Der Sandmann im Oberhausen, Theater

Böses Trauma statt süßer Träume

Kommt ein Wölkchen geflogen...“ Ach, das waren noch Zeiten und scheint gefühlte Ewigkeiten her, als 1959 erstmals dieses hübsche Liedlein im westdeutschen Fernsehen erklang. Da wussten alle, dass jetzt das Sandmännchen seinen Auftritt hat. „Nun, liebe Kinder, gebt fein acht, ich hab’ euch etwas mitgebracht“. Das war das Entrée für eine nette, teils lehrreiche Gute-Nacht-Geschichte. Und jedes Kind erfuhr zudem, dass jene feine Figur mit dem grauen Bärtchen den schläfrigen Kleinen am Ende ein bisschen Sand in die Augen streut, für seligen Schlaf und schönste Träume. Ein Sujet, das schon 1954 zum swingenden Song wurde. Damals schrieb Pat Ballard „Mr. Sandman“, viele mögen das Stück noch heute im Ohr haben - gesungen vom Damenquartett „The Chordettes“. Erbeten wird ein möglichst süßer Traum, mit zwei leuchtenden Augen.

Doch auch diese Medaille mit ihrem romantisch angehauchten Liebreiz hat eine zweite Seite. Und die ist schwarz eingefärbt, birgt den Grusel, ist die Quelle für (kindliche) Albträume. Man lese nur nach bei E. T. A. Hoffmanns Nachtstück Der Sandmann. Dort hat eine Frau dem kleinen Nathanael eine ganz andere Geschichte erzählt. Dass nämlich Kindern, die nicht ins Bett wollen, der Sand massenweise in die Augen gestreut wird, diese blutig zum Kopfe herausspringen und als Nahrung dem Nachwuchs des bösen Sandmanns dienen. Dieser Horror wird Nathanael ein Leben lang begleiten, sich zu einer Hysterie auswachsend, die in Wahnvorstellungen und Tod mündet. Für ihn ist der Augenglashändler Coppola identisch mit dem düsteren Advokaten und Alchemisten Coppelius, in personam der gefürchtete Sandmann.

Nun hat der neue Oberhausener Intendant Florian Fiedler das Hoffmann-Stück im großen Haus des Theaters in Szene gesetzt. Mit kleinen, mitunter auch brachialen Gruseleffekten, sehr fantasievoll den Raum nutzend, zudem in teils märchenhafter Anmutung. Der Coup seiner Deutung liegt darin, Nathanael als lebensgroße Puppe darzustellen, die nicht an Fäden hängt, sondern von ein bis vier Spielerinnen gekonnt und mit überwiegend fließenden Bewegungen bewegt wird. Eine Pointe der Personenführung, die dem Abend gehörigen Charme verleiht. Das Nachtschwarze verliert dabei ein wenig seinen bedrohlichen Charakter, bleibt dennoch präsent.

Das Quartett der Damen, die Nathanael Mensch werden lassen, ist zugleich eine Art griechischer Chor, der Teile der hier auf knapp 90 Minuten komprimierten Handlung erzählt, der sowohl einen Prolog wie Epilog formuliert. Zugleich geben die vier Schauspielerinnen - Ayana Goldstein, Elisabeth Hoppe, Lise Wolle und Ronja Oppelt - die fest im Leben verwurzelte, teils genervte, teils romantische Clara, sowie die anmutige Automatenschönheit namens Olimpia, deren Wortschatz über ein gehauchtes „Ach“ kaum hinausgeht. Nathanael, eigentlich mit Clara verlobt, verliebt sich ausgerechnet in dieses Maschinenwesen, die der fortschrittsgläubige Spalanzani (herrlich schrullig gespielt von Klaus Zwick, in weißem Schlafpolter) als seine Tochter ausgibt. Doch dann klaut Coppola der Angebeteten die Augen und aus ist’s mit der Liebe.

Fürs Bühnenbild, diverse gruselige Schattenspiele und behutsam eingesetzte Videoanimationen zeichnet Jens Burde verantwortlich. Manchmal ziehen psychedelische Farbspiele durch den Raum, anfangs deuten Strichzeichnungen Nathanaels Studierstube an, mit einer Pendeluhr an der Wand. Doch dann schiebt sich ein zweites großes Pendel in den Vordergrund; laut, kratzig und unheimlich schwingt es. Schrecklich ist auch Coppelius anzusehen, in Schwarz gekleidet, mit Zylinder, am Kopf zwei leuchtende Augen - wie die Morlocks in der Zeitmaschine. Und dann dieses Schnaufen und Grunzen: Menschlich scheint das nicht mehr zu sein. Gespielt wird dieses Wesen wie auch Coppola von Anna Polke, die der Figur viel Verschlagenheit verleiht, die im übrigen auch Nathanaels besorgte Mutter gibt. Der Freund und Ratgeber des Jungen, Siegmund, ist ebenfalls eine Puppe, das Alter Ego gleichsam. Dass ihm vom bösen Sandmann die Glieder abgerissen werden, erweist sich erneut als Wahnvorstellung des traumatisierten Nathanael.

So pendelt Der Sandmann in Oberhausen zwischen Effekt und Romanze, ein wenig auch zwischen kleinbürgerlicher Idylle und schwarzer „Nosferatu“-Szenerie. Kompakt aber wirkungsvoll dargestellt. Viel Applaus.