Die Philosophie im Boudoir im Bochum, Schauspielhaus

„Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“

Der Marquis de Sade ist so berühmt wie berüchtigt. Seine Philosophie im Boudoir stand, wie viele seiner Werke, zeitweise sogar auf dem Index. Herbert Fritsch, einer der erfolgreichsten Regisseure der Gegenwart, begründete sein Interesse an dem Stoff so: „Man muss sich auf extreme Gedanken einlassen, um sein eigenes Denken zu trainieren. Man muss Gedanken aus dem Giftschrank holen und sich ihnen stellen.“

De Sade stellt seiner 1795 veröffentlichten Schrift folgende Empfehlung voran: „Mütter, macht euren Töchtern die Lektüre zur Pflicht.“ Worum geht es? Ein junges Mädchen, die Klosterschülerin Eugénie, wird durch eine kleine Gruppe von Männern und Frauen, alle Adlige aus besten Kreisen, in die Sexualität eingeführt. Der freie Wille geht ihnen über alles, d.h. alle Handlungen sind erlaubt. Dies entspricht dem Ideal der Libertins, ihrem Wunsch nach grenzenloser individueller Freiheit.

Ausschweifungen jeglicher Art, politisch-philosophische Ideen zu Moral und Verbrechen, ein Gesellschaftsbild voller Lust, Leid und Leidenschaft – all das wird von de Sade bis zur letzten Konsequenz beschrieben und auf die Spitze getrieben.

Fritsch gelingt es, dieses nur schwer spielbare Werk auf die Bühne zu bringen. Seine sechs wunderbaren Darsteller (Svetlana Belesova, Jele Brückner, Anna Drexler, Anne Rietmeijer, Ulvi Teke, Jing Xiang) spielen nicht immer eine bestimmte Person. Der Text wird von einer Person an die nächste oft weitergereicht. Chorisches Sprechen wechselt mit Einzelauftritten ab. Sex und Gewalt sind miteinander verknüpft. Grausamste Varianten des Geschlechtsverkehrs, Gruppensexorgien, auch Erzählungen wie die vom Riesen Minski, der Menschenfleisch isst, und von einem Mord an einem jungen Mädchen – grauenhafte, sadistische Berichte und Beschreibungen reihen sich aneinander. Fritsch verharmlost nichts. Aber durch seine Art der Darstellung schafft er eine gewisse Distanz.

Die Bühne ist lackschwarz. In der Mitte ein leuchtend rotes Rechteck, das sich nach unten versenken (in eine Art Hölle?) oder auch zu einem Podest hochfahren lässt. Zu Beginn wird eine Frau (Julia Myllykangas) an ihrem Zopf aus der Tiefe gezogen und verschwindet im Bühnenhimmel. Am Ende des Abends wird sie von oben wieder heruntergelassen. Ein Abschlusspunkt nach all den zahlreichen Beschreibungen sexueller Handlungen, die fast immer Frauen in der untergeordneten Position ansiedeln?

Die Kostüme sind überwiegend schwarz-weiß und eine Mischung aus Anklängen an kirchliche Kleider (Nonnenhauben oder Bischofsgewänder), haben aber auch Fetischcharakter (z.B. hoch geschnürte Stiefel). Sie sind nie freizügig, was das Zeigen nackter Haut angeht. Die Schauspieler sind puppen- oder maskenhaft weiß geschminkt, die Augen sind durch besonderes Make-up betont. Sie bewegen sich häufig exaltiert, oft synchron.

Obwohl der Abend gespickt ist mit ausführlichsten Beschreibungen der zum Teil grausamsten sexuellen Fantasien und Praktiken, oft mit wollüstigem Stöhnen vorgetragen – vielen Zuschauern schien dies unerträglich zu sein und sie verließen geräuschvoll den Zuschauerraum, eine in Bochum höchst ungewöhnliche Reaktion des Publikums -, verfremdet Fritsch den Text von de Sade durch das affektiert- überzogene Sprechen, durch mancherlei Albernheiten und übertriebene Darstellung. So haben die Mitglieder dieser ach so freizügigen Gesellschaft alle eine weiße Strumpfmaske übergezogen, wenn sie die Mutter des jungen Mädchens grausam foltern. Wir sehen nur Mumienköpfe, keine Individuen. Wieder ein eindrucksvolles Bild. Was den Abend neben der an sich schweren Kost und trotz der grandiosen Bilder manchmal schwer erträglich macht, sind die zahlreichen Wiederholungen.

Otto Beatus begleitet die Inszenierung über weite Strecken am Klavier. Auch das erinnert an die Stummfilmzeit. Mal sind es Passagen aus Bachs Johannes-Passion, dann hören wir Richard Claydermans „Ballade pour Adeline“. Welch Kontrast zu dem Thema!

Als Fazit lässt sich sagen, dass der Abend trotz der angesprochenen Kritikpunkte ungemein beeindruckt. Ein exzellentes Ensemble, fantastische Kostüme, ein klares Bühnenbild, ja sogar eine in manchen Szenen überzeugende Choreographie.

Warum aber dieses Thema? Gerade in Zeiten der „MeToo-Debatte“ diese extensive Vorstellung von frauenverachtenden Sexualpraktiken? Diese Verherrlichung von Grausamkeit und fehlender Moral? Der Dramaturg Vasco Boenisch schreibt im Programmheft: „In jedem von uns steckt ein de Sade. Wer das nicht glaubt, vergisst, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind.“ Als Beispiel führt er die Ausbeutung armer Länder Asiens und Afrikas durch den Konsumterror des reichen Westens an. Und Gräueltaten unerhörten Ausmaßes sind tagtäglich in den Medien präsent, nicht nur in der Berichterstattung über diverse Kriege. Insofern ist jegliche Empörung über diesen Theaterabend gegenstandslos.