alltäglichen Runden zu kommen, in der Sackgasse existenzieller Verzweiflung mündet, wird die Inszenierung wirklich dringend und mitreißend menschlich.

Der hoffnungslose Ausblick in die Zukunft lässt Pinneberg gedemütigt zurück, lässt ihn fast die Selbstachtung verlieren. Doch Lämmchens Liebe bringt ihn wieder zurück ins Leben. Eine starke Schlussviertelstunde lässt die Inszenierung noch einmal Fahrt aufnehmen.