Bernarda Albas Haus im Oberhausen, Theater

Studio 69

Die Mutter ist ein Monster. Die Oma gilt als verrückt, wird gehalten wie ein Tier. Die Magd des Hauses sieht sich selbst als Hündin ihrer Herrin. Und dann die vier Töchter: schön und verliebt die eine, die andere hässlich und verliebt, die dritte verliebt und intrigant, sanftmütig und liebevoll nur die vierte, immerhin. Entsprechend raue Sitten herrschen hier. Das Muttermonster kommt urgewaltig über jeden, mit donnernder, verzerrter Stimme in allertiefster Lage. Wer nicht spurt, spürt die Peitsche, wer klaut, muss die Hände in siedendes Wasser tauchen. Die hündische Magd krabbelt auf allen Vieren, um der Schreckensregentin die schrumpeligen Netzstrumpffüße zu waschen. Zum gemeinsamen Essen wird die Oma per Leine am Halsband aus einem Käfig unter den Tisch gezogen. Später wird sich eine der jungen Damen einer hemmungslosen Orgie hingeben, inmitten ein Pferd.

Willkommen in Bernarda Albas Haus, besser und wahlweise: in ihrem Schreckenskabinett oder im Studio 69, sehr zur Freude der Herren de Sade und Sacher-Masoch. Federico García Lorcas „Drama über Frauen in spanischen Dörfern“ wird im Theater Oberhausen zum wilden, trashigen, gruseligen, von optischen Reizen überquellenden Spiel um Lust und Schmerz. Mit Musik und pikant detaillierten Videoprojektionen, mit munter rotierender Drehbühne und Gummiklamotten. Dem Ganzen zugesellt ein besonderer Kniff: Die Damen Alba werden allesamt von Männern gespielt, nur die Magd ist eine Darstellerin. Und der einzige echte Mann, Pepe el Romano, in den die Töchter des Hauses verschossen sind, wird als Mischung aus Jesus, Macho und Frank Zappa prominent ins Bild gerückt.

Fast zwei Stunden lang gibt’s jede Menge Augenfutter. Zudem der krampfhafte Versuch, das Genderthema zu platzieren, weil’s angesagt ist. Was es nicht gibt? Echte Menschen, die am Abgrund stehen, die verbittert sind, deren Seelen leiden. Was auch fehlt? Eine Atmosphäre, die von Beklemmung kündet, von lähmendem Stillstand zumal, von mörderischer Hitze und brüllendem Schweigen. Lorcas Stück ertrinkt im Hagel der Effekte. Spanien ist weit weg, wenn aus dem Off zwar ein andalusischer „cante jondo“ oder „cante chico“ klingt (puristisch mit Gesang, Klatschen und Gitarre), dazu aber die Herren Damen auf der Bühne mit ungelenken Flamenco-Bewegungen bloß eine maue Parodie versuchen. Oder wenn Adela (Kilian Ponert), die jüngste und schönste der Töchter, sich in den Armen Pepes (Burak Hoffmann) ausseufzt über Liebe, Treue und Tod, der ihr aber mangelnde Emanzipation vorwirft, sie in die Kitschecke stellt, und dazu Wagners „Liebestod“-Musik sich konzertant verströmt. Das ist dann der wahre Kitsch.

Lorcas Stück erzählt von Gefühls-Tiefe und Untiefen, Regisseur Jan Friedrich aber macht auf Maskerade. Die Kraft der Worte versteckt sich hinter Bildmacht, gespeist aus Latex sowie ein bisschen Exotik in den verschachtelt angeordneten Zimmern des Hauses (Bühne: Robert Kraatz). Bei den Videosequenzen gibt’s den Text gar nur als Untertitel. Die Mutter (Mervan Ürkmez) bekommt die Stimme Darth Vaders, Tyrannei ausdrückend, acht Jahre Trauer verkündend nach dem Tod ihres zweiten Mannes, alles zur Verteidigung der Familienehre, doch wie es in ihrem Innern aussieht, bleibt konturlos. Die Oma (Torsten Bauer) schreit zumeist wirr, sie wolle ans Meer und heiraten. Dass sie aber zutiefst menschlich ist, in ihrer Rebellion Adelas Schwester im Geiste, bleibt unterbelichtet.

Auch Clemens Dönicke (als Angustias, die reiche und hässliche Erbin, dem Pepe versprochen), Daniel Rothaug (die eifersüchtige und intrigante Martirio) sowie Michael Morche (die Liebevolle unter Adelas Schwestern) sind wenig scharf gezeichnet. Einzig Susanne Burkhard gibt der Magd La Poncia klares Profil im Balancieren zwischen Unterwürfigkeit und Aufbegehren. Burak Hoffmann schließlich darf den fensterlnden Burschen Pepe geben; in Lorcas Stück ist er eigentlich nur Imagination, Projektionsfläche von Sehnsüchten. Aber die Kraft dessen, was nicht zu sehen, nur zu spüren ist, geht in dieser Inszenierung völlig verloren.

Bernarda Albas Haus in Oberhausen: viel Oberfläche, wenig Intensität, nichts Berührendes. Nach knapp zwei Stunden tröpfelt der Applaus vor sich hin, erfährt ein leichtes Crescendo, ist dann aber flugs vorbei. Ein skurriler Abend, mehr nicht. Zum Schluss: Männer in Spitzenunterwäsche sehen, Verzeihung, echt sch... aus.