Am Boden im Dortmund, Schauspielhaus

Die himmelblaue Verschalung der Seele

Himmelblau. Blau wie der Himmel, blau wie der Horizont, blau wie die Leere, die rund um sie herrscht, wenn die G-Kraft sie in ihrem Kampfflugzeug nach hinten presst, bevor sie Raketen auf Minarette und Menschen regnen lässt: So blau ist der Anzug, den Alexandra Sinelnikova als namenlose Pilotin in George Brants Erfolgs-Stück Am Boden trägt, das in der Inszenierung von Thorsten Bihegue nun auch am Schauspiel Dortmund angekommen ist. Auf der Videowand hinter der Bühne sieht Sinelnikovas Silhouette aus wie eine Computer-Animation in einer Science-Fiction Show. Ihr Anzug hat in der Tat etwas von einem Astronauten-Kostüm aus einer SciFi-Serie. Er ist zu 20 % sexy und zu 80 % eine Rüstung. Eine himmelblaue, aber betonharte Verschalung der Seele.

Blau ist auch die Farbe des Urlaubs. Des Urlaubs von einem Kriegsschauplatz, auf dem die Bomber-Pilotin Schrecken und Zerstörung sät. Sie ist sich der Gefahr bewusst und genießt sie wie ein Junkie. „Urlaub“ – das ist „schön aber langsam“. „Laaaangsam“, sagt Sinelnikova, dehnt das Wort, dessen Verwandtschaft zur Langeweile überdeutlich wird. Langsam ist nicht schön für die Pilotin. Alle Vokabeln, die eine feminine Konnotation haben oder die für Otto Normalflieger so etwas wie Wärme, Glück oder Fröhlichkeit ausstrahlen, spricht Sinelnikova mit Abscheu und Verachtung aus: Urlaub. Cheerleader. Schwangerschaft. Küsse. Das „rosa Pony“ der Tochter. Aber auch: „Team“. Eine Einzelkämpferin ist diese Frau, voll brennendem Ehrgeiz. „She’s a superhuman girl … She is superduper smart“: Sufjan Stevens‘ Song beschreibt perfekt, wie die Kampfpilotin sich inzwischen sieht und wie wohl auch ihr baldiger Geliebter Eric sie zu Beginn ihrer Beziehung wahrnimmt. „She is Superman’s cousin“ – aber eine Frau mit femininen Regungen ist sie nicht. Gefühle der Wärme und Zuneigung werden eingekastelt in eine festverschlossene Black Box.

George Brant hat einen furiosen, atemlosen Monolog geschrieben, mit kurzen Sätzen und schlaglichtartigen Blicken auf die sterile Präzisionsarbeit heutiger Kriege. Es ist ein Stück zur Zeit – zur kalten, unmenschlichen Dramaturgie des Tötens. Zum Hass, zur Gehirnwäsche, der diejenigen sich unterzogen haben, die zum Töten abgestellt werden. Zur Dominanz der Technik, zur Allgegenwart der Überwachungskameras. Zur Erosion des humanen Empfindens bei Bomberpiloten und Drohnenkommandanten. Die Welt der Pilotin ist die Welt des Krieges, eine Welt der Machos. Brant zeichnet das irre Psychogramm einer Terroristenjägerin in einem Job, in dem moralisches Empfinden zur Schwäche wird und Fürsorglichkeit als Verweichlichung gilt. Die Maßstäbe verschieben sich – und mit den Maßstäben bekommt auch die Psyche eine Schieflage, die nicht mehr aushaltbar ist.

Gefühlt erleidet die Kampfpilotin aufgrund einer ungewollten Schwangerschaft den ultimativen Karriereknick. Sie wird zum Bodenpersonal „degradiert“ - von der Airforce zur „Chairforce“. Am Boden erhält sie einen sterilen Arbeitsplatz in der Wüste von Nevada. Unweit der Sin City Las Vegas steuert sie Kampfdrohnen zur Jagd auf Terroristen im 8000 Kilometer entfernten Afghanistan. Sie wird zur Herrin über Leben und Tod - in Schichtarbeit: Baby zu Hause, Joystick zur letalen Terroristen-Vernichtung im Office. Nichts mehr ist mit der Euphorie des Kampfeinsatzes unter blauem Fliegerhimmel, nichts mehr mit potentieller Nahtod-Erfahrung – aus dem Blau des Himmels und der Geschwindigkeit wird das Grau des Bildschirms. Ein Job für Sesselfurzer. Computer-Alltag. Krieg als Bildschirmarbeitsplatz. Die Pilotin erleidet eine posttraumatische Belastungsstörung. Baby und monotoner Killer-Job lassen sich nicht miteinander in Übereinstimmung bringen. „Dann macht es Booomh“, jubelt die Kampfpilotin wie einst der Bundesliga-Bomber Gerd Müller; sie stilisiert sich zum Gott, freut sich über umherfliegende Körperteile mutmaßlich schuldiger Islamisten. Doch „Booomh“ macht es am Ende in ihrer Seele. Im entscheidenden Moment, auf den sie monatelang gewartet hat, versagt sie. Und landet im Militärgefängnis.

Brants Text beruht zu ca. 50 Prozent auf dokumentarischen Aussagen. Die Videos von Mario Simon greifen dies in der Dortmunder Inszenierung auf: Wieder und wieder sehen wir Drohnen-Aufnahmen aus dem Kriegsgebiet, ausgedehnte Wüsten, in denen sich Dörfer und Straßen abzeichnen, eine Auto-Kolonne, in der man das Fahrzeug des „Propheten“ vermutet, des Anführers des islamistischen Gegners, der ausgeschaltet werden soll. Wir sehen die Bombeneinschläge, die Menschen und Dörfer vernichten, ahnen die „umherfliegenden Körperteile“, von denen im Text die Rede ist, lassen uns die von Wärmebildkameras eingefangenen Bilder langsam auskühlender Leichen erläutern. Oft werden die so erschreckenden wie bedrückenden Videos von dem Musiker Manuel Loos mit Live-Rhythmen unterlegt: Auf einer Split Screen detonieren Bomben im schnellen Beat der Rockmusik. Videos und Sound unterstreichen die Dringlichkeit des Textes: Die Grausamkeit des Krieges wird deutlich; erschütternd wirkt der Zynismus des Drohneneinsatzes, bei dem in 8000 Kilometern Entfernung alles als feindliches Ziel gilt, was unter „Männer im wehrfähigen Alter“ subsumiert werden kann. Ein Video-Gewitter mit Bildern aus Überwachungskameras dokumentiert die Aussage der Pilotin: Big Brother wacht überall, und er wacht über Leben und Tod – im Krieg wie im Alltag, in der Shopping Mall, in Afghanistan, in der Umkleidekabine, auf dem Schlachtfeld. Immer wieder werden diese Bilder kontrastiert von Filmaufnahmen biederer amerikanischer Familienszenen aus den 1950er oder 1960er Jahren.

Alexandra Sinelnikova spielt die harte, aber nach und nach an der Unvereinbarkeit von Familienleben und Kriegsspiel zerbrechende Pilotin virtuos. Wenn man der Regie respektive Sinelnikovas Spiel etwas vorwerfen will, dann ist es, dass die Pilotin von Beginn an als eine Frau mit einer ins Krankhafte übersteigerten déformation professionnelle dargestellt wird. Andere Inszenierungen stellen im ersten Teil des Stücks auf die Euphorie der Kampfpilotin ab, die, solange sie den Krieg aus der Luft betreiben darf, mit sich und der Welt im Reinen ist. Bihegue und Sinelnikova betonen die unmenschliche Härte und das grauenvolle Menschenbild der Pilotin. Großartig spielt die Schauspielerin die Besessenheit ihrer Figur, ihre Allmachtsphantasien, ihre Unfähigkeit zu entspannen. Da steht eine Frau, die mit aller Kraft ihre positiven Emotionen unterdrückt, deren Sprache ein Wüten ist, deren Kampf sich nicht nur gegen den äußeren Feind richtet, sondern in gleichem Maße gegen ihr Seelenleben. Unwillkürlich ertappt sich der Zuschauer bei dem Versuch, der namenlosen Person eine Biografie zu geben und nach Ursachen für ihr Verhalten zu suchen: Warum wurde sie so wie sie ist? Was hat dazu geführt, dass sie sich gegen jegliche Harmonie in ihrem Leben wehrt?

Sinelnikovas Figur lernt, ihre Tochter zu lieben, doch sie wehrt sich mit aller Macht dagegen. Die Zerrissenheit zwischen einer immer stärker aufkeimenden Liebe zur Tochter und ihrem ehrgeizig verfolgten todbringenden beruflichen Alltag spielt Sinelnikova ein wenig einseitig zugunsten der harten Killer-Frau, doch gelingt es ihr schließlich doch, auch ihre weiche Seite zu zeigen. Letztlich aber zeigt Sinelnikova die Pilotin als ein im Wortsinne asoziales Wesen, das das Alleinsein sucht und im Familienverband niemals glücklich sein könnte. „Nützlich“ soll sie sein ihrem neuen Job „am Boden“, doch es ist nicht Nützlichkeit, die sie antreibt, sondern ein unersättlicher Jagdinstinkt. Und so wird sie im täglichen Konflikt zwischen abendlichem Familienleben, das sie nicht genießen kann, und neunstündigem Kriegseinsatz am Bildschirmarbeitsplatz, der ihren Ehrgeiz und ihren Jagdinstinkt nicht befriedigen kann, mehr und mehr verrückt. Sinelnikova sitzt in der Umkleidekabine des Shopping Centers, am Steuer ihres Autos oder im Wohnzimmer ihres Heims und bedient einen imaginären Joystick. Der Druckausgleich funktioniert nicht mehr. Noch im Militärgefängnis wird sie zur Megäre. „Es gibt ein neues Rentier, und sein Name ist Hellfire“, hatte sie mit den Kollegen im Kommandoraum in Nevada gespottet. Das Höllenfeuer hat ihre Seele und ihren Kopf nun selbst zerstört.