Am Königsweg im Aachen, Theater

Nicht infantiler Einfaltspinsel, sondern irrer Narzisst

Der König sagt, was ist, nur Sie täuschen sich immer, er nicht.“ Wir wissen, wer der König ist. Elfriede Jelinek nennt ihn nicht ein einziges Mal beim Namen, aber es ist von Beginn an klar, von wem die Rede ist. Das Publikum weiß, dass es eine bittere Satire oder eine lustige Komödie zu Donald Trump zu sehen bekommen wird, und vielleicht ist es dieses Wissen, das Am Königsweg im Gegensatz zu den meisten Jelinek’schen Textflächen sogar halbwegs lesbar macht: Der Leser hat – ebenso wie der Theaterzuschauer - eine konkrete Person vor Augen, auf die er Kalauer und Zynismen, Satire und Wortspiele beziehen kann.

Am Theater Aachen beginnt Christian von Treskows Inszenierung mit einem Monolog aus der Mitte von Elfriede Jelineks ausufernder Textfläche: „Nicht zu korrekt sein, nicht schreien, nicht spucken, … Nicht selbstgerecht sein und nicht korrekt sein, aber auch nichts sein, was andere beleidigen oder kränken könnte.“ Marion Bordat beschreibt den Königsweg scheinbar ganz ernst, doch schon mit bitterem Sarkasmus mit Blick auf den egomanen König: „… nicht bei jeder Gelegenheit Halt! schreien, davon wird nichts angehalten werden, nicht von Menschen, die nicht einmal für Tiere halten würden.“

Marion Bordat ist die blinde Seherin; man mag sie als die Verkörperung der Autorin auf der Bühne interpretieren. In schwarzem Kleid und mit weißer Perücke ausstaffiert wie in einer altmodischen Klassiker-Inszenierung, spricht sie direkt das Publikum an. Bordat findet eine gute Balance zwischen Jelineks Sprachspielen, die in Christian von Treskows Inszenierung am Theater Aachen kaum je etwas Kalauerndes bekommen, ihrem Witz und dem Abscheu über die politischen Inhalte und Vorgehensweisen des Königs mit der „dottergelben Fönfrisur“. In der Uraufführung vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg hatte Ilse Ritter das Alter Ego der Autorin gespielt: berührend, zart und mit unendlicher Resignation. Bordats Figur ist selbstbewusster, härter, aber kaum weniger resigniert. Die hochgelobte, von der Theaterkritik zur „Inszenierung des Jahres 2018“ gewählte Arbeit von Falk Richter am Deutschen Schauspielhaus war nach Ansicht des Unterzeichners in turbulentem Trash untergegangen. Christian von Treskows Fassung am Theater Aachen zitiert diesen Trash ebenfalls. Aber sie ist ernsthafter und nachdenklicher. Sie ist weniger opulent, aber dafür klar strukturiert. Das verleiht ihr Relevanz. Dass sie zwei Stunden kürzer ist als die Hamburger Uraufführung, schadet ihr keineswegs.

Die Infantilisierung, die der Unterzeichner der Hamburger Inszenierung vorgeworfen hat, lässt sich nicht nur aus der realen Person des Königs Trump herleiten, sondern sie wird von der Autorin sogar gefordert. Jelinek will Trash – sie weist in einer Regieanweisung darauf hin, dass sie gern Miss Piggy und die sonstigen Muppet Show Figuren auf der Bühne sehen möchte. Christian von Treskow bedient diesen Wunsch durchaus, aber er macht von Beginn an klar, dass seine Inszenierung einen ernsthafteren, sachlicheren Angang an Jelineks Thema anstrebt. Kurz taucht Miss Piggy auf, doch von Treskow vermeidet das Schrille, das der Hamburger Inszenierung anhaftete. Seine Komik ist intelligent und absurd: Trump ist nicht der infantile Einfaltspinsel, nicht die Lachnummer, sondern der irre Narzisst, der mit seinen absurden Verhaltensweisen und Denkmustern den westlichen zivilisatorischen Konsens gefährdet. Wer Jelineks 92-seitige Textfläche bändigen will, muss sich entscheiden, was er erzählen will. Die Aachener wollen erklärtermaßen das gesellschaftliche Phänomen beleuchten, dass ein grober, ungebildeter Egomane durch einen demokratischen Prozess an die Macht gelangen und alle Fortschritte der modernen westlichen Demokratien im Handstreich in Frage stellen kann.

Trumps Sex- und Immobilienskandale werden thematisiert, sein frühkapitalistisches Gebaren, seine früheren Insolvenzen, seine Twitter-Manie, sein nicht vorhandenes Wertesystem. Ein riesiger Trump-Götzenkopf taucht auf und sondert eine Menge empörender (Original-Zitate des US-Präsidenten ab. Ein Schwerpunkt der Aachener Interpretation liegt jedoch auf dem grassierenden Nationalismus und der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit. Großartig wird das Faschistoide des Trump-Regimes herausgearbeitet. Wie eine aggressive Polit-Schlägertruppe skandieren die Schauspieler fremdenfeindliche Parolen: „Ihr kommt von draußen, bleibt es auch!“ Ein Chor der Arbeiter und Trump-Wähler brüllt „Das Land gehört uns!“ Doch denkt die Inszenierung weit über den US-amerikanischen Einflussbereich Trumps hinaus. Von Treskow findet aktuelle Bezüge zur hiesigen Gegenbewegung der Bürger gegen Rechtspopulismus. Die heißt bekanntlich: „Wir sind viele“. In Aachen skandiert der Chor voller Aggression: „Wir sind gegen viele!“ Trump will die Mauer zu Mexiko.
Von Treskow geht die Aufführung mit den unterschiedlichsten Theatermitteln an. Da sind zunächst einmal die zahlreichen Anklänge an die griechische Tragödie – naheliegend, zieht doch schon Elfriede Jelinek Parallelen zum Ödipus-Mythos in der Interpretation von André Girard. Der zufolge will im
Ödipus jeder die Rolle des souveränen Richters spielen, selbst der Chor (das Volk) und der blinde Seher Teiresias. Damit werden jedoch alle nur Opfer der eigenen Hybris, denn längst sind sämtliche Figuren angesteckt von der Krankheit der Moderne: einer Gewalttätigkeit aller gegen alle. Auch bei Jelinek wird Ödipus, als er endlich (und viel zu spät) seine Schuld erkennt, zum strafenden Mittel der Selbstblendung greifen. Aber alt-griechischem Ernst stehen in Aachen in gleichem Ausmaß Pop und Trash gegenüber: Ein Comic-Ballett zwitschert (twittert!), Superman wird ebenso zitiert wie die Helden des Wilden Westens. Kabarett, Trash und Pathos wechseln einander ab; wir erleben pantomimische Darstellungen, Choreographien, ein großartiges Ballett der rückwärts gewandten Engel, eine Shopping Queen, die die Bühne auf einem Segway umkurvt. Macbeth-Hexen nehmen den König aufs Korn; der verwandelt sich in den nicht minder egomanen blutrünstigen Richard III. mitsamt hässlichem Buckel. Manchmal gerät die Aufführung zu einer großartigen Nummernrevue – hinter der Bühne muss der Teufel los sein, denn ständig tauchen die Schauspieler in neuen, phantasievollen Kostümen auf.

So bekommt die Aufführung eine enorme Fallhöhe zwischen Trash und politischem Appell, Ernst und Witz, Engel und Teufel. Auch das entspricht den Eigenheiten des Jelinek’schen Texts, in dem abenteuerliche Assoziationen einander in schneller Folge jagen. Regisseur von Treskow beschreibt das in einem im Programmheft abgedruckten Interview ironisch, aber zutreffend: „YouTube und Supermario meets Sophokles und Euripides meets Meyerhold und Pina Bausch.“ Martin Heidegger und die Bibel nicht zu vergessen. Die größte Faszination üben jedoch die regelmäßigen Szenen auf einer rotierenden Bühne aus, die zunächst wie ein graues Oval Office wirkt. Stumme Menschen mit weißen Masken und teilweise unnatürlich verdrehten Körpern verrichten in diesem Raum Alltagstätigkeiten: Sie duschen, knabbern Popcorn, trainieren, arbeiten am Laptop. Immer wieder strukturieren die Szenen mit dieser seltsamen Bevölkerung den Abend. Eine Art Wohlfühlmusik erklingt dazu; durchgängig herrscht ein angenehmer Ton, während höchst unangenehme, bedrohliche Wahrheiten ausgesprochen werden. Im Märchenton erklingen diese über Lautsprecher aus dem Off; asynchron werden dazu Jelinek-Texte an die Rückwand projiziert. Diese Szenen üben eine magische, sogartige Wirkung aus. Doch sie nehmen ein tödliches Ende. All die Menschen, die auf der rotierenden Plattform ihr trostloses Leben geführt haben, werden zu Opfern der griechischen Tragödie. Ödipus hat blutunterlaufene, zerstochene Augen, ein anderer einen gespaltenen Schädel. „Die Worte sind aufgebraucht. Jetzt herrschen die Aufgebrachten“, heißt es. Und drohend: „Die Leute, die den König … gewählt haben, werden bald etwas über den Opferkult erfahren.“

Längst hat sich eingebürgert, Jelinek als bildersattes, turbulentes Theaterereignis mit kirmesähnlicher Hochtourigkeit zu inszenieren. Von Treskow dagegen traut sich, das Publikum zum selbständigen Denken herauszufordern und die Aufführung nicht nur – wie in den Szenen der Fremdenfeindlichkeit – mit plakativen Szenen konsumierbar zu machen, sondern sie immer wieder auch zu verrätseln. Es ist gleichgültig, ob man Am Königsweg in zwei oder vier Stunden entlangwandert – der Weg wird stets zu einer Nummernrevue. Manche Nummern sind überflüssig, andere austauschbar. Aber die Mischung aus Wut, Trash und Reflexion, die Christian von Treskow in seiner präzise durchdachten, sehr eigenständigen Interpretation gefunden hat, ist großartiges politisches Theater. Es ist ein starkes Stück, das Donald Trump uns täglich liefert. Von Treskow beweist, dass Elfriede Jelinek aus diesem fatalen Umstand auch ein starkes Theaterstück gewonnen hat.