Gift. Eine Ehegeschichte im Bochum, Schauspielhaus

Vertraut - und doch einander fremd geworden

Zehn Jahre nach der Scheidung treffen sich ein Mann und eine Frau zum ersten Male wieder. Und zwar an dem Ort, an dem ihr einziges Kind, Jakob, begraben ist. Er kam durch einen Verkehrsunfall ums Leben. Anlass für diese Begegnung: Das Grab soll verlegt werden, da Gift im Grundwasser des Friedhofs gefunden wurde.

Der Verlust und die Unfähigkeit, gemeinsam zu trauern, brachte sie damals auseinander. Er ist gegangen, denn es gab „immer nur ihre Trauer, ihr Drama“ und hat in einem anderen Land ein neues Leben angefangen, wieder geheiratet, seine Frau ist schwanger. Obwohl er sagt: „Er fehlt mir, genauso wie damals“, hat er sich entschieden, einen Neuanfang zu machen. Sie hat sich in ihrem Schmerz vergraben und mit Tabletten versucht, zeitweilig zu vergessen.

Johan Simons hat 2009 am NT Gent die Uraufführung dieses Stücks inszeniert. Mit Elsie de Brauw (sie wurde für ihre Rolle in den Niederlanden als beste Schauspielerin des Jahres ausgezeichnet) und Steven van Watermeulen. Diese Produktion kam jetzt in Bochum zur Aufführung.

Auf der Bühne der Kammerspiele sehen wir eine Tribüne mit verschiedenen Sitzgelegenheiten, das Innere der Friedhofshalle. Die beiden Schauspieler treten - bei eingeschaltetem Saallicht - aus dem Zuschauerraum auf. Eine kühle Beleuchtung des ersten Treffens. Sie tauschen Floskeln aus (beteuern z.B., wie gut der andere aussehe), eine Umarmung missglückt, sie laufen nervös hin und her, setzen sich, um sofort aufzuspringen und sich woanders hinzusetzen. Vertraut und doch auch einander fremd geworden. Zehn Jahre hatten sie nichts voneinander gehört. Zehn Jahre hat sie sich gefragt, warum er an jenem 31.Dezember 1999 gegangen sei. Überaus einfühlsam und eindringlich spielen de Brauw und van Watermeulen, wie sich Entfremdung und aufkommende alte Beziehungsmuster mischen. Wie langsam ein schrittweises Aufeinanderzutasten stattfindet, das eine vorsichtige Umarmung zulässt, sogar kleine liebevolle Gesten. Und dennoch versinkt sie in ihrem Kummer („Wir sind doch eine gescheiterte Geschichte“), während er feststellt, nach der Trauer müsse etwas Neues kommen. Nur ein Schlussstrich erlaube ein Weiterleben.

An einigen wenigen Stellen singt der Countertenor Steve Dugardin melancholische, englische Lieder - was die Atmosphäre dieses emotional sehr berührenden Abends noch betont. Jeder, der einen geliebten Menschen verloren hat, wird viel in dieser Inszenierung wiedererkennen. Vekemans‘ Stück handelt nicht vom Tod an sich, sondern davon, wie wir mit ihm umgehen, mit ihm leben.

Er und sie („ein Mann und eine Frau, die erst ein Kind verloren haben, dann sich selbst und dann einander“) nähern sich gen Ende an, sprechen versöhnlicher miteinander und gehen dann wieder getrennte Wege.

Ein unglaubliches Theatererlebnis dank dieser zwei hervorragenden Schauspieler und dank der einfühlsamen Inszenierung von Simons.