Himmel über Paris im Theater Krefeld

Chansons und Sozialkritik

Lothar Kittstein, 1970 in Trier geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. Seit 2005 schreibt er für das Theater. So Kein schöner Land, 2006 in Krefeld uraufgeführt. Himmel über Paris – der Titel lehnt sich an Edith Piafs Chanson „Sous le ciel de Paris“ an – ist seine zweite Auftragsarbeit für das Theater Krefeld Mönchengladbach.
In Absprache mit dem Oberspielleiter Matthias Gehrt konzipierte er einen Abend, bei dem
der Musik - den französischen Chansons von Edith Piaf, Charles Aznavour, Gilbert Bécaud, und Jacques Brel – eine wichtige Rolle zukommt. Kittstein: „Sie ist auch eine Gestalt aus Paris, der man begegnet, die einen durch die Stadt begleitet.“

Die Geschichte handelt von zwei deutschen Parisbesuchern, einem geschiedenen Paar, das hier getrennte Wege geht und nichts von der Anwesenheit des anderen in der Stadt weiß. Frank, ein Ingenieur aus Herne (Adrian Linke), kam hierher, um das große Geschäft mit seinen neu entwickelten Superwindeltypen zu machen. Diesen Geschäftsbesuch will er mit einem amourösen Abenteuer verbinden. Natürlich geht das schief. Die Prostituierte (Vera Maria Schmidt mit langen Stiefeln, dem Klischee entsprechend) stiehlt ihm den Koffer mit dem wertvollen Inhalt und sein Geld. So macht sich Frank auf die Suche und landet per Zufall in den absolut nicht glamourösen Banlieues. Die Parallelgeschichte befasst sich mit seiner Exfrau Bettina (Esther Keil), einer biederen Französischlehrerein im adretten Jäckchenkleid. Sie will Paris genießen, um Abstand von ihrer Scheidung zu bekommen. Versehentlich steigt sie in einen falschen Bus. Auch sie verschlägt es so in die trostlosen Außenbezirke der Lichterstadt Paris. Im Laufe der Nacht irren die zwei Protagonisten durch die graue Peripherie, ohne voneinander zu wissen. Sie treffen auf Ghetto-Jugendliche (Phillip Sommer, Ronny Tomiska), auf eine sehr emanzipierte junge Muslima, Fatima (Carolin Schupa) – die sich gar nicht zurückhaltend gibt und deren Vater ein Clanchef in „Klein Damaskus“ ist -, und auf einen alten französischen Exsoldaten (Joachim Henschke). Er hat ein Bein im Krieg in Afrika verloren, hadert mit der Welt und nennt alle Farbigen „Affen“.
Kittstein lässt seine Hauptfiguren, die beide hier das suchen, was sie schmerzlich vermissen – Erfolg, Abstand vom tristen täglichen Allerlei daheim und Bestätigung - ,scheitern. Treffen sie doch auf ein ganz anderes, ernüchterndes Paris. „Das ist nicht mehr Paris. Das ist nicht einmal mehr Europa.“ Sagt einer der Ghetto-Kids nüchtern.

Der Abend wird musikalisch begleitet von Jochen Kilian (Klavier) und Heinz Hox (Akkordeon). Sie spielen nicht nur live bei den Chansons, sondern begleiten auch manche Szenen musikalisch.

Der Abend sollte gewiss nicht zu realistisch wahrgenommen werden. Kittstein will uns den „Alptraum Paris“ vorführen, womit er illustrieren möchte, wie sich unsere anscheinend vertraute Welt rasch verändert: „Drei Ecken weiter gelten die Codes, die unser tägliches Verhalten steuern, nicht mehr.“ Überlegungen, wie weit unsere bürgerliche, westliche Welt von Migrationsbewegungen, von einer europäischen Vielfalt bedroht ist, gehörten mit in die Planung dieser musikalischen Odyssee. Natürlich kann und soll ein solcher Abend keine sozialkritische Analyse liefern. Macht es jedoch Sinn, diese Aspekte oberflächlich anzureißen? Oder wäre ein reiner Chansonabend nicht ehrlicher gewesen?

Die Schauspieler, insbesondere Linke und Keil, meistern den gesanglichen Part gut. Henschke zelebriert seine Darbietung in gewohnter Weise, aber nicht überzeugend. Was bei „seinem“ Publikum jedoch dennoch gut ankommt.
Man verlässt das Theater irritiert. War es das? Reicht es, eine zum Teil magere Handlung durch beliebte und bekannte Chansons aufzupeppen?

Dem Krefelder Publikum gefällt der Abend. Insofern ist er durchaus adressatengerecht. Man klatscht im Takt, nimmt jeden Scherz - und sei er noch so banal - gerne auf und applaudiert reichlich. Damit kann die Leitung des Hauses zufrieden sein.