Deutschland. Ein Wintermärchen im Schauspielhaus Düsseldorf

Patriotismus ohne alle Geschwüre

Die Spielstätte an der Münsterstraße atmet nicht den Charme eines Stadttheaters. Im Eingangsbereich sitzt man an einfachen Holztischen. Um mich herum spricht man Griechisch, am Nachbartisch Lingala, einen kongolesischen Dialekt, wie mich die jungen Afrikanerinnen freundlich aufklären. Ein buntgemischtes Publikum wartet auf den Einlass, der schließlich durch Zuruf gewährt wird. Zwei Treppen geht’s hoch, dann um ein paar Ecken in einen dämmrigen Raum. Auf Stufen im Halbrund liegen Kissen, auf die wir uns hocken. Vor uns ein fast leerer Bühnenraum, nur drei Gestelle aus mannshohen Kupferrohren stehen auf Rollen vor schwarzer Rückwand.

Licht aus und wieder an: da stehen fünf Männer und fünf Frauen vor uns, das multi-, inter-, transkulturelle Ensemble des heutigen Abends, wie wir später hören werden. Jetzt erst einmal ertönt die Deutschlandhymne. Einer legt die Hand aufs Herz, keiner singt mit, doch dann, in die Musik hinein, beginnt einer von ihnen den Text von Heinrich Heines Versepos Deutschland. Ein Wintermärchen zu sprechen: Im traurigen Monat November war’s,/Die Tage wurden trüber/und hier wechselt er ins Türkische. So geht es weiter, die Sprecher*innen wechseln, zitieren jeweils die ersten beiden Zeilen ihrer Strophen auf Deutsch, dann arabisch, kroatisch, kongolesisch oder farsi. Beeindruckend, wie sich die Halbstrophen zu einem sinnvollen Text zueinander fügen: Und als ich an die Grenze kam,… Und als ich die deutsche Sprache vernahm.., Ein kleines Hafenmädchen sang…, Sie sang vom irdischen Jammertal….

Dann stellen sie sich vor: sie kommen aus aller Welt, Ava Azadeh, Kind iranischer Eltern, wurde in Deutschland geboren, während der Schüler Mortaza Hussaini erst vor zwei Jahren aus Afghanistan hierher kam. Alle leben in Düsseldorf, niemand ist Theater-Profi. Hartmut ist Deutscher, er spielt einen Busfahrer, der die interkulturelle Truppe jetzt gleich zu einem Gastspiel-Auftritt des Wintermärchens nach Hamburg fahren wird. Ein intelligenter Schachzug des Autoren- und Regieteams (Dorle Trachternach, Bianka Künzel, Alexander Steindorf), denn so können sich Situationsgeplauder, Fluchterinnerungen und momentane Stimmungen mit schlaglichtartigen Ausschnitten aus ihrem literarischen „Bühnenprogramm“ zu einer abwechslungsreichen Performance verflechten.

Das Gestänge auf der Bühne wird zusammengeschoben und deutet den Bus an, während an den Wänden Straßen- und Landschaftsvideos die Fahrt simulieren. Vieles kommt zur Sprache: Sehnsucht und Enttäuschungen, Hoffnung und Ängste, Chancen und Zerrissenheit, dabei ist immer wieder der Heine-Text der Stichwortgeber. Vieles bietet sich da an, die deutsche Seele oder das bedrohlich unter dem Mantel verborgene Beil, das seltsam blinkte, König Barbarossa, Vater Rhein, Traumgestalten sowie traumlose Nächte im Exil oder der Patriotismus mit seinen Geschwüren. Dann schließlich das herrlich humorige Fischessen in Hamburg bei Heines nerviger Mutter, das damals wie heute sich so abspielen könnte. Dabei trägt, wer Heine zitiert, jeweils einen altertümlichen Kragen, damit wir auch merken, dass mancher so heutig klingende Text tatsächlich aus der literarischen Vorlage stammt.

Einiges erfahren wir dabei vom Schicksal der Darsteller*innen, mal individuell und authentisch, mal humorig und allgemeingültig: wir schaffen das! Der Ton bleibt dabei zuversichtlich, gleitet nie ins Klischee ab. Während sich Rami Lazkani noch gerührt an die Willkommenskultur bei seiner Ankunft aus Syrien im Jahr 2015 erinnert, vermutet Ava desillusionierend, dass die Deutschen alle Ausländer lieben müssen, weil sie sonst Nazis sind. Trotz solcher leicht kritischer Ansätze, geht der Sarkasmus des Heine-Originals in der Aktualisierung verloren.

Das Ganze wird unterlegt von einem animierenden Sound, live und vom Band, mal drastisch, mal behutsam (Musik Matts Johan Leenders).