Sein oder Nichtsein im Theater Münster

Die mit dem Schäferhund tanzen

Darf man eine Komödie spielen, die den Einmarsch der Deutschen in Polen zum Sujet hat und deren Schreckensherrschaft? Diese Frage stellt sich im Jahr 2018 noch viel mehr als 1942, dem Jahr, in dem Ernst Lubitsch seinen Film Sein oder Nichtsein drehte. Lubitsch wird nicht das komplette Ausmaß des Holocausts gekannt haben und konnte deshalb sicher ein Stück weit „unbedarfter“ umgehen mit dem Thema. Aber ein Regisseur heute, darf er das auch? Christian von Treskow stellt dazu im Programmheft folgende These auf: „...ist, nicht nur von heute aus betrachtet, die Inszenierung der faschistischen Macht, genau wie die gesamte Nazikunst, die sich selbst als eine Ästhetik der Erhabenheit begriff, schlicht und ergreifend vor allem eines: lächerlich. Eine Mischung aus Trash und Kunsthandwerk...“

Diesen Hintergrund im Blick habend inszeniert von Treskow die Bühnenfassung des Lubitsch-Films. Worum geht es? Eine mittelprächtige polnische Schauspielertruppe probt eine Anti-Hitler-Komödie. Da marschieren die Deutschen in Polen ein, die Komödie fällt der Zensur zum Opfer und wird verboten, man spielt stattdessen Hamlet. Doch durch das Erscheinen von polnischen Widerstandskämpfern und deren Antipoden werden die Akteure hineingerissen in ein Spiel um Leben und Tod. Die Staffage der Komödie dient dafür als Folie.

Von Treskow treibt das aberwitzige Geschehen, das sich situativ bedingt immer weiter hochschaukelt, temporeich voran. Er arbeitet pointiert die explosive Mischung von Innenleben der Schauspieltruppe - bestimmt von Eitelkeit und Eifersüchteleien - und Gefahr durch die deutsche Invasion heraus. Das geschieht vor allem durch eine exaltierte Körpersprache aller Akteure. Tony De Maeyer holt aus ihnen die unmöglichsten Körperverrenkungen heraus und eine Mimik, die Komik und Panik, Ernst und Lust gleichermaßen ausdrückt. Heraus kommt ekstatischer Slapstick, der elektrisiert. Aus biederem Klamauk wird surrealer Nonsens, der in hysterischer Blödelei gipfelt.

In ein solches Konzept passt sich jedes Klischee wunderbar ein. Dass die Deutschen Polen unter den Klängen von Siegfrieds Rheinfahrt aus Wagners Götterdämmerung besetzen, ist nur eins.

Und jeder „Heil Hitler“-Ruf wird automatisch zum Lacher, besonders wenn ihn Louis Nitsche als Gestapo-Sturmführer schäferhundgleich ins Theater bellt.

Wie Nitsche lassen sich alle Akteure lustvoll auf das Regiekonzept ein, gehen mit und füllen den Primat der Körpersprache mit Leben, das vor allem Ensemblegeist fordert. Und es gelingt dennoch allen ein individuelles Rollenportrait. Christian Bo Salle als Nazi-Spion ist ja so was von fies genauso wie Gerhard Mohr als Gruppenführer Ehrhardt. Sandra Schreiber als Garderobiere Anna ist, nervös wie eine Espe, ein wahrer Seismograph für die Stimmungslage in der Schauspieltruppe und Isa Weiß gelingt es, im größten Schlamassel noch für ihre Eva ein „Solo“ mit inszenierter Ohnmacht herauszuschinden. Paul Maximilian Schulzes Sobinsky ist fesch, ein glühender Liebhaber - aber auch ein wenig vertrottelt, so dass man ihm den kühl agierenden Widerstandskämpfer nicht recht abnehmen mag. Christoph Rinke als Regisseur Dowasz ist unendlich komisch in seinem Bemühen, das künstlerische Niveau zu erhöhen und um so cooler, als es darum geht, das Aufeinandertreffen mit der Gestapo in Szene zu setzen.

Maria Tura will nichts mehr als eine Diva sein. Und Ulrike Knobloch tut alles dafür, diesem Willen auszudrücken. Große Gesten, wallendes Haar - all das hilft aber nicht, darüber hinweg zu täuschen, dass sie eben nur die Diva einer drittklassigen Schauspieltruppe ist. Ilja Harjes liefert mit dem Josef Tura eine Meisterleistung ab. Die pure Andeutung seines titelgebenden Hamlet-Monologs evoziert Lachsalven und manifestiert mangelnde Schauspielkunst. Gleichzeitig gelingt es Harjes in jeder Phase, Turas immenses, auf nichts gegründetes Selbstwertgefühl zu kreieren, dass es ihm ermöglicht, im wahren Leben gegen die Nazis anzuspielen. Harjes‘ Tura ist quasi die Quintessenz des Regiekonzepts, dass Christian von Treskow brillant ohne Bruch umsetzt.

Begeistert honoriert das Publikum einen vor allem von perfekter körperlicher Ausdrucksfähigkeit geprägten Abend.