Das rote Kollektiv im Theaterakademie Köln

Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt

Das rote Kollektiv – das erinnert an marxistisch-leninistische Kampfgruppen oder an stalinistische Säuberungskomitees; in Kiel gibt es eine Gruppe radikaler Antifa-Aktivisten dieses Namens. Mutmaßlich ist es nicht lustig, denen bei einer politischen Demo über den Weg zu laufen. Den Freaks und Horror-Gestalten, die im Rahmen des Jahres-Projekts der Studentinnen und Studenten der Theaterakademie Köln durch die Schule spuken, möchte man auch nicht gerade im Hambacher Forst begegnen. Aber in der Theaterakademie ist die Begegnung ziemlich spaßig. Beim roten Kollektiv handelt es sich ironischerweise nicht um vermummte Antifa-Kämpfer, sondern um eine katholische Sekte. Die aber ist nicht minder radikal und treibt schon seit mehreren Generationen ihr Unwesen in den Küchen, Kellern und Bordellen der Stadt. In dunklen Verliesen hält sie geliebte Menschen und sexuelle Frevler gefangen. Gruselige Nacht herrscht schon vor Beginn des Geschehens, so dass man von einem starr blickenden jungen Menschen, der Zeichen eines Geheimbundes im Gesicht trägt, mit Hilfe von Kerzenlicht zum Klo begleitet wird, damit man nicht versehentlich beim falschen Geschlecht landet. Das mit dem falschen Geschlecht erweist sich als ein möglicher roter Faden an diesem schaurigen Abend.

Ein Sektenmitglied händigt uns mit verstellter Freak-Stimme eine Eintrittskarte aus und lost uns damit unserer achtköpfigen Reisegruppe durch die Akademie-Geisterbahn zu. Ich habe Glück: Die Farbe „Grün“ folgt einer jungen Dame, die unter dem geforderten rauen Auftreten einen gewissen Charme und eine sympathische Koketterie nur schwer verbergen kann. Doch ob rot, ob grün, ob blau – jeder von uns wird dieselben Horrorhaus-Szenen erleben, nur in unterschiedlicher Reihenfolge. Auf dem Weg zum Prolog auf einem Horror-Exerzierplatz laufen wir an einer Kammer vorbei, in der gerade eine junge Frau vergewaltigt wird. In einer Erotik-Bar warten zwei Girls auf Kunden. Noch dürfen wir nicht hinein, doch wenn wir die Bar später betreten, finden wir uns in einem französischen SM-Studio aus dem 2. Weltkrieg wieder, in dem sich der deutsche Soldat Alfons quälen und befriedigen lässt. Im seitlichen Séparée des Bordells werden wir die intensivste Szene der gut zweistündigen Show erleben: Die Schauspieler schieben die Wände des Raums zusammen, so dass wir klaustrophobisch auf engem Raum zusammengedrängt werden. Eine halbe Armlänge von uns entfernt erwürgt Alfons seine Mutter.

Die ganze Show ist ein trashiges, mal mehr, mal weniger kreatives Spiel mit verschiedenen Motiven des Horror-Genres, und natürlich ist sie ein riesengroßer Spaß. Aber aus einem knappen Meter Entfernung Zeuge eines Mordes zu werden, geht unter die Haut: Obwohl man weiß, dass man sich nur auf einer krassen Live-Geisterbahn befindet, hat man den Impuls, eingreifen zu müssen. So unbehaglich wird einem an diesem Abend nur ein einziges weiteres Mal: wenn wir auf unserem kollektiven Marsch in den Keller durch die geöffnete Tür die verzweifelt schreiende junge Frau unter ihrem Vergewaltiger liegen sehen. Auch da möchten wir anhalten und einschreiten.

Geschrien wird viel auf unser road to hell – nicht nur von den Opfern der radikalen religiösen Rituale. Mit einer 3D-Brille auf der Nase erleben wir eine bombastische Son et Lumière Freak Show. Wie bei vielen Stationen wissen wir nicht recht, was geschieht, denn aufgrund der schlechten Akustik sind die Worte der Horror-Figuren und insbesondere die Lautsprecher-Ansagen kaum zu verstehen. Jedenfalls sind wir im Jahr 1988, in dem eine geliebte Frau mit ihrem vernehmlich über den Lautsprecher weinenden Neugeborenen in einem Verlies festgehalten wird. Plötzlich springen ein paar Performer auf uns zu, und es kreischen nicht nur die, sondern vor allem die netten jungen Damen, die in meiner Gruppe mitwandern: Auf körperliche Angriffe sollte man jederzeit gefasst sein, doch beschränken sie sich in aller Regel auf ein harmloses Knuddeln.

Anderer Raum, andere Zeit: Wieder werden (diesmal gleich zwei) arme Seelen gefangen gehalten. In der Wohnküche eines alten Mannes sitzt ein Skelett am gedeckten Tisch. Wir sind eingeladen, uns dazuzusetzen, quetschen uns aber ängstlich zu acht auf das entferntere Sofa: Der Körperkontakt zum Mitbesucher erscheint risikoloser als die plötzlichen Angriffe der Performer. Bei den gefangenen Seelen handelt es sich um ein lesbisches Paar – Homosexualität aber sei Sünde, dröhnt der Alte, und Geschlechtsverkehr ohne die Absicht zur Fortpflanzung ein schwerer Verstoß gegen die Gesetze Gottes. So etwas erfordert Strafe und Unterwerfung. Zur intellektuellen Grundierung dieser etwas einfallslosen Szene wird unter anderem aus dem „Erlkönig“ zitiert - so wie zuvor schon aus dem „Faust“ und aus „Prometheus“. „Doch bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“: Das könnte die Überschrift vieler Szenen des heutigen Abends sein. Doch ist das Herumgerenne und Gekreische auf dieser Station unserer Reise einfach nur nervenzerfetzend.

Die lesbische Liebe war uns bereits in der vorherigen Station unserer Reise begegnet. Dort wurden wir auf erheblich kreativere Weise emotional durchgeschüttelt. Die Szene beginnt wie ein klassischer Horrorfilm mit Donner, Blitz und Regen; der enge Raum ist von einer edlen Spiegelwand begrenzt, so dass er doppelt so groß wirkt als er ist und großartige Lichteffekte zulässt. Hübsche Freaks performen eine rasante Tanz-Choreografie; dann schlägt ein wunderschöner Traum von einer lesbischen Liebe abrupt um in ein Horror-Szenario: Bedrohlich kommt der Rabe Nevermore auf uns zu, Männer mit Feuermasken auch. Sie hinterlassen eine Leiche, die mit einer riesigen Fahne zugedeckt wird.

Den Frust über die misslungene Station in der Küche des alten Mannes macht unsere Führerin auf dem Flur wieder wett. Zum wiederholten Male herrscht sie uns an, dass wir uns gefälligst in einer Reihe an die Wand stellen mögen. Unsere junge Domina hat etwas Bezauberndes. Im nächsten Raum werden wir Zeugen einer Séance: Ein Orakel beschwört eine Sünderin. Es ist erneut eine Lesbierin, an der nun ein Exorzismus betrieben wird. Doch nicht nur sie scheint vom Teufel besessen, sondern auch das Orakel: Bald wälzen sich beide auf dem Boden und schreien, doch diesmal ist die Performance zu Ende, bevor das Gekreische nervt.

Einen Exorzismus erleben wir auch in der Rahmenhandlung, der alle Gruppen gemeinsam in einem großen Kellerraum beiwohnen und in der wir zunächst auf unsere Verhaltensregeln hingewiesen werden – nicht ganz zu Unrecht sorgt die Gruppe vor für den Fall, dass sensible Geister von ihren schrillen Artgenossen in gesundheitsgefährdende Phobien getrieben werden. Ein Mann wird wie ein Hund an einer Leine in den Raum geführt – seit Lynndie England ist das ein fast ikonographisches Bild für die Demütigung und Misshandlung von Gefangenen. Auch hier gibt es wieder beeindruckende Choreographien, in denen scheinbar geschlagen, gesägt und gestorben wird, die allerdings für die wohl beabsichtigte faschistoide Wirkung nicht aggressiv genug erscheinen.

 Ihre Performance zeige nicht nur drastische Bilder, sondern habe auch gesellschaftskritische Ansätze, behaupten die Jungs und Mädels von der FreAkademy. Ach Gottchen: Ein paar blasphemische Bilder und Sentenzen sind doch noch keine gesellschaftskritischen Antworten auf die Vertuschung von Missbrauchs-Skandalen in der Kirche, und die Verteufelung von Homosexualität in rückwärts gerichteten gesellschaftlichen Kreisen wird durch eine Trash und Horror Show auch nicht aus den Angeln gehoben. Die Tatsache, dass es sich bei den Opfern fast ausschließlich um Frauen handelt, kann ebenfalls nicht ernsthaft als Hinweis auf eine fortgesetzte Unterdrückung des angeblich schwachen Geschlechts gemeint sein – zu abgedreht und phantasy-mäßig sind die gezeigten Szenen. Schauspielerisch ist das schwache Geschlecht ohnehin das stärkere: Mit Ausnahme eines als Schlossgespenst durch die Gänge schleichenden Herrn mit Allonge-Perücke bleiben die Männer kaum im Gedächtnis.

Genießen wir also einfach das, was es ist: ein sinnfreier, temperamentvoller, bekloppter Abend voller Trash und krasser Bilder. Die Begeisterung und das Engagement der jungen Leute, die verrückten, oftmals kreativen Ideen sind toll. Jeden Tag Tschechow oder Schiller auf politische Aussagen für unsere Zeit abzuklopfen, wird ja auch irgendwann eintönig: Kurz vor Halloween fegt eine so begeistert vorgetragene Performance den Kopf frei von allem intellektuellen Ballast.

Gruselig knarrt am Ausgang eine Holzlatte unter den Schritten des Rezensenten. Erschrocken hält er inne: Was war das? Das Gespenst von Canterville? Dracula? Ein Vampir? Schnell schlingt der Rezensent den Schal enger um den Hals und macht sich eilends davon …